LICHTENFELS

Lichtenfels: Norbert Jungkunz und seine Trucker

Norbert Jungkunz kennt die Sorgen und Nöte der Trucker. Foto: RED

Betriebsseelsorger Norbert Jungkunz ist für viele Trucker ein wichtiger Ansprechpartner. Wie kaum ein anderer kennt er ihre Sorgen und Nöte.

„Mit vollgefülltem Einkaufswagen verlasse ich den Discounter am Samstagvormittag. Trotz Corona ist kein Versorgungsengpass zu bemerken. Orangen aus Spanien, Oliven aus Griechenland, Äpfel vom Bodensee, Joghurt aus Berchtesgaden und Avocados aus Neuseeland sind jederzeit in den Regalen. Seitdem ich als Betriebsseelsorger im Erzbistum Bamberg tätig sein darf, sind mir die Fernfahrer als eine besondere Berufsgruppe ans Herz gewachsen und zur Herausforderung geworden. Mein mehr oder weniger reich gedeckter Mittagstisch hat wesentlich mit diesen Menschen, Männern und Frauen, zu tun, die sich täglich den Gefahren und Bedingungen der Straße aussetzen.

Stundenlange Staus an den Grenzen

Besonders im ersten Lockdown wurde es der Wirtschaft und dem Handel bewusst, dass nichts geht, wenn die Lieferketten unterbrochen werden. Die Bilder von stundenlangen Staus an den Grenzen sind mir noch in Erinnerung. Die Transporteure und Chauffeure, die Trucker und Sprinterfahrer wurden plötzlich als systemrelevant wahrgenommen. Ihnen wurden Lieder gesungen, und sie wurden beklatscht.

Doch an den Autobahnen und Autohöfen fanden sie keine würdigen Versorgungsmöglichkeiten vor. WC-Nutzung beim Kunden verboten, Duschen geschlossen, Restaurants verrammelt. Anständig essen gar nicht möglich. Langsam entspannte sich die Situation über die Sommerzeit. Doch jetzt im Lockdown light werden die ,Versorger der Nation‘ wieder vergessen, in Bayern gibt?s nur To-go-Speisen. Das bedeutet Essen im Freien oder im eigenen Führerhaus, allein, nach einer 15-Stunden-Schicht und zehn anstrengenden Stunden hinter dem Lenkrad. Manch einer ist darüber ziemlich frustriert, und offen äußern sie ihren Ärger – zu Recht.

Unter der Lupe der Corona-Pandemie offenbart sich, was schon lange in der Logistikbranche schief läuft. Für die Menschen, die täglich unsere Güter für das täglich Brot transportieren, sind die Versorgung im Krankheitsfall unterwegs, die Verfügbarkeit von Parkplätzen für die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten, die Einrichtungen für die tägliche Hygiene mehr als mangelhaft.

Prekäre Verhältnisse ein Skandal

23 000 Fahrer gehen bei der abendlichen Reise nach Jerusalem um einen Ruheplatz leer aus – jeden Tag. Diese prekären Verhältnisse sind ein Skandal. Mir ist bewusst geworden, dass aufsuchende Seelsorge auch in dieser Zeit notwendig und verantwortet auch möglich ist. Die Vereinsamung und Vereinzelung unter den Fahrern sehe ich als Problem.

Die psychische Erschöpfung, die gesellschaftlich spürbar ist, erfasst auch die Menschen unterwegs. Ständiges Fahren durch Nebel und auf Sicht, wie wir alle es erleben, strengt an.

Wenn ich an Wochenenden auf Autohöfen, an Rastplätzen oder einfachen Autobahnparkplätzen die dort Gestrandeten aufsuche, komme ich mit Vätern, Ehemännern, Söhnen oder Töchtern ins Gespräch, die ihre Tätigkeit für wichtig halten. Drei von ihnen sitzen zwischen den Lastern, haben ihr Pallettenfach aufgeklappt, hinter dem sich die Utensilien für Küche und Kochen verbergen. Ich begegne ihnen am Parkplatz Coburger Forst. Freundlich bieten sie Tee an. In einem Kauderwelsch aus Englisch, Italienisch und Fränkisch kommen wir ins Gespräch.

Sie kommen aus Rumänien, der Ukraine und der Türkei. Auf Klappstühlen mit Abstand kommt man sich näher. Bilder von Familie und Heimat werden gezeigt. Sechs Wochen sind sie fernab ihrer Lieben unterwegs, erst dann können sie wieder nach Hause. Es ist eine versöhnliche Männer-Runde in Coronazeiten. Zum freundlichen Abschiedsgruß bestätigten wir einander: Auf der Straße sind wir alle ,fratelli‘.

Für die Begegnung mit diesen ,Brüdern‘ bin ich dankbar. Ist sie nicht eine Vision für eine vielfältige europäische Gesellschaft im Bild einer Wochenendbegegnung am Autobahnparkplatz?

Was passiert in der Logistik-Branche

Allerdings motivieren mich diese Begegnungen erst recht, kritisch zu hinterfragen, was in diesen Tagen in der Logistik geschieht. Der einzelne Fahrer empfindet sich gegenüber einer wettbewerbs- und profitorientierten Wirtschaft als schwächstes Glied und den negativen Entwicklungen völlig ausgeliefert. Das Bild des Königs der Landstraße hat sich verkehrt zum Lastesel in der Logistik. Die Wertschätzung gegenüber der verantwortungsvollen Arbeit ist unter die rollenden Räder gekommen.

Norbert Jungkunz hat immer ein offenes Ohr für die Brummi-Fahrer. Foto: Barth

Aus der Perspektive des Seelsorgers lassen sich hier die Ursachen für den starken Imageverlust, großen Fahrermangel, die wahrnehmbare Verwahrlosung und die wachsende Aggressivität in der Branche erkennen. Billigtransporte rauben diesen Frauen und Männern Lebensräume und Träume.

Die hohe Verantwortung, der Stolz und die Freude am Fahren wurden beim Truckerfestival der Franken-Strolche in Lichtenfels in den vergangenen Jahren für alle Besucher sichtbar. Leider mussten wir auf diese fröhlichen Begegnungen, Diskussionen und Gottesdienst im Spätsommer verzichten.

„Jetzt im Lockdown light werden die ,Versorger der Nation‘ wieder vergessen.“
Norbert Jungkunz, Betriebsseelsorger

Oberfranken ist eine Logistikdrehscheibe. Spediteure und Unternehmer, Fahrerinnen und Fahrer, die ich kennenlernen durfte und die ihren Beruf mit Freude, Talent und Engagement ausüben, hätten gerade in dieser Zeit der Pandemie mehr Wertschätzung und Unterstützung verdient. Stattdessen geht der ruinöse Preiskampf in der Krise unverändert weiter und begünstigt die Auftraggeber, hinter denen nicht selten die großen Handelskonzerne und Automobilbauer stehen. Der Eindruck entsteht, dass der ehrliche und faire Unternehmer auf der Strecke bleibt.

Der freie Markt löst diese Fehlentwicklungen nicht. Das wird auch deutlich, als ein junger Familienvater über seine existenziellen Probleme mit mir redet. Seine Firma schickte ihn in die Kurzarbeit. Sein Grundlohn war ohne Spesen und Zuschläge so niedrig, dass er seine Familie mit den 67 Prozent Kurzarbeitergeld nicht versorgen konnte. Ein Familienvater aus Georgien sitzt hinter dem Lenkrad und gibt mir zu verstehen, dass er nur wegen seiner Familie dieses Nomadenleben auf sich nimmt. Er fährt für eine polnische Firma und verdient dreimal so viel monatlich wie in seiner Heimat. Es sind 950 Euro. Es wird Zeit, dass die unrechten Arbeitsbedingungen und Löhne in Europa angeglichen werden, damit ein menschenwürdiges Auskommen auch in der Rente möglich wird.

Unrechte Arbeitsbedingungen

Noch fehlen in der Branche 50 000 Berufskraftfahrer, die Branche wird sich verändern müssen. Sicher werden Digitalisierung, autonomes Fahren, Klimaschutz und Wasserstofftechnik das Fahren und Leben unterwegs in der Zukunft neu ausrichten. Dabei sollten die Verantwortlichen daran denken, dass diese Investitionen dem Menschen und seiner Würde dienen. Hinter jedem Lenkrad sitzt ein Mensch!

Frauen und Männer aus unserer Region verbinden uns mit ganz Europa. Sie bringen unser täglich Brot (… und noch viel mehr). Daran erinnert mich der volle Einkaufswagen. Er füllt sich nicht von allein.“

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