LICHTENFELS

Lichtenfels: Ein Stück Energiewende vor der Haustür

Bei der SÜC Coburg steht die Wasserkraft im Fokus. Hier können Kunden mit dem Main-SÜC-Strom beispielsweise Elektrizität zu 100 Prozent aus Wasserkraft beziehen, und zwar aus den Kraftwerken am Main in Hausen (Bild), Kirschbaummühle und Oberwallenstadt. Foto: Marion Nikol

4500 Kilowattstunden. Das ist die Menge an elektrischer Energie, die eine vierköpfige Familie im Durchschnitt pro Jahr im Haushalt benötigt. In Anbetracht des Klimawandels dürfte es immer mehr Menschen interessieren, wo der Strom, mit dem täglich das Essen gekocht oder auch das Home Office betrieben wird, eigentlich herkommt. Dies ist vor allem dann interessant, wenn es sich beim Energieversorger um ein regionales Unternehmen wie die Stadtwerke handelt.

Zeit, etwas Licht ins Dunkel zu bringen

Doch so einfach lässt sich diese Frage nicht beantworten. Denn die Dynamiken des Strommarkts mit seinen unzähligen Anbietern und gesetzlichen Rahmenbedingungen sind überaus komplex. Zeit, etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Jeder, der gerade Kaffee kocht oder sein Handy lädt, bezieht elektrische Energie aus dem öffentlichen Stromnetz. Gespeist wird dieses von Kohle- und Atomkraftwerken ebenso wie von Photovoltaik-, Wasser-, Windkraft- und Biomasseanlagen. Den eigenen Verbrauch bestimmten Quellen zuzuordnen, ist jedoch physikalisch kaum möglich und würde nur dann funktionieren, wenn die eigene Stadt oder Region weitgehend mit eigenen Kraftwerken versorgt und nur über schwache Leitungen mit dem Rest der Welt verbunden ist. Doch die Vernetzung ist mittlerweile so ausgeprägt, dass die Zuordnung zu einzelnen Erzeugungsanlagen schwierig bis unmöglich ist.

Zuordnung des Stroms ist nur bilanziell möglich

Insbesondere Ökostrom-Kunden dürften sich wünschen, dass der bezogene Strom im eigenen Haushalt tatsächlich aus umweltfreundlichen Anlagen stammt. Doch für Strom gilt die Physik, und die bedingt, dass aus der heimischen Steckdose immer der Strom vom nächstgelegenen Erzeuger fließt. Einfach ausgedrückt heißt das: Wer unmittelbar neben einem Wasserkraftwerk wohnt, erhält physikalisch betrachtet grünen Strom, unabhängig davon, welchen Tarif er bezieht. Wer vom Küchenfenster auf ein Kohlekraftwerk schaut, bekommt dessen Strom auch dann, wenn ein Ökotarif auf der Rechnung steht.

Was physikalisch nicht möglich ist, lässt sich stattdessen bilanziell erreichen: Energieversorger können beispielsweise Zertifikate erwerben und somit Strom aus konventionellen Quellen „grün“ machen. Auch die Stadtwerke Lichtenfels haben derartige Garantiezertifikate (GoOs beziehungsweise Guarantees of Origins, siehe hierzu Infokasten) gekauft, die aus europäischer Wasserkraft, europäischer Biomasse und deutscher Biomasse stammen.

Wie Werkleiter Dietmar Weiß erläutert, soll damit sichergestellt werden, dass Kunden letztlich Ökostrom beziehen: „Beim Vertriebsprodukt Korbstrom wurden die vollständigen Mengen bilanziell mit Garantiezertifikaten versehen, weshalb wir von ,100 Prozent zertifizierten Ökostrom‘ sprechen können.“ Alternativ bestünde die Möglichkeit, einen so genannten „gelabelten“ Ökostrom anzubieten, der über ein Siegel von unabhängigen Stellen wie TÜV oder Bund Naturschutz verfügt, doch dafür gibt es aus Sicht der Stadtwerke zu wenig Käufer.

Regional erzeugten, regenerativen Strom ausbauen

Wie Dietmar Weiß ebenfalls betont, ist den Stadtwerken Lichtenfels bewusst, dass der aktuell durch GoOs zertifizierte Ökostrom nur ein Anfang ist. „Um Regionalstrom verkaufen zu können, bedarf es ausreichend regional erzeugter Mengen. Die Erzeugung regenerativen Stroms wird von uns aktiv vorangetrieben, unter anderem mit dem Solar-Lärmschutzwand in Reundorf, dem Solarpark in Kösten und der geplanten Solaranlage auf der Überdachung des Parkdecks Oberes Tor.“ Dieser regional erzeugte Strom soll zudem in ein entsprechendes Produkt überführt und den Kunden angeboten werden. „Nähere Untersuchungen und Planungen dazu sind bereits im Gange“, ergänzt der Werkleiter.

Bei der SÜC Coburg steht die Wasserkraft im Fokus

Während die Stadtwerke Lichtenfels vornehmlich auf Sonnenenergie setzen, steht bei der Städtische Werke Überlandwerke Coburg GmbH (SÜC) wiederum die Wasserkraft im Fokus. Hier können Kunden mit dem Main-SÜC-Strom beispielsweise Elektrizität zu 100 Prozent aus Wasserkraft beziehen, und zwar aus den Kraftwerken am Main in Hausen, Kirschbaummühle und Oberwallenstadt. Dabei werden nur so viele Verträge abgeschlossen, dass die in den Wasserkraftwerken erzeugte Menge dafür auch ausreicht.

„Jeder wünscht sich zwar sauberen Strom, aber oftmals ist dann doch der Preis der ausschlaggebende Punkt, ganz egal, wo der Strom herkommt.“

Stefan Schneidawind,

Prokurist der SÜC Coburg

Die jährliche Erzeugung liegt bei acht Millionen Kilowattstunden Strom. Bis zum dritten Quartal soll zudem ein Regionalstromprodukt folgen, bei dem der Kunde in gewissem Maße bestimmen kann, wo der Strom herkommt. Stefan Schneidawind, Prokurist der SÜC Coburg bedauert allerdings, dass bislang nur wenige bereit sind, für grüne Energie etwas mehr zu bezahlen: „Jeder wünscht sich zwar sauberen Strom, aber oftmals ist dann doch der Preis der ausschlaggebende Punkt, ganz egal, wo der Strom herkommt.“

Die Stadtwerke Lichtenfels treiben die Erzeugung regenerativen Stroms in der Region ebenfalls voran, unter anderem mit d... Foto: Stadtwerke Lichtenfels

Dass die Wasserkraft neben der Photovoltaik viel Potenzial birgt, um die Energiewende auf regionaler Ebene voranzubringen, zeigt sich auch anhand der Zahlen:

Der Freistaat erzeugt jährlich rund 10,7 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Wasserkraft, der Anteil an den erneuerbaren Energien beträgt dabei rund 29 Prozent.

Für Stefan Schneidawind von der SUEC Coburg liegt der „Charme“ der Wasserkraft zum einen beim Erntefaktor, der im Vergleich zur Photovoltaik oder Windenergie um ein Vielfaches höher ist. Zum anderen können Wasserkraftwerke rund um die Uhr zuverlässig Strom erzeugen und so einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten.

Und die Anlagen sind langlebig: Seit 1914 gibt es das Kraftwerk Kirschbaummühle, seit 1922 in Oberwallenstadt und seit 1933 in Hausen. Durch regelmäßiges Warten und auch Modernisierungen lässt sich der Wirkungsgrad nicht nur beibehalten, sondern auch steigern.

Keine Erzeugungsanlage ist gänzlich frei von Auswirkungen auf Ökosysteme

Natürlich sind der Wasserkraftnutzung ökologische Grenzen gesetzt, die es beim weiteren Ausbau zu berücksichtigen gilt. Doch ganz gleich ob Wasser, Sonne oder Wind – es scheint bislang keine Energieerzeugungsanlage geben, die gänzlich frei von Auswirkungen auf Ökosysteme ist. Die Energiewende findet hauptsächlich auf dem Land statt, sie wird Flächen verbrauchen und in die Lebensräume von Tieren und Pflanzen eingreifen.

Letztlich dürfte in diesem Zusammenhang vor allem eine Frage in den Vordergrund treten: Welchen Preis ist die Gesellschaft bereit für Mobilität und Wohnkomfort zu zahlen? Aufhalten oder rückgängig machen, lässt sich der Fortschritt ohnehin nicht, wohl aber in die richtige Richtung lenken, beispielsweise indem zukunftsfähige Technologien stärker gefördert werden. Und der mündige Bürger wiederum ist jeden Tag in der Lage, bewusste Entscheidungen zu treffen, sei es beim Konsum, beim Fortbewegungsmittel oder eben auch beim Stromtarif.

Zertifizierung und EEG

Die „EECS-GoO Zertifizierung“ kurz erklärt:

Seit 2016 existiert das sogenannte European Energy Certificate System (EECS-GoO). Dabei wird für jede ökologisch erzeugte Megawattstunde an Strom ein Zertifikat ausgestellt. Um die Vergabe dieses Zertifikates zu erreichen, muss der Stromproduzent seine Stromanlage von einem unabhängigen Gutachter kontrollieren lassen. Nach erfolgreicher Überprüfung kann diese als regenerative Anlage registriert werden. Im Anschluss erhält der Stromproduzent beim EECS ein Konto. Auf diesem Ökostromkonto werden die Zertifikate für den produzierten Ökostrom notiert, die vom Erzeuger an andere Marktteilnehmer, zum Beispiel an Stadtwerke, verkauft werden können. Eine Neubau-Verpflichtung regenerativer Anlagen beinhaltet das Zertifikat allerdings nicht, was von Umweltverbänden kritisiert wird.

In Deutschland wird der Ausbau der erneuerbaren Energien gesetzlich über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gefördert und von den Stromkunden bezahlt. Daher gibt es deutsche Herkunftsnachweise nur in geringem Umfang. Der deutsche Ökostrom stammt größtenteils aus dem europäischen Ausland, zum Beispiel aus norwegischen Wasserkraftwerken.

 

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