LICHTENFELS

Lichtenfels: Corona macht Kinder dicker, nicht dick

Lichtenfels: Corona macht Kinder dicker, nicht dick
Mit der Chipstüte vor dem Fernseher - ein Dickmacher. Foto: Corinna Tübel

Seit Jahren warnen Kinderärzte schon davor, dass Kinder und Jugendliche zunehmend adipös werden. Die Corona-bedingten Einschränkungen sind hierfür also sicherlich nicht der Auslöser, sondern eher der Verstärker einer schon vorbestehenden Problematik. Zwar liegen noch keine belastbaren Daten und systematischen Auswertungen zu vermehrten ungesunden Gewichtszunahmen bei Kindern oder Essstörungen während der Corona-Krise vor, doch beobachten Kinderärzte wie Dr. Doris Feulner-Kamleitner einen besorgniserregenden Trend: „Was mir in der Praxis im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen jedoch aufgefallen ist, dass überwiegend bei Kindern, die schon übergewichtig waren, die Gewichtszunahme im letzten Jahr einen sehr steilen Anstieg verzeichnete. Auf einen bereits hohen Ausgangswert kommt jetzt noch eine hohe Steigerung, was natürlich die Gesundheitsrisiken ebenfalls potenziert.“ Auch Dr. Elisabeth Rauh, Chefärztin im Fachzentrum für Psychosomatik der Schön Klinik Bad Staffelstein, verdeutlicht, dass nicht der Lock-Down an sich zu einer ungesunden Gewichtszunahme bei Menschen führe, sondern dass ein vorhandenes Risikoverhalten nun beschleunigt und verstärkt werden könne.

Es fehlen geregelte Strukturen

Die möglichen Ursachen können beispielsweise im Wegfall geregelter Essenszeiten während der Betreuung in Kindertagesstätten oder des Präsenzunterrichts in den Schulen liegen. Im Home-Schooling beispielsweise sei es nicht für alle Eltern möglich, das Essverhalten der Kinder zu regulieren und zu verhindern, dass neben dem Erledigen der Hausaufgaben massenhaft Süßigkeiten und Säfte sowie Limonaden konsumiert werden. Zusätzlich fällt durch die soziale Isolation für viele Kinder ein Großteil ihrer körperlichen Aktivität weg, da die Spielkameraden fehlen.

Lichtenfels: Corona macht Kinder dicker, nicht dick
Bildschirmessen ist eine gefährliche Gewohnheit für ungesundes Verhalten oder gar Ess-Störungen - auch oder gerade währe... Foto: Corinna Tübel

Die Medienzeiten werden ungleich höher und gerade in der Gruppe der über Zehnjährigen beträgt die Zeit vor dem Bildschirm bis zu zehn Stunden am Tag. „Der Wegfall von Sportangeboten durch Sportvereine sowie nicht mehr vorhandene Freizeitangebote tragen ihr Übriges zum ungesunden Lebensstil bei“, so Dr. med. univ. Doris Feulner-Kamleitner. Hierbei spiele zudem der Schutzfaktor des Sports in Gemeinschaft eine große Rolle: Zur Bewegung mit Freunden oder in einem Sportverein werde man häufig „mitgezogen. Ausreden zählen oft nicht“, weiß Dr. Elisabeth Rauh. Diese positive Kontrolle entfalle nun ebenso.

Essen gegen Frust, Langeweile und Stress

Doch auch psychosomatische Hintergründe spielen eine Rolle: Das emotionale Essen bei Frust, Langeweile oder Einsamkeit könne für gefährdete Personengruppen ebenso zunehmen wie das „Essen gegen Stress“ in dieser Pandemie mit ihren unterschiedlichsten Belastungen. Auch die Zunahme des „Essens vor dem Bildschirm“ bereitet Dr. Elisabeth Rauh Sorge: „Das Essen wird nicht achtsam genossen, sondern nebenher. Dabei verliert man den Überblick über Sättigungsimpulse. Außerdem isst man dann meist ungesunde, hochkalorische Süßigkeiten oder Knabbereien.“

Lichtenfels: Corona macht Kinder dicker, nicht dick
Dr. med. univ. Doris Feulner-Kamleitner, Kinderärztin im MVZ von Regiomed in Lichtenfels. Foto: red

Doch ein solches Verhalten lässt sich nicht für alle Kinder und Familien pauschalisieren: Kinder aus Familien, in denen ein gesunder Lebensstil auch bisher eine große Rolle spiele, sind hiervon weit weniger betroffen, als andere, beobachtet die Kinder- und Jugendärztin. Das heißt: Kinder, die ohnehin auch vorher schon ein hohes Risiko hatten, sind jetzt noch mehr gefährdet. Das gelte übrigens auch für Erwachsene, so Dr. Doris Feulner-Kamleitner. Der Lockdown sei ein Teufelskreis: Man sei oft unzufrieden, merke, dass man dies oder jenes nicht machen könne, man bleibe zu Hause und belohne sich mit Essen, weiß auch die Chefärztin im Fachzentrum für Psychosomatik.

Zusammenhang zwischen Adipositas und Corona-Risiko?

Nicht immer ist eine Störung im Essverhalten aber auch eine Krankheit. Von dieser sprechen die Ärzte erst dann, wenn eine gewisse Schwelle überschritten werde. Ob diagnostizierte Ess-Störung oder Auffälligkeit: Sie hat – je nach Stärke und Dauer - für die Gesundheit der Betroffenen große Auswirkung: Adipositas führt immer häufiger bereits im Kindesalter zu Folgeerkrankungen, wie manifestem Typ2-Diabetes - früher als „Altersdiabetes“ bezeichnet. „Der mittlerweile auch schon regelmäßig bei Kindern mit Medikamenten behandelt werden muss“, so Dr. Feulner-Kamleitner. „Die Kinder bekommen eine Fettleber, die sich im Laufe von Jahren und Jahrzehnten über eine Fettleberhepatitis im Extremfall bis zur Leberzirrhose entwickeln kann. Es besteht ein wesentlich erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen mit Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt.“ Bei Kindern spielen auch die zusätzlichen orthopädischen Probleme durch das hohe Gewicht, das für das wachsende Skelettsystem eine Belastung sei, eine große Rolle. „Und - zumindest bei den Erwachsenen - ist Adipositas ein wesentlicher Risikofaktor für einen schweren Verlauf einer Corona-Infektion.“

Essens-Plan und gemeinsame Mahlzeiten

Was kann man dagegen tun? Dr. Feulner-Kamleitner rät als Erstmaßnahme, sämtliche kalorienhaltige Getränke wegzulassen und bemerkt dabei, dass Obstsäfte etwa genauso viel Zucker enthalten wie die gleiche Menge Cola. Wichtig sind regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten, sowie gesunde Zwischenmahlzeiten, um Heißhungerattacken zu vermeiden. Die „aid“- Ernährungspyramide für Kinder kann dazu hilfreich sein.

Lichtenfels: Corona macht Kinder dicker, nicht dick
Dr. Elisabeth Rauh von der Schön Klinik. Foto: red

Einen anderen Ansatz mit Blick auf eine Ess-Störungsproblematik verfolgt dagegen Dr. Elisabeth Rauh: „Sie dürfen alles essen, solange Sie das in Gemeinschaft tun und ohne Bildschirm. Also auch zum Beispiel Mc Donalds-Essen.“ Durch das soziale Miteinander sei man geschützt vor einem ungesunden Risikoverhalten. Mit Hilfe von Essensplänen, bei denen die ganze Familie mitbestimmen darf, werde das tägliche Essen zudem zum Ritual. Die gemeinsamen Mahlzeiten schaffen zudem eine Gesprächsatmosphäre, die Stress ebenfalls regulieren kann.

Nicht immer ist das jedoch den Familien möglich, gerade Teenager sind während des Home-Schoolings oft über längere Zeiträume alleine zu Hause. Ein Plan mit Raum für Schularbeiten, Freizeit und Mahlzeiten sei hier ebenfalls hilfreich. Auch das „Wie und wo esse ich etwas?“ kann gemeinsam mit den Kindern besprochen werden. Solche Pläne stellten übrigens schon viele Generationen an Großeltern auf, ist also nichts Ungewöhnliches. „Auf keinen Fall sollte man sagen: Hey, du bist aber ganz schön dick geworden, achte mal drauf!“, so Dr. Elisabeth Rauh. Das sei oft der Auslöser für junge Menschen für übersteigerte Diäten oder Essstörungen wie Magersucht. „Nehmen Sie Ihre Kinder viel mehr ernst, sprechen Sie mit Verständnis über diese für sie auch schwieriger Situation und überlegen, wie sie das Essverhalten strukturieren können. Motivieren Sie sie!“

Gesunde regulieren Gewicht selbst, Kranke nicht

Auch wenn Sportstätten und Vereine derzeit geschlossen sind, ist es möglich, sich an der frischen Luft zu bewegen: Eltern sollten sich die Zeit nehmen und sich und ihre Kinder dazu motivieren, sich täglich mindestens eine Stunde an der frischen Luft zu bewegen, rät Dr. Feulner-Kamleitner. Denn Bewegung sei die beste Stressregulation, stimmt ihr auch die Kollegin aus der Klinik zu. „So viel Psychologie kann man gar nicht leisten, wie man in einem Spaziergang abarbeitet!“ Auch Trimm-dich-Pfade halte sie für eine gute Idee, „wenn man denn einen findet“, schmunzelt sie, doch nicht lange:

„Die Personen, die während der Pandemie einige Kilos zugenommen haben und ansonsten gesund sind, werden die auch nach ein paar Monaten wieder los. Bei denjenigen, die krank sind, wird sich das Verhalten und die Problematik beschleunigen, wenn sich die Kontextbedingungen nicht ändern. Und dann werden wir nach der Pandemie viele Patienten mit Essstörungen haben.“

 

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