LICHTENFELS

Kinderbuchstabensuppe: Von der Flucht in die Freiheit

Von der deutsch-deutschen Teilung, dem Alltag in der DDR, einer spektakulären Flucht und der Öffnung der Grenze. Flucht und Freiheit sind nicht nur unsere Vergangenheit. Sie beschreiben unsere Gegenwart und Zukunft. Foto: Iris Birger

Am 3. Oktober erinnern wir uns wieder daran, wie lange unser Land keine Einheit war und welches Leid die Menschen dabei erfuhren. Unsere drei Bücher sollen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Möglichkeit geben, mit Kindern und Jugendlichen darüber ins Gespräch zu kommen und über Generationen hinweg die Themen Flucht und Freiheit näher zu begreifen.

Die drei ausgewählten Bücher sollen daran erinnern, dass Menschen damals alles getan haben, um einem System zu entfliehen, das ohne Zukunft war. Manchen von ihnen gelang es, diesem System zu entkommen, um am Ende in eine neue Zukunft zu starten.

Das Bilderbuch „Mit dem Ballon in die Freiheit“ zeigt genau dieses Stück Zeitgeschichte. Diese wahre Geschichte einer Flucht wurde meisterhaft und zugleich kindgerecht aufbereitet. Um in Freiheit leben zu können, schmiedeten zwei Familien einen Geheimplan. Ein riskantes, bis ins kleinste Detail geplantes Fluchtvorhaben, das ihnen ein Leben jenseits der DDR bescheren sollte.

Kristen Fulton: „Mit dem Ballon in die Freiheit“

„Der Wille, ihren Kindern das bestmögliche Leben zu bieten, rührte mich an. Ich wollte noch mehr erfahren und persönlich mit den Wetzels sprechen“, erklärte die Autorin Kristen Fulton. Ihre journalistische Neugierde und Motivation legte den Grundstein für ein zeitgeschichtliches, spannungsgeladenes, bedrückendes und zugleich hoffnungsvolles Bilderbuch über eine spektakuläre und gefährliche Flucht. Mit eigenen Augen erfahren wir alles über den Geheimplan der beiden befreundeten Familien Wetzel und Strelzyk, die am 16. September 1979 mit einem selbst gebauten Heißluftballon aus der DDR flüchteten – unter den Augen der Stasi.

Mit dem Ballon in die Freiheit_Kuhlmann, Fulton, Hein
„Mit dem Ballon in die Freiheit“ von Kristen Fulton, übersetzt von Jakob Hein, illustriert von Torben Kuhlmann. Erschien... Foto: Ravensburger Buchverlag Otto Mai

Um die Geschichte bereits Kindern ab sechs Jahren zugänglich zu machen, stellt die Autorin den großen Sohn von Familie Wetzel in den Mittelpunkt der Geschichte. Die kurzen, sachlichen, aber durchweg emotionalen Textstellen werden durch die Illustrationen von Torben Kuhlmann cineastisch in Szene gesetzt. Die detaillierte Abbildung aller Schritte von der Vorbereitung bis zur Durchführung der Flucht gelingt Torben Kuhlmann aufgrund seines einzigartigen, unverwechselbaren Illustrationsstils.

In großflächigen Bildern veranschaulicht er das Leben in der DDR und den Entschluss der Familie. Das Bedrückende und die Furcht spiegeln sich in den Gesichtern. Ein Buch, das Empathie fördert und uns in Erinnerung rufen kann, dass tagtäglich Familien den bitteren Entschluss fassen, in eine ungewisse Zukunft zu fliehen, weil ihre Lebensumstände sie dazu zwingen.

Hanna Schott: „Wendewundergeschichte“

Mit dem Kinderbuch „Fritzi war dabei. Eine Wendewundergeschichte“ ist es der Autorin Hanna Schott gelungen, Kinder mit Spannung, aber ohne komplizierte Zusammenhänge eine Situation und Zeit nahezubringen, die diese häufig nur aus den Medien kennen.

„Und zwischen uns eine Mauer“ von Suza Kolb. Erschienen 2021 im Knesebeck Verlag. 208 Seiten, ab zwölf Jahren. Foto: Knesebeck Verlag

Leipzig im Herbst 1989. Fritzi geht in die vierte Klasse und freut sich nach acht Wochen Ferien wieder auf die Schule. Nicht nur, weil sie als Jung-Pionierin jetzt das rote Halstuch tragen darf, sondern weil sie endlich alle ihre Mitschülerinnen und -schüler wieder sehen kann. Doch am ersten Schultag fällt auf, dass nicht alle da sind. Sophie fehlt. Sophie, die mit ihren Eltern nach Ungarn gereist ist.

Nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause sind für Fritzi die Spannungen aufgrund der unterschiedlichen Einstellungen zu dem Land, in dem sie leben, und der Mauer, die sie von anderen Ländern im Westen trennt, spürbar. Aber sie bemerkt auch die Veränderungen, die sich mal leise und fast unbemerkt, mal unüberhörbar im Land und ihrem Leben ausbreiten.

Die Geschichte, beschrieben aus Sicht der Protagonistin Fritzi, vermittelt in altersgerechter Sprache einen Eindruck vom Alltag und Leben in der DDR aus der Perspektive eines Kindes. Und sie erzählt zugleich von der Stimmung in der DDR kurz vor der Wende: von Friedensgebeten und Montagsdemonstrationen, Festnahmen und Angst, davon, ob man besser den Mund hält, oder sagt, was man sagen möchte, von der Freude über die Grenzöffnung von Ungarn und darüber, wie sich Fritzi von dem Wunsch nach Freiheit anstecken lässt.

Unterstützt wird der Text durch ansprechende und erklärende Illustrationen, die, mal mit einem Hauch Ironie, mal mit einer großen Portion Ernsthaftigkeit, halbe oder ganze Seiten füllen und besonders im Fall der Montagsdemonstration über zwei volle Doppelseiten transportieren, wie bedeutsam die demonstrierenden Menschen für die gewaltlose Revolution waren.

Und plötzlich ist die Grenze offen. Wirklich offen, so dass Fritzi mit ihrer Familie zur Oma nach München fahren kann. In all der Aufregung, Euphorie, dem Staunen und Nicht-Glauben-Können ist für das Mädchen eines klar: Es ist einfach ein Wunder passiert. Diese Geschichte schildert so einfach und dennoch eindringlich, wie ein Kind in der DDR die Ereignisse und Atmosphäre der Veränderung kurz vor dem Mauerfall wahrnimmt und erlebt. Ohne viel Pathos ist es besonders Fritzis Gefühls- und Gedankenwelt, die uns aufzeigt, wie einschneidend und bedeutsam die Geschehnisse im Herbst 1989 bereits schon für Kinder waren.

Suza Kolb: „Und zwischen uns eine Mauer“

Unser ausgewählter Jugendroman zum Thema „Wende“ stammt von Suza Kolb und ist 2021 erschienen unter dem Titel „Und zwischen uns eine Mauer“. Die fiktive Geschichte, die mit autobiografischen Elementen der Autorin verwoben ist, erzählt von der Freundschaft zweier Jugendlicher – Luisa aus West-Berlin und Uwe aus der DDR. Sie erzählt aber auch von der Teilung und den Unterschieden der zwei deutschen Staaten, von staatlicher Einschränkung und Überwachung, dem Wunsch nach Freiheit und aus den Grenzen dieses Systems ausbrechen zu wollen und der fehlenden Möglichkeit der Menschen in Westdeutschland, all diese Grenzen der deutsch-deutschen Teilung sowie den DDR-Alltag vollständig zu verstehen.

„Die historischen Ereignisse und persönlichen Erlebnisse waren so einschneidend und einzigartig, dass jede einzelne Erinnerung von ihnen es wert ist, bewahrt zu bleiben – als ein kleines Stückchen des großen Spiegels der Vergangenheit“, schreibt Suza Kolb im Nachwort (S. 188). Erinnerungen und Ereignisse – verpackt in verschiedene Perspektiven und Tagebucheinträge – helfen dabei, das Verständnis für das Erleben, Denken und Fühlen der Menschen auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze zu vergrößern.

Kürzlich erhielt die beliebte Kinderbuchautorin für diesen Jugendroman mehrere Auszeichnungen. So steht der Titel auf der Shortlist des Lesepreises des Buchsommers Sachsen 2022. Und im Rahmen des 2. Lohrer Kinder- und Jugendliteraturfestivals darf sich Suza Kolb am 6. Oktober über die Verleihung des Lohrer Jugendliteraturpreises freuen.

Bei all der geschichtlichen Auseinandersetzung sind genau diese Themen und Fragestellungen aktueller denn je. Es geht um Unterdrückung und Flucht. Es geht um den Wunsch nach Frieden und Demokratie. All diese Inhalte sind nicht an einen Feiertag gebunden, der uns an unsere eigene Vergangenheit erinnert. Sie zeigen uns anhand unserer Geschichte, wie wir mit Kindern und Jugendlichen heute ins Gespräch kommen können, um auch schwere Themen begreifbar zu machen. Es gibt viele Fragen, die wir generationenübergreifend ansprechen können. Lassen Sie uns ins Gespräch gehen.

Menschen fliehen und lassen dabei alles hinter sich. Oft fliehen sie nur mit dem, was sie an ihrem Körper tragen – der kleine Junge konnte im Heißluftballon nicht viel mitnehmen. Und was würden Sie mitnehmen?

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Die Bücher

„Mit dem Ballon in die Freiheit“ von Kristen Fulton, übersetzt von Jakob Hein, illustriert von Torben Kuhlmann. Erschienen 2019 im Ravensburger Verlag. 56 Seiten, ab sechs Jahren.

„Fritzi war dabei. Eine Wendewundergeschichte“ von Hanna Schott und Gerda Raidt (Illustrationen). Erschienen 2009 im Klett Kinderbuch Verlag. 96 Seiten, ab sieben Jahren.

„Und zwischen uns eine Mauer“ von Suza Kolb. Erschienen 2021 im Knesebeck Verlag. 208 Seiten, ab zwölf Jahren.

 

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