BURGKUNSTADT

Im Dienst der Gesellschaft: Thomas Müller aus Burgkunstadt

Im Dienst der Gesellschaft: Thomas Müller aus Burgkunstadt
Viel älter als auf dem Bild von sich selbst war der kleine Thomas Müller nicht, als er sich für die Vorgänge auf der Welt zu interessieren begann. Heute ist er 66 und seit 50 Jahren politisch interessiert. Foto: Markus Häggberg

Thomas Müller wirkt wie in einen Rahmen gesetzt. Es gibt da dieses Zimmer in seinem Haus, in welchem man durch eine leichte Verengung in den Nebenraum kommt. Vor ihr sitzt Müller, der Kreisvorsitzender der ÖDP und erinnert sich.

Es ist kurz vor der Bundestagswahl, und der 66-Jährige hat jede Menge Erinnerungen an Politisches und Gegenwärtiges. Er ist hoffnungsvoll und weiß noch nicht, dass seine Partei hinter ihren eigenen Erwartungen zurückbleiben wird. Szenen eines Treffens vor der Wahl mit Beobachtungen eines Wahlkämpfers.

Müller wirkt energisch. Er führt durch den Flur an der Kommode vorbei, die voll und übervoll mit Prospekten und Flyern ist, die er noch verteilen wird. Seit Wochen ist er unterwegs und sucht an Info-Ständen das Gespräch mit Bürgern. Es sind Burgkunstadter, Kulmbacher und Lichtenfelser Gespräche. Von den 300 Plakaten, welche die ÖDP im hiesigen Wahlbezirk aufstellte, sind wohl 150 von Müller selbst mit aufgestellt worden.

„Es ist gesellschaftsfähig geworden, auch nicht zu wählen.“
Thomas Müller, ÖDP-Kreisvorsitzender

Doch an den Ständen und während der Gespräche stellte er so etwas wie Politikverdrossenheit fest: „Am Anfang war ich geschockt, denn so 10 bis 20 Prozent haben gesagt, sie gehen nicht zur Wahl.“ Auch mit Fragen an Kandidaten seien die Passanten in den Fußgängerzonen sparsam gewesen. So erinnert er sich eines Stands in Kulmbach, der für zweieinhalb Stunden aufgebaut war und an dem er nur mit sechs, sieben Leuten ins Gespräch kam.

Ob es jetzt mehr Total-Wahlverweigerer gibt als bei früheren Wahlen, das könne er nicht sagen. Aber er könne sagen, dass sich diese Gruppe „mehr artikuliert“, denn „es ist gesellschaftsfähig geworden, auch nicht zu wählen“. Wie er von diesem Trend erzählt, senkt Müller seine Stimme nicht, was daran liegt, dass er viel erzählt und in diese und jene Thematik eintaucht. Er tut es geordnet, aber man muss ihn auch unterbrechen. Ganz offensichtlich sitzt hier jemand, der Leidenschaft für Politik und den Bürger als Entscheidungsträger entwickelt hat.

Apotheker im Ruhestand, Radfahrer Schachspieler, Zeitungsleser

Müller ist Apotheker im Ruhestand. Rentner also. Er ist auch Schachspieler, einer, der den Unterschied zwischen Taktik und Strategie kennt. Er ist auch fasziniert von den Musikdramen Richard Wagners und passionierter Radfahrer. Vor allem aber ist er „ein exzessiver Zeitungsleser“. Da wäre die Heimatzeitung, da wäre aber auch „die Süddeutsche“, und dort wie hier stößt er auf Interessantes. „Ich kämpfe mich dann so vor, und von den Quellen aus bildet sich so eine Kette an Informationen“, sagt er zu dem Umstand, dass eine Information zur nächsten führt.

Im Dienst der Gesellschaft: Thomas Müller aus Burgkunstadt
Mehrmals wöchentlich ging Thomas Müller in der heißen Phase des Wahlkampfs mit Flyern zwecks Austausch mit Menschen in d... Foto: Markus Häggberg

Das Lesen ist Teil seines ganz normalen Tagesablaufes – Wahlkampf hin oder her. Aufstehen um 6.30 Uhr, langes Frühstück mit Lektüre bis etwa 8.30 oder 9 Uhr, manchmal auch bis 10 Uhr. Doch Müller liest auch Bücher, und die befassen sich nicht selten mit dem, was Wenden sind. „Wir haben ja nicht nur die Energiewende, auch die Wärmewende, Mobilitätswende, Produktionswende, Konsum-, Landwirtschafts- und Ernährungswende, und nebenbei haben wir auch die Digitalisierung voranzubringen“, erklärt der Mittsechziger. Künftig will er sich auch im Ernährungsrat einbringen. Der werde derzeit in Bayreuth aus der Taufe gehoben, sei ein Verein und überparteilich.

„Ich bin Christ, ich will das Positive für die Menschen schaffen.“
Thomas Müller ÖDP-Kreisvorsitzender

Dass es mal jemanden gegeben hat, der ihm als politisches Vorbild diente, ist Müller nicht erinnerlich. Sein Engagement stehe mit seinem „allgemeinen Weltbild zusammen“. Oder wie Müller es ausdrückt: „Ich bin Christ, ich will das Positive für die Menschen schaffen.“ Dass sich Menschen bemühen, zur Verbesserung der Leben anderer Menschen beizutragen, sehe er „ein bisschen als Lebensziel“ an.

Doch als ÖDP-ler werde er mit einem Umstand konfrontiert, der diesbezüglich schon störend sei: Menschen fragten sich, wozu es eine Ökologische Partei Deutschlands gibt, wenn es doch schon die Grünen gibt. Zudem bestehe die Gefahr, dass das Ö im Parteinamen so raumgreifend ist, dass seine Partei mit Sozialem nicht in Verbindung gebracht wird. „Da arbeite ich seit 25 Jahren dran, dass wir nicht nur auf den Umweltschutz schauen dürfen“, sagt Müller.

Verpflichtung zur Teilhabe und zum Engagement

So um 1993/94 sei er zur ÖDP gestoßen, weil er immer schon einen Bezug zur Natur hatte. Auch seine Frau habe ihm Basisarbeit nahegelegt. Doch die Frage, wann genau er sich auf eine Suche nach so etwas wie politischer Heimat gemacht habe, ist knifflig. Schon als Kind, so Müller, habe er sich mit den Eltern zu politischen Fragen ausgetauscht. Da war er zehn, elf, zwölf Jahre alt.

Wie Müller so erzählt, da wird klar, dass hier jemand sitzt, der das Bürgertum in den Dienst am Ganzen gestellt sieht. Bürger zu sein, das verpflichte zur Teilhabe und zum Mitmachen an dem, was Gesellschaft erhält oder voranbringt. Er selbst würde mehr Bürgerentscheide gutheißen. Das ist deckungsgleich mit dem, was seine Partei fordert, aber ob sich seine Partei dabei auf dieselbe Grundidee wie er bezieht? Der belesene Burgkunstadter führt einen ins 15., 16. Jahrhundert und zu Nikolaus Kopernikus. Der Astronom, Arzt, Mathematiker, Kartograph und Domherr habe sich dafür ausgesprochen, dass Bürger für Stimmentscheide ausgelost würden.

Von Superlativen und Wichtigmacherei

So weit würde Müller nicht gehen und das Recht der Mitsprache gewiss bei jedem belassen. Dass sich Bürger womöglich genervt fragen könnten, weshalb es Abgeordneter bedürfe, wenn es doch letztlich Bürgerentscheide sind, die Richtungen vorgeben, glaubt Müller mit Verweis auf Irland und das Volksbegehren für das Recht auf Abtreibung nicht. Besonders wichtig bei Bürgerentscheiden und Volksbegehren sei seiner Sicht nach die Rolle der Medien, die Themen umso heller von allen Seiten zu beleuchten hätten. Wenn man Menschen richtig anleitet, so glaubt er, seien die Menschen durchaus so demokratisch, wie man es ihnen oft unterstellt.

Allerdings: „Ich habe den Eindruck, die Wende kommt von der Industrie und nicht von der Politik“, erklärt Müller zu den Herausforderungen der Zukunft. Ein paar Tage nach diesem Gespräch findet die Bundestagswahl statt. Dass es diesmal eine Wahl sein würde, bei der es um alles oder nichts geht, lässt Müller müde lächeln. „Wichtigmacherei“ nennt er solche Superlative und empfiehlt stattdessen: „Wir müssen eine Entwicklung anstoßen, die dann mindestens 25 Jahre so weiterlaufen würde.“

Thomas Müller wird sich weiterhin engagieren

Müller gehört nicht zu denen, die etwas über das Knie zu brechen suchen. Mit den Herausforderungen der Zukunft hat seine Partei schon nach den ersten Wahlprognosen nichts zu tun, oder zumindest noch nicht. Sie erhält bei der Bundestagswahl nur 0,2 Prozent der Zweitstimmen und 0,3 Prozent der Erststimmen. Aber auf ihrer Webseite steht ein trotziges „Wir setzen unser Engagement fort!“ zu lesen.

Das gilt vermutlich auch für Thomas Müller, der wohl weiterhin drei Bücher parallel zueinander lesen wird, irgendwo zwischen Kierkegaard und Physik, zwischen Biologie und den Herausforderungen des Digitalzeitalters. Es geht ihm um die Gesamtschau und darum, aktiv zu sein. Deshalb möchte er sich auch künftig mehr in die Programmatik der Partei einarbeiten und bei Bedarf sein Wissen als Apotheker einbringen. Abgesehen davon gibt es auch irgendwann wieder Wagner-Festspiele, und die Schachsaison für seinen SSV Burgkunstadt geht ebenfalls bald wieder los.

 

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