LICHTENFELS

Grüne bezeichnen Denkmalschutz in Kutzenberg als Trauerspiel

Die Kreistagsfraktion der Grünen kritisiert den Denkmalschutz in Kutzenberg (hier das Verwaltungsgebäude). Foto: Red

„Muss die Direktorenvilla in Kutzenberg wirklich abgerissen werden? Das Gelände, auf dem sie steht, wird für den Klinikneubau der GeBO doch gar nicht benötigt. Außerdem ist die Villa denkmalgeschützt.“ Aufgeschreckt durch die Fragen der Kreisrätin Barbara Schatz, entschloss sich die Kreistagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen zu einer Dreikönigswanderung nach Kutzenberg.

Treffpunkt war die Hankirche in Prächting. Die kleine Wandergruppe kam zunächst an der Baustelle des Tuberkulose-Zentrums, auch genannt „Non-Compliance-Station“, vorbei. Hier sollen in naher Zukunft Menschen behandelt werden, die eine medizinische Versorgung ablehnen und per Gerichtsbeschluss in der geschlossenen Station unterkommen. Es handelt sich um die bundesweit einzige Einrichtung dieser Art.

Schnell war man der ironischen Meinung, das Tuberkulosezentrum könne es an „Liebreiz allenfalls mit herkömmlichen Bauten von Discountern“ aufnehmen. Ganz anders plante man zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals versuchte der Direktor, Dr. Gustav Kolb, bei der Errichtung der „Kreisirrenanstalt“ in Kutzenberg noch „alles, was an eine geschlossene Irrenanstalt erinnern könnte, peinlichst zu vermeiden“. Die Beteiligten waren bemüht, „den Bauten, wie überhaupt der ganzen Anstalt ein möglichst freundliches Äußeres zu geben“.

Jede Rücksichtnahme auf die umgebende Bebauung vermisst

Während man sich früher an der Dachform fränkischer Bauten des 18. Jahrhunderts orientierte, lasse die Dachform der Non-Compliance-Station jede Rücksichtnahme auf die umgebende Bebauung vermissen. Die dicken, meterhohen Mauern seien beklemmend nah an das neue Gebäude gerückt. Fraktionsvorsitzende Dr. Susann Freiburg zweifelt: „Ob man hier gesund werden kann? Das sieht aus wie ein Gefängnis und nicht wie eine Heilanstalt.“

Erfreulicher verlief der Besuch des Gutshofes, dessen Geschichte bis ins Mittelalter zurückreicht. Über Jahrhunderte wurde von dort aus Landwirtschaft betrieben. Der Hof war einer der Gründe, warum sich der Landrat von Oberfranken, Vorgänger des heutigen Bezirkstages, 1903 dazu entschied, die „ländliche Irrenkolonie“ in Kutzenberg anzusiedeln. Schließlich mussten die Kranken beschäftigt werden.

Anders als heute in Behindertenwerkstätten, waren sie damals in der Landwirtschaft tätig. Dieses Konzept wurde bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verfolgt. Nachdem 1998 der Betrieb des Gutshofes den landwirtschaftlichen Lehranstalten des Bezirks Oberfranken angegliedert wurde und 2006 die landwirtschaftlichen Nutzflächen an die Bioenergie Kutzenberg verpachtet wurden, waren die Gebäude dem Verfall geweiht.

Gutshof 2018 an den „Fränkischen Theatersommer“ verschenkt

Um dem entgegenzuwirken, verschenkte der Bezirk Oberfranken 2018 den Hof an den „Fränkischen Theatersommer – Landesbühne Oberfranken“. In Anbetracht knapper Eigenmittel wird der Hof nun vor allem mit Mitteln des Bundes und des Freistaats, aber auch über die Oberfrankenstiftung und die Kommunen restauriert werden können. Dr. Christine Schmidt zeigte sich begeistert: „Klasse, dass man an diesem wunderbaren Ort ins Theater gehen kann. Dadurch wird der Landkreis Lichtenfels kulturell aufgewertet!“

Bausünden aus den 1960-er und 1970-er Jahren

Angekommen auf dem Klinikgelände bot sich den Betrachtern ein beeindruckendes Bild. Die denkmalgeschützten, geschmackvollen Anstaltshäuser dominieren das Areal, allerdings unterbrochen durch Bausünden aus den 1960-er und 1970-er Jahren. Sebastian Callens fiel auf, dass viele der alten Gebäude ganz oder teilweise leer stehen. „Ist in Anbetracht dieser Leerstände ein Klinikneubau für gut 140 Millionen Euro erforderlich? Erkennt der Bezirk das Potenzial des Geländes nicht? Es wirkt so, als ob sich niemand für die alten Häuser interessiert. Das ist echt bitter!“ meinte Kreisrat Callens, der selbst in einem denkmalgeschützten Anwesen lebt.

Bei Klinikneubau auch an den Klimaschutz denken

„Im Zusammenhang mit den Klinikneubauten muss man heute auch unbedingt an den Klimaschutz denken. Der Bausektor gehört zu den ressourcenintensivsten Wirtschaftssektoren überhaupt. Leider wird bei den Planungen meist das Cradle to Cradle Prinzip vernachlässigt“, ergänzte Stephanie Dittrich. Nach diesem Prinzip sind der Abriss und die Weiterverwertung der Altsubstanz in die Klimabilanz einzurechnen. Auch das Umweltbundesamt mahne die Erhaltung bestehender Bausubstanz an.

Trotzdem werden nach wie vor Neubauten favorisiert. „Die Kosten für die Entsorgung fallen oft unter den Tisch. Das ist eine Milchmädchenrechnung“, sagte die Kreisrätin.

Dem pflichtete Sebastian Callens bei: „Wenn man sich die Kliniken in Coburg, Lichtenfels oder auch hier in Kutzenberg anschaut, dann werden die neueren Gebäude nur etwa sechzig Jahre genutzt. Über die Nachnutzung macht man sich keine Gedanken und baut neu, mit dem Argument, alles andere sei unwirtschaftlich. Das mag schon so sein. Es ist aber traurig, wenn so ein Kleinod wie die alte Kutzenberger Anstalt verfällt.“

„Wie ernst nimmt der Bezirk Oberfranken das Thema Denkmalschutz eigentlich? Denkmalschutz gehört zu den Aufgaben des Bezirks. Der hat in dem Bereich eine Vorbildfunktion!“, stellte Dr. Christine Schmidt fest. „Es ist doch hoffentlich bekannt, dass die ,Kreisirrenanstalt‘ im Nationalsozialismus ein sogenannter Täterort gewesen war!“

Erinnerung an die dunkle Geschichte der Direktorenvilla

Tatsächlich gab es zwischen 1940 und 1941 von Kutzenberg aus Transporte in die Gasmordanstalten bei Pirna und Linz. 446 Anstaltsbewohner fielen dieser Art der Euthanasie zum Opfer (und ungezählte andere der sogenannten „wilden Euthanasie“, bei der die Patienten nur mit fettloser Nahrung versorgt wurden, was zu deren Hungertod führte). Organisiert wurde die Euthanasie auch von der Direktorenvilla aus, die nun abgerissen werden soll.

„Wenn ein Gebäude erhaltenswert ist, dann ja wohl dieses! Auf den Plänen, die uns vorliegen, sieht man, dass das Gelände, auf dem sie steht, gar nicht überplant ist“, betonte Barbara Schatz, die dem Ebensfelder Gemeinderat angehört. „Wahrscheinlich gefällt sie dem Architekten nicht. Der wird einen ungestörten Blick auf den Neubau wollen. Dabei kann die Villa gut integriert werden. Ein entsprechendes Konzept wurde uns vorgelegt.“

Durch neue Klinik wird Panorama des Gottesgartens verbaut

Das „Sichtachsenargument“ würde auch Dr. Freiburg nicht gelten lassen wollen: „Durch die neue Klinik wird das grandiose Panorama auf den Gottesgarten unwiederbringlich verbaut werden. Von hier aus sieht man alles, was den Gottesgarten ausmacht: Banz, Vierzehnheiligen, den Staffelberg und den Veitsberg. Schade, dass das bald weg ist! Man kann beim Bau der Klinik nicht einerseits, wenn es um das Maintal geht, das Sichtachsenargument außer acht lassen, und es, wenn es um den Blick auf den Neubau geht, herausholen. Der Erhalt der Direktorenvilla ist für mich ein Muss. Sie ist nicht nur denkmalgeschützt, sondern darüber hinaus ein Täterort!“

Im Bezirkstag für Erhalt der Direktorenvilla starkmachen

Mathias Söllner, Dritter Bürgermeister von Lichtenfels, Bezirks- und Kreisrat, wird sich auf Bezirksebene für den Erhalt sämtlicher denkmalgeschützter Gebäude in Kutzenberg und nicht nur für den der Direktorenvilla stark machen. Die Grünen sind sehr gespannt auf die Vor-schläge des Bezirks zur Nachnutzung der denkmalgeschützten Gebäude. „Ist Kutzenberg ein Trauerspiel oder hat es einen glücklichen Ausgang?“ Die Kreistagsfraktion ist optimistisch. (red)

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