LICHTENFELS

Große Nähaktion des Roten Kreuzes im Landkreis Lichtenfels

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sozialstation fertigten unter anderem rund 400 Schutzvisiere im Tagungsraum des BRK-Kreisverbands. Foto: RED

Der Kreisverband des Bayerischen Roten Kreuzes hat sich in Zeiten corona-bedingter Lieferengpässe selbst geholfen und in einer schnell gewachsenen Näh-Aktion rund 2500 Mund-Nasen-Abdeckungen und circa 1000 Schutzkittel hergestellt.

Diese nutzen seitdem Fach- und Einsatzkräfte in den BRK-Einrichtungen sowie die dort betreuten Menschen.

„Kannst du mir schnell einen Mundschutz nähen?“ Wenn eine solche Bitte Mitte März zu Beginn der Corona-Krise für eine junge Frau und ihre Freundin noch leicht zu erfüllen gewesen ist, stand der Bayerische Rotes Kreuz-Kreisverband Lichtenfels damals schon vor einer enormen Herausforderung: Wie können das BRK sowohl die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in all seinen Einrichtungen als auch die darin betreuten Menschen adäquat mit Schutzausrüstung versorgen?

Heute kann man darauf Antworten geben: Mit 2500 Mund-Nase-Abdeckungen und circa 1000 Schutzkittel ist man gut ausgerüstet. Hinter diesen Zahlen stecken jedoch tausende Arbeitsstunden, unzählige Blasen an den Händen und viele gefahrene Kilometer auf den Tachometern. Und vor allem: ganz viel Engagement für eine Situation, die man nur gemeinsam bewältigen kann. Wenn auch kontaktlos.

Aus einer Idee wächst eine Aktion mit 3500 Endprodukten

Warum aber hat man die Schutzausrüstung nicht einfach bestellt? BRK-Kreisgeschäftsführer Thomas Petrak habe sich bereits Mitte März frühzeitig darum gekümmert. Dreimonatige oder gar längere Lieferzeiten der Hersteller seien aber für die derzeitige Situation nicht tragbar gewesen: „Wir brauchen die Schutzausrüstung jetzt!“, blickt er zurück. Annett Kürsten, Leiterin des Wohn- und Pflegeheims „Am Weidengarten“ kann möglicherweise als „Initiatorin“ dessen genannt werden, was in der Folge entstand: Sie habe bei Freunden und Bekannten angefragt, ob jemand sie beim Nähen von Schutzkleidung für Pflegekräfte unterstützen könne. Diese wiederum haben sich auch auf die Suche nach Gleichgesinnten gemacht, diese dann…

In der Zuschnitt-Fabrik waren helfende Hände gefragt. Foto: red

Am 23. März wurde die Aktion „Nähen“ in einer Leitungskräfte-Besprechung des BRK-Kreisverbands geplant. Anni Schrepfer, Mitarbeiterin BRK Zentrale Dienste koordinierte ab sofort die ehrenamtlich Aktiven in den Landkreisen Lichtenfels und Coburg sowie den Hol- und Bringservice. Anita Lorz, Leiterin des BRK-Fahrdienstes, fungierte als „Personalbeschafferin“ für die weiteren Bereiche.

Und so sei aus einer Idee ein große Aktion geworden. Thomas Petrak sprach in einem Pressegespräch am Mittwoch Nachmittag von einer Aktion „von Menschen für Menschen“ und bedankte sich bei allen Mitwirkenden, die es möglich gemacht haben, dass sie Schutzausrüstung bei denjenigen ankomme, die Hilfe bedürfen.

Stolz auf das unglaubliche Wachstum

Zu dem Termin fanden sich an diesem Tag Wohnbereichsleitungen, Mitglieder des Fahrdienstes, Prototyp-Näherinnen, Bundesfreiwiligendienstler, Ehrenamtliche und Vertreter beteiligter Firmen ein.

Beim anschließenden Erfahrungsaustausch spürte man zum einen das unglaubliche Wachstum der Aktion, zum anderen das Herzblut der Beteiligten. So freut sich etwa Michael Saffouri, Inhaber der Firma Schoener Leben aus Baunach, zu sehen, was aus seinen Stoff- und weiteren Arbeitsmittel-Spenden geworden ist: „Es ist schön, dass wir damit wirklich helfen konnten. Mich beeindruckt diese Welle der Solidarität, von der wir ein Teil sein konnten!“

Zuschnitt-Fabrik, Näherinnen, Hol- und Bringservice

Beteiligt waren am Ende der Aktion über 100 Menschen: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des BRK, die aus corona-bedingt freigewordenen Kapazitäten schöpften, aber auch die, die ihre Freizeit dafür hernahmen, deren Freunde und Bekannte, Freunde von Freunden, Teilnehmerinnen eines Nähkurses der VHS Bamberg sowie viele Privatpersonen, Ehrenamtliche und Unternehmen. „Die Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamt war unglaublich groß“, schaut der Stellvertretende BRK-Kreisgeschäftsführer Stephen Bauersachs zurück. Die verschiedenen Bereiche arbeiteten „Hand in Hand“. So wurden bald nach Beginn der Aktion die unzähligen Näherinnen entlastet, indem die aufwendige Arbeit des Stoffzuschnitts in einer „Zuschnitt-Fabrik“ separat getätigt wurde.

Die Anprobe beweist: Der Schutz-Kittel passt. Foto: red

Tanja Brinner, eigentlich Servicekraft im BRK-Wohn- und Pflegeheim „Am Weidengarten“ fertigte für Kittel und Mund-Nase-Abdeckungen entsprechende Musterzuschnitte. An bis zu sechs Arbeitsplätzen arbeiteten hier Frauen, aber auch Männer im 2-Schicht-Betrieb. Herr Thiem, eigentlich Mitarbeiter des damals ruhenden Fahrdienstes, lacht: „Am Anfang war ich ein bisschen skeptisch, aber jeder Mann, der nicht zwei linke Hände hat, der kann das!“

Auch Beschäftigte der BRK-Kitas, der Sozialstation sowie der Wohn- und Pflegeheime als auch Ehrenamtliche engagierten sich hier. Der Hol- und Bringservice agierte täglich, indem er Stoff zu den Nähenden nach Hause fuhr oder fertige Schutzkleidung abholte. An manchen Tagen wurden so rund 30 „Kunden“ in den drei Landkreisen Bamberg, Coburg, Lichtenfels und Haßberge angefahren. Immer wieder gab es „fertige“ Schutzkleidung, die dann zeitnah an die Fach- und Einsatzkräfte in den BRK-Einrichtungen sowie die dort betreuten Menschen übergeben wurde.

Ein rollender Hol- und Bringservice

Werden vielerorts in kleinen Gruppen derzeit Mund-Nase-Bedeckungen genäht, stellen die „Kittel“ doch eine Besonderheit dar: Zwar könnten diese nicht im Kontakt mit Covid-19-infizierten Personen verwendet werden, aber für viele andere Situationen bieten die Stoffkittel im Kombination mit einer übergezogenen Folie einen präventiven Schutz – wenn eben klassische Einweg-Kittel Mangelware sind, wie gerade eben. Entstanden sind diese aus Altbeständen an Bettlaken und Bettwäsche von Kliniken und Pflegeheimen sowie Stoffspenden – in mühsamer Arbeit. Sogar mit fertigem Stoffzuschnitt näht eine geübte Kraft rund 45 Minuten an einem Kittel, so Tanja Brinner. Aber man weiß ja wofür, man das tut.

Auch in den Kindertageseinrichtungen des BRK nutzen sowohl Fachkräfte als auch Kinder die gefertigten Mund-Nase-Bedeckun... Foto: red

So auch Sarah Schmidt, ehrenamtliche Näherin: „Ich habe von meiner Freundin gehört, dass Schutzkleidung gebraucht wird. Ich kann nähen und habe dann sofort in meinem Freundeskreis herumgefragt, Handyvideos mit einer Anleitung gemacht – weil man sich ja eben nicht treffen durfte. Ich arbeite normalerweise in einer Kita und hatte ein bisschen Zeit. Da dachte ich: Ich kann das! Ich helfe!“ Und auch Annett Kürsten schmunzelt heute: „Ich hatte fast jeden Tag Pakete mit fertiger Schutzkleidung vor meiner Tür stehen. Manchmal wusste ich, von wem es kam. Bei manchen weiß ich es bis heute nicht. Trotzdem danke dafür!“

Die Unterstützer

Der Bayerische Rotes Kreuz-Kreisverband Lichtenfels dankt allen Privatpersonen, Firmen und Organisationen für ihre praktische Hilfe, aber auch für die Bereitstellung von Stoffen, Nähgarnen, Gummis und Druckluftscheren. Auch fertige Kittel und Mund-Nasen-Abdeckungen wurden übergeben. Besonderer Dank gilt unter anderem der Firma Schoener Leben aus Baunach, der Firma Koinor aus Michelau, der Firma Tommy M aus Lichtenfels, der Firma Zöllner aus Küps sowie dem Pfadfinderbund Weltenbummler aus Hallstadt.

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