LICHTENFELS

Gewerkschafter Heinz Gärtner: Solidarisch aus der Krise

Er ist ein Gewerkschafter mit ganzem Herzen: Heinz Gärtner. Foto: Till Mayer

Auch im Landkreis Lichtenfels stehen Firmen, Städte und Gemeinden derzeit vor enormen Herausforderungen. Nach fast zehn Jahren wirtschaftlichen Aufschwungs mit kontinuierlichem Beschäftigungszuwachs und – dank guter Tarifverträge – auch realer Lohnzuwächse, sorgt die Corona-Pandemie für einen so nicht dagewesenen wirtschaftlichen Einbruch.

Viele erkennen erst jetzt, wie stabilisierend ein starker Sozialstaat bei der Krisenbewältigung wirkt. Mir ist bekannt, dass viele Menschen sehr verunsichert sind und sich existenzielle Sorgen machen. Neben der beruflichen Verunsicherung kommen zusätzliche Fragen auf, die fast alle Lebensbereiche umfassen.

Jetzt treten deutliche Defizite hervor

Gesundheit, Kinderbetreuung oder Pflege sind nur einige Beispiele dafür. Ein Blick durch das viel zitierte Brennglas zeigt jetzt deutliche Defizite. Mängel in der digitalen Infrastruktur, Probleme im Gesundheits- und Arbeitsschutz, aber auch die Ausgestaltung von Arbeitsverhältnissen (beispielsweise durch Werksverträge, Leiharbeit und Zeitverträge) machen dies deutlich.

Eine ganze Reihe von Herausforderungen bestanden aber bereits vor Corona. Strukturelle Probleme im Automobilzulieferungsbereich, im Maschinenbau, die digitale Transformation oder die erheblichen Probleme in der Nachwuchsgewinnung im Handwerk und in den Pflegeberufen bereiten Unternehmen und Einrichtungen im Landkreis schon länger Sorgen.

Zusätzlich verändert die Digitalisierung alles. Sie verändert den ganzen Wertschöpfungsprozess. Sie verändert die Erfindung und die Entwicklung, den Einkauf, die Produktion, den Vertrieb und die Entsorgung.

„Mir ist bekannt, dass viele Menschen sehr verunsichert sind und sich existenzielle Sorgen machen.“
Heinz Gärtner, DGB-Kreisvorsitzender

Arbeitsverhältnisse werden völlig neu organisiert. Erwerbsarbeit findet immer häufiger außerhalb eines Betriebes statt. Immer mehr Aufgaben werden an Leiharbeitsfirmen und rechtlich Selbständige ausgelagert, die Grenzen zwischen Arbeitnehmer und dem Selbständigen-Status werden fließend.

Als Gewerkschafter möchte ich sagen, dass kaum noch ein Stein auf den andern liegen bleibt. Die Digitalisierung braucht eine neue From eines Betriebsverfassungsgesetzes, das vorsieht, in allen Betrieben einen Betriebsrat zu haben.

Schmerzhafte Lohneinbußen bei den Kurzarbeitern

Aus Geprächen, von betroffenen Kolleginnen und Kollegen erfuhr ich, dass es trotz Kurzarbeitsregelung eine Herausforderung ist, die Miete zahlen zu müssen. Denn die Lohneinbußen sind für viele schmerzlich. Sehr häufig trifft es auch Alleinerziehende.

Eine Kollegin klagte mir ihr Leid, sie führt drei ,Minijobs‘ aus. Ihr Chef teilte ihr mit, dass durch die Schließung der Gaststätte auch für sie keine Arbeit mehr vorhanden ist. Aufgrund des Minijobs hat sie kein Anrecht auf Kurzarbeiter- beziehungsweise Arbeitslosengeld.

Wiederum ein Kollege aus einer kleinen Firma im Landkreis berichtete über die Angst des Chefs. Er schickte einen Mitarbeiter, der leicht erkältet war, nach Hause. Die Befürchtung bestand darin, dass er weitere Mitarbeiter anstecken könnte, und bei einem positiven Test sich die ganze Belegschaft in Quarantäne begeben müsste.

Es muss jetzt die Zeit genutzt werden, um darüber nachzudenken, in welche Richtung es mit unserer Wirtschaft weitergehen soll. Weitermachen wie vorher oder noch mal neu strukturieren, welche Berufe wirklich wichtig sind für unsere Gesellschaft und dementsprechend bezahlt werden sollen, und welche Industrien wir wirklich für die Zukunft fördern wollen.

Die Leitlinien klar setzen

Damit in diesem Wandel niemand zurückbleibt, finde ich, braucht es flankierende arbeitspolitische Maßnahmen, die sich an den Leitlinien Beschäftigung, Gute Arbeit und soziale Sicherheit ausrichten. Ich bin der Meinung, das oberste Ziel muss eine Beschäftigungsperspektive im eigenen Betrieb sein. Die Grundlagen dafür sind Qualifizierung und Weiterbildung. Die Verantwortung für die notwendige Qualifizierung ihrer Fach- und Führungskräfte liegt bei den Arbeitgebern. Finanziell werden sie dabei von der Bundesagentur für Arbeit auf Grundlage des Arbeit-von-morgen-Gesetzes unterstützt.

Gleichzeitig könnte die derzeit in vielen Betrieben durchgeführte Kurzarbeit für Weiterbildung genutzt werden. Die Betriebsräte können mit ihren Arbeitgebern Qualifiziersvereinbarungen abschließen, in denen die Einzelheiten geregelt sind.

Allen Menschen sollte die Teilhabe an guter Erwerbsarbeit ermöglicht und die Chance zur persönlichen Entwicklung gegeben werden. Wenn gut bezahlte Industriearbeitsplätze verloren gehen und ein Wechsel ins Handwerk möglich ist, sollte dies zum Beispiel, finde ich, durch eine befristete Lohnsicherung unterstützt werden.

Es wird trotzdem nicht immer gelingen, alle Menschen in Beschäftigung zu halten. Aus diesem Grund muss auch die soziale Sicherung insgesamt gestärkt werden. Arbeitslose brauchen einen Rechtsanspruch auf Nachholen von Berufsabschlüssen, Weiterbildung und Nachqualifizierung im Rahmen der Arbeitsförderung.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Im Interesse der Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sollten auch die bisher zumutbaren Pendelzeiten auf den Prüfstand gestellt werden, um eine zusätzliche Belalstung der Umwelt und Familie zu vermeiden.

Ziel muss sein: Gute Arbeit und soziale Sicherheit, um solidarisch aus der Krise zukommen.“

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