LICHTENFELS

Gestaltungssatzung: Einheitlich, aber kein Einheitsbrei

Innerhalb der eng gesetzten Vorgaben für das Baugebiet in Reundorf hat Bauherr die Möglichkeit, sein Eigenheim individuell zu gestalten. Foto: Steffen Huber

Das Reundorfer Neubaugebiet hat einen der strengsten Bebauungspläne im Stadtgebiet Lichtenfels. Intensiv diskutierten ihn die Stadträte 2018 in Bauausschuss und Stadtrat. „Lasst doch die Leute bauen, wie sie wollen“, „Wir schreiben viel zu viel vor“ oder „Zu viele Auflagen sind für junge Familien viel zu teuer“, lauteten die Argumente der Befürworter laxer Regeln. „Reundorf ist ein Aushängeschild, liegt mitten im Gottesgarten und in der Sichtachse von Kloster Banz und Vierzehnheiligen. Da können wir uns kein wildes Bauen leisten“, sagten die Befürworter enger Vorgaben.

Bauliche Vielfalt im neuen Reundorfer Wohngebiet

Sieht man sich die neuen Häuser an, die in den vergangenen drei Jahren entstanden sind, kann von einem Einheitsbrei keine Rede sein. Die Gebäude haben Sattel-, Walm- oder Pultdächer, sind weiß oder pastellfarben, haben große Fenster oder kleine, voll ausgebaute Obergeschosse und flache Dächer oder große Dachflächen und ein Erdgeschoss. „Im Vergleich zu den zahlreichen Auflagen in Reundorf lässt unsere neue Gestaltungssatzung viel mehr Freiheiten, setzt lediglich weite Leitplanken“, erläutert Stadtbaumeister Gerhard Pülz.

Die Gestaltungssatzung war hart erkämpft. Gab es im Bauausschuss im Juli mit zehn zu eins Stimmen noch ein deutliches Votum für das Regelwerk, folgte in der Stadtratssitzung am 4. Oktober eine emotionale Diskussion (diese Redaktion berichtete). „Die Einschränkungen gehen viel zu weit“, „Ein massiver Eingriff ins persönliche Eigentum“, „Ein Bürokratiemonster, das das Bauen komplizierter macht, als es sowieso schon ist“ sagten die Gegner. Zusätzlich zur Kritik stellten gar einige Stadträte die Ausarbeitung der Satzung generell in Frage – „Wer war da überhaupt beteiligt?“ oder „So kann man das nicht präsentieren“, sagten die Kritiker.

„Die Satzung wurde im zuständigen Arbeitskreis im Rahmen der Vision 2030 erstellt“, erwiderte Pülz bereits in der Sitzung Anfang Oktober. Und betont beim Gespräch mit dieser Redaktion noch einmal, dass viele Ideen der Lichtenfelser in das 13 Seiten umfassende Regelwerk eingeflossen sind. Da seien Vorschläge dabei von der „Wand der Wünsche“, die bei der Zukunftswerkstatt am 10. Mai 2019 in der Stadthalle aufgestellt war.

Aus einer Nachbarstadt. Hier wurde innerhalb eines gewachsenen Dorfkerns mit alter Schule und Einfamilienhäusern ein vie... Foto: Steffen Huber

Genau wie Anregungen aus den 17 oder 18 Sitzungen des Arbeitskreises, fährt der Stadtbaumeister fort. Beispielsweise gab es die Bitte, Wärmepumpen nicht genau vorm Schlafzimmerfenster des Nachbarn zu platzieren. „Dies haben wir natürlich aufgenommen“, sagt Pülz.

Im Übrigen, so der Bauamtschef weiter, habe die bayerische Staatsregierung die Kommunen aufgefordert, Gestaltungssatzungen zu erlassen. „Und beispielsweise Steingärten zu verbieten“, ergänzt Pülz und verweist auf Paragraf 4, Absatz der 5 der Satzung, der Kies-Schottergärten auf fünf Quadratmeter einschränkt. Überhaupt sollen die Gärten in der Lage sein, Regenwasser aufzunehmen, möglichst begrünt sein, so die Forderungen der Wasserwirtschaftsämter. Zumindest die Vorgärten sollen nicht völlig vom öffentlichen Raum abgeschottet werden.

Paragraf 16 lässt Ausnahmen zu

Und was steht sonst noch in der Gestaltungssatzung? Es sind 18 Paragrafen, davon 15, in denen Vorgaben und Anregungen gegeben werden. Vieles sind Soll-Bestimmungen, nur manche Muss-Regelungen.

Aus einem Nachbarlandkreis: Der Neubau wirkt wie ein Fremdkörper im dörflichen Umfeld. Foto: Steffen Huber

Unter anderem muss sich das Gebäude ins Gelände einfügen, bei der Schließung von Baulücken oder der Sanierung an den bestehenden Gebäuden orientieren. Flachdächer sind übrigens erlaubt, sollen aber ab einer bestimmten Fläche begrünt werden. Geregelt werden unter anderem auch die Gastronomie-Bestuhlung auf Gehwegen oder die Anforderungen an Werbeanlagen. Und ganz wichtig: Paragraf 16 lässt Ausnahmen zu, „wenn städtebauliche, bauplanungsrechtliche, gestalterische oder nachbarliche Belange dem nicht entgegenstehen“.

Vieles aus der Gestaltungssatzung soll in künftige Bebauungspläne einfließen, gleichzeitig sollen mit ihr alte Bebauungspläne aus den 1970-er und 80-er Jahren aufgehoben werden. „Wir haben vieles weich formuliert und wollen den Planer anregen, über die Gestaltung des Gebäudes nachzudenken. Wer sich an diese Satzung hält, der hat keine Probleme mit der Genehmigung“, sagt Pülz.

 

Kommentar von Steffen Huber:

Wie beim Bau, so beim Verkehr

Leitplanken soll die Lichtenfelser Gestaltungssatzung bieten, sagen die Befürworter des Regelwerks. Leitplanken begrenzen ja in der Regel Straßen, und ich finde, der Vergleich mit dem Verkehr passt. Hier gibt es schließlich auch Regeln, beispielsweise Tempolimits, Parkverbote oder Vorfahrtsgebote. Jedes motorisierte Fahrzeug muss dazu vom TÜV auf seine Verkehrstauglichkeit überprüft werden.

Huber Kommentar
Kommentarfoto Steffen Huber Foto: Drossel

Nehmen wir also die Forderung der Gegner der Gestaltungssatzung auf, dass die Leute bauen sollen, wie sie wollen, und übertragen diese auf den Straßenverkehr. Da fahren wir dann künftig ebenso, wie wir das wollen. Vorfahrt gewähren? Jetzt nicht, ich hab's eilig. Tempo 30 vor der Schule? Keine Lust, ich will mal prüfen, ob die 0 auf 100-Beschleunigung meines Autos den Herstellerangaben entspricht. Außerdem ist der Auspuff meines Motorrads viel zu leise, ich brauch den Sound, auch im Wohngebiet. Und für mein Auto will ich echte Rennreifen, ganz ohne Profil, vergiss die Regentauglichkeit.

Nur habe ich das Gefühl, dass es mit dieser Denke mit der Verkehrssicherheit schnell vorbei ist. Ebenso kann ich mir vorstellen, dass Anarchie beim Bau – denn letztendlich ist es das, wenn jeder macht, was er will – nicht nur das gewachsene und erhaltenswerte Bild der heimischen Städte und Dörfer komplett verhunzt, sondern auch für viel Zwist zwischen Nachbarn sorgen wird. Und auch der Klimaschutz wird ohne Leitplanken auf der Strecke bleiben. All das kann doch keiner wünschen, oder?

 

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