LICHTENFELS

Gastkommentar: Die Weichen jetzt stellen

Einmal mehr zeigt sich, dass aus Krisen wohl immer Verlierer und Gewinner hervorgehen. Besonders bitter ist diese Situation allerdings im Bereich Bildung. Von politischer Seite bemüht man sich, die negativen Folgen so gering wie möglich zu halten. Bei den Leistungserhebungen beispielsweise hat das Kulturministerium ein ausgeklügeltes System entwickelt, um bisherige Leistungen in fairer Weise zu verrechnen und bei den Abschlussnoten niemanden zu benachteiligen. Einige Schüler bewerten die derzeitige Lernsituation nach eigenen Aussagen sogar überaus positiv, weil sie vor allem im Homeschooling ihren eigenen Rhythmus vorgeben und das Lernen eigenverantwortlich in ihren Tagesablauf integrieren können, was in dieser Art bislang nicht möglich war.

Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Teil der Kinder und Jugendlichen außen vor bleibt, wenn nicht gar durch die Löcher des Systems rutscht. Und es trifft vor allem diejenigen, die es ohnehin nicht leicht haben, weil das soziale Umfeld weder in moralischer noch technischer Hinsicht Unterstützung bietet oder bieten kann. Bis zu einem gewissen Grad lässt sich das schultern, und zwar von aufmerksamen Lehrkräften, die in regem telefonischen Austausch stehen oder gar bis spät in die Nacht hinein technische Lösungen entwickeln, um das digitale Homeschooling so effektiv und einfach wie möglich zu gestalten. Doch das alles hat auch seine Grenzen. Lehrkräfte sind nicht ,nur‘ pädagogische Ressourcen, sondern auch Väter und Mütter, Ehemänner und Ehefrauen, und eben einfach Menschen, die auf ihre eigene Gesundheit achten müssen. Jeder Ausfall bedeutet hier einen Baustein weniger in einem derzeit wackeligen System, das auch ohne Corona mit einem Personalmangel zu kämpfen hat.

Das Ironische an der Sache ist letztlich, dass sich die derzeitige Lehrsituation in den Klassen selbst, abgesehen von den Corona-bedingten Umständen, optimal darstellt: Kleinere Gruppen ermöglichen einen viel fokussierteren und ruhigeren Unterricht. Doch das gelingt im Moment auch nur, weil noch nicht alle Jahrgangsstufen wieder zurück sind, und lässt sich nach Pfingsten wohl nur schwer aufrechterhalten. Um die Situation auch wirklich nachhaltig verbessern zu können, muss sich also etwas am gesamten System ändern. Die Weichen dafür sollten besser schon jetzt gestellt werden.

Schlagworte