Gärtnereien am Obermain im Lockdown: Frust und Hoffnung

LICHTENFELS

Gärtnereien am Obermain im Lockdown: Frust und Hoffnung

„Zwei von den roten und gelben da bitte. Ach, und das da drüben können sie mir bitte auch einpacken.“ Vielleicht erinnert sich so mancher noch an einen Besuch in den Gärtnereien oder beim Floristen lange vor der Corona-Krise. Auch oder gerade weil der Laie keine Blumennamen oder Sorten kennt, bedarf der Kauf von Pflanzen, Blumensträußen oder Gestecken oft des Auges und der Inspiration. Doch gerade das fällt durch den zweiten Lockdown wieder einmal weg.

Zwar bieten die meisten der „grünen“ Unternehmen einen „click&collect“-Service an, doch die Umsatzeinbußen sind hoch. Von rund 50 Prozent geht dabei die Gärtnerei Grießer in Mistelfeld aus, sogar 90 Prozent schätzen die Floristik-Fachgeschäfte „Blumenzauber“ in Altenkunstadt und „Blumen Mahler“ aus Lichtenfels. Die Bestellungen werden telefonisch oder online entgegengenommen und vor Ort abgeholt oder zu den Kunden ausgeliefert.

„Es ist einfach demotivierend. Man steckt so viel Zeit

und Energie in die

Pflanzenaufzucht. Das ist eine Herzensangelegenheit. ... Letztes Jahr mussten

wir viele wegwerfen.“

Joachim Mahler, „Blumen Mahler“ Lichtenfels

Besonders beliebt seien derzeit Blumensträuße und Schnittblumen, verrät Joachim Mahler vom gleichnamigen Unternehmen. Zwar sei der Januar für Gärtnereien und Floristen ein eher umsatzschwacher Monat nach einem normalerweise guten Weihnachtsgeschäft, doch haftet dem Lockdown auch etwas Emotionales an: „Es ist einfach demotivierend. Man steckt so viel Zeit und Energie in die Pflanzenaufzucht. Das ist eine Herzensangelegenheit. Und die Pflanzen kann man nicht wie Holz oder so einfach mal liegen lassen. Letztes Jahr mussten wir viele wegwerfen“, so Joachim Mahler in Erinnerung an das Frühjahr 2020. In diesem Jahr habe die Pflanzsaison zwar noch nicht begonnen, doch die zeitliche Ungewissheit der Einschränkungen belaste ihn.

Lieferengpässe für Frühblüher, etwa wie Primeln oder Krokusse, gebe es zur Zeit nicht mehr, berichtet Marion Bieber vom gleichnamigen Blumenhaus in Bad Staffelstein. In den vergangenen Monaten musste sie manchmal jedoch beispielsweise auf Lieferungen aus den Niederlanden verzichten. Dafür müssen Gärtnereien und Floristen in diesen Tagen genauer planen: Manche Großhändler nehmen Bestellungen nur noch an bestimmten Tagen an, manche Artikel wie Topfpflanzen sind - der Jahreszeit geschuldet – noch Mangelware.

Abholen an der Tür, vermutlich auch am Valentinstag

In der vergangenen Woche tätigten viele, wie etwa die Gärtnerei Grießer aus Mistelfeld, ihre Hauptbestellung für den Valentinstag – vermutlich auch zu diesem Zeitpunkt noch als Abholware für die Kunden. Diese findet dort, wie es weit verbreitet ist, mit Masken und Abstand an der Eingangstür des Unternehmens statt – zu vereinbarten Uhrzeiten.

Auch die Auslieferungen im Umkreis, aber auch über die Landkreisgrenzen hinaus finden mit Hygienebestimmungen statt. Ein Teil der Kunden habe das Geld passend in einen Umschlag gesteckt, andere überweisen zu einem späteren Zeitpunkt den Betrag einer Rechnung.

Alle Vorgänge erfolgen unter größtmöglichen Sicherheitsaspekten: Die Mitarbeitenden der Betriebe arbeiten in großzügigem Abstand voneinander. Viele Floristen, etwa aus der Gärtnerei Grießer, befinden sich derzeit in Kurzarbeit, Gärtner bauen beispielsweise Überstunden ab oder kümmern sich um die vorhandenen Pflanzen.

Auch bei Blumen Mahler, der sowohl Gärtner als auch Floristen beschäftigt, sind Mitarbeitende in Kurzarbeit. Auszubildende werden weiter im Betrieb angelernt. Joachim Mahler, der derzeit Lehrlinge beschäftigt, bemerkt jedoch: „Aber ich denke schon, dass die Ausbildung leidet. Der Präsenzunterricht an den Berufsschulen fehlt.“

Staatliche Hilfen bleiben aus, der Unmut steigt

Staatliche Hilfen jedoch scheinen auszubleiben. Manche der Firmen haben die finanzielle Unterstützung für Selbstständige bei ihrem Steuerberater beantragt, andere nicht. „Ich habe sie für Januar und Dezember beantragt“, verrät Sandra Möhring vom „Blumenzauber“ aus Altenkunstadt. „Aber es geht nichts voran.“ Sie betreibt ihr Geschäft alleine. „Sonst gäbe es mich schon nicht mehr!“

Die Floristin ist enttäuscht und wütend: Vor dem Lockdown habe sie, wie viele ihrer Kollegen, viel Zeit und Mühen in Hygienekonzepte investiert. In ihrem kleinen Laden durften sich maximal zwei Kunden gleichzeitig aufhalten, alle anderen müssen draußen warten. Das hat gut funktioniert.“

Welches Gesteck passt zu dem Menschen, der beerdigt wird?

Schon einmal habe sie fünf Wochen Lockdown im Frühjahr 2020 überbrücken müssen – mit finanziellen Reserven und Entbehrungen. Nun ist ihr Geschäft abermals geschlossen – und das belaste ihre Kunden ebenfalls, vor allem auch vor Beerdigungen: Sie kann ihren Kunden im Geschäft keine Bilder von Gestecken oder Sträußen zeigen. „Aber gerade da muss man doch sehen, was zum Verstorbenen passt.“

„Das ist einfach unter aller Kanone. Dabei hat die Politik erst appelliert, dass es dieses Mal nicht so laufen soll.“

Sandra Möhring, „Blumenzauber“

Altenkunstadt, ist empört, dass Supermärkte die Notlage ausnützen

Doch während dieser Nicht-Fortschritt lähmt, empört eine andere Entwicklung viele Gärtner und Floristen: Im vergangenen Jahr habe vor allem der Lebensmittel-Einzelhandel sein Blumensortiment während des ersten Lockdowns ausgeweitet. „Das fand ich die größte Ungerechtigkeit, dass andere unsere Notlage ausgenutzt haben.“ Joachim Mahler ist verärgert. Während er diesen Trend momentan noch beobachtet, hat ihn Sandra Möhring auch dieses Mal wieder bemerkt: „Das ist einfach unter aller Kanone. Dabei hat die Politik erst appelliert, dass es dieses Mal nicht so laufen soll.“

Mediale Wege und Valentinstag

Muss die Branche möglicherweise mutiger werden? Seit kurzem bewirbt etwa die Gärtnerei Grießer aus Mistelfeld verstärkt ihr Angebot auch in den sozialen Medien wie Facebook und Instagram. Mit vielen Fotos und Dekorationsideen gehen Claudia und Rainer Grießer dank ihrer Tochter neue Wege. „So sprechen wir auch jüngere Leute an, die so zwischen 25 und 40 sind“, erzählt die Inhaberin. Neu sind auch viele Kreationen im Boho-Stil, der viele Trockenelemente aufgreift. In welchem Maß das Familienunternehmen diese Medienpräsenz auch nach dem Lockdown beibehalten möchte, ist noch unklar.

Doch diese Präsentation ist aufwändig und besitzt leider keine Erfolgsgarantie – gerade für kleinere Betriebe könnten diese Methoden schwierig werden. Die „zwangsverordnete Mehr-Zeit“ für andere Innovationen, Fortbildungen oder kreative Ideen zu nutzen, sei ebenfalls Problem behaftet: „Wir haben ja keine Kundenfrequenz. Ich kann kein neues Blumengesteck machen und dann kommt niemand. Das wäre nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, erklärt Joachim Mahler.

Scheint der Valentinstag am 14. Februar ein Lichtblick? Weithin wird dieser als „Tag der Verliebten“ und auch „Tag der Floristen“ bezeichnet. Doch das sei in der Praxis heutzutage anders als vor Jahrzehnten, verrät Rainer Grießer. Auch Gaststätten oder ähnliche Unternehmen profitieren heute stark von diesem Tag.

Appell an die Männer: „Bitte kümmert euch rechtzeitig!“

Auf diesen setzen jedoch viele Gärtnereien und Floristen der Region: Doch auch hier spielen die Beschränkungen eine Rolle. „Am Valentinstag kommen viele Männer in den Laden, schauen sich um und entscheiden sich dann, was zu ihrer Liebsten passt – oder kommen schnell noch nach Feierabend“, weiß Marion Bieber. Diese können nun nicht kommen. Sie hofft daher auf Bestellungen und berät auch gerne am Telefon. Neben ihren Geschäftskollegen tut dies auch die Gärtnerei Grießer. Die Inhaberin appelliert jedoch inständig an die Männer – und auch Frauen: „Bitte kümmert euch rechtzeitig!“