LICHTENFELS

Flüchtlingsarbeit: Herausforderung und Chance

Die Leiterin der Tafel Lichtenfels plus: Joanna Blößl. Foto: Corinna Tübel

Großen Raum nahmen beim jüngsten Treffen von „Lichtenfels ist bunt“ der Ukraine-Krieg und die Arbeit mit Geflüchteten im Landkreis ein. Kein Wunder, hat das Aktionsbündnis mit Beate Ehl (Caritas), Laura Göldner (Erwachsenenbildung), Joanna Blößl (Tafel plus) und Anne Salzbrenner (zuständig für Kitas Vogelnest und Körbla) vier Fachleute in seinen Reihen.

„Sowohl Russen als auch Ukrainer bezichtigen sich gegenseitig, Faschos zu sein“, so Salzbrenner. Das berge großes Konfliktpotenzial, auch am Obermain. Wer glaube, dass der Angriffskrieg bald ende, sei naiv. Naiv sei auch der, der denke, Geflüchtete in eine „Normalität“ in Deutschland bringen zu können. „Wo bitte ist die Normalität, wenn Frau und Kinder hier sind, aber Vater, Bruder oder Onkel im Krieg stehen und täglich die Meldung kommen kann, dass diese erschossen wurden?“ Wer aus der Ukraine geflüchtet sei, der habe Schlimmes und Schlimmstes erlebt, sei oft traumatisiert. Es sei nicht möglich, ukrainische Kinder und Jugendliche einfach so in die Kindergärten, Horte und Schulen zu schicken. „Nur die wenigsten haben in ihrer Heimat Deutsch gelernt.“ Sprachbarrieren, Kriegserlebnisse, sowieso schon überfüllte Betreuungseinrichtungen und Personal am Limit sind denkbar schlechte Voraussetzungen. Laut einer Erhebung der Stadt Lichtenfels fehlten derzeit zehn bis 15 Prozent Krippen- und Kindergartenplätze, so Dr. Arnt-Uwe Schille.

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, sagte Beate Ehl. Der Schlüssel zu Arbeit und Integration sei das Erlernen der deutschen Sprache, und das gehe nicht von heute auf morgen für die Geflüchteten. „Die Ukrainer haben das Glück, dass sie – anders, als andere Geflüchtete – sofort in Deutschkurse können.“

Kein Personal, viele Hürden: Es fehlt deutlich an Deutschkursen

Beate Ehl. Foto: Till Mayer

Wenn es diese Kurse denn gibt: Wie Laura Göldner berichtete, scheitere es oft am Personal oder an bürokratischen Hürden. Einig waren sich die Fachfragen: Nur, wer deutsch verstehe und sich verständigen könne, könne einen Job finden. „Und je höher die Qualifikation für den Beruf, desto höher die Anforderungen der Deutschkenntnisse. Wenn wir nicht ein Heer von Hilfsarbeitern wollen, tun wir gut daran, die Sprachförderung zu intensivieren.“ Arbeiten, so Ehl, wollten nahezu alle Geflüchteten. Egal, aus welchem Land sie kommen. „Gerade von Syrern erleben wir übrigens große Solidaritätsbekundungen mit den Ukrainern, weil ja Russland auch am Krieg in Syrien beteiligt ist“, so Joanna Blößl. Dass Ukrainern eine Vorzugsbehandlung gewährt wird, hätten die anderen Geflüchteten aber längst gemerkt.

„Wir erleben derzeit eine weibliche Fluchtwelle, wie wir sie noch nie hatten“, so Ehl. Vor allem Frauen, Kinder und – auch das ist anders – betagtere Personen seien gekommen. „Wenn man etwas Positives sehen will: Deutschland hat bewiesen, dass es geht – und es geht auch mit vielen. Die Bürokratie kann schnell reagieren, wenn sie nur will.“, bilanzierte Beate Ehl.

Laura Göldner.

„Wir haben ja schon einmal aus vorangegangenen Flüchtlingswellen gelernt, dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist. Zumal an allen Ecken und Enden Fachkräfte fehlen“, fügte Anne Salzbrenner an. Das könnte eine große Chance sein. (mdr)

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