LICHTENFELS

Flucht vor den Nazis aus Lichtenfels

Flucht vor den Nazis aus Lichtenfels
Die Teilnehmer des P-Seminars „Stolpersteine“ am Meranier-Gymnasium mit Ersten Bürgermeister Andreas Hügerich, Oberstudiendirektor Stefan Völker, Studiendirektorin Beate Offermanns und Stadtarchivarin Christine Wittenbauer. Foto: Bastian Girschke

Vor 82 Jahren flüchtete Margit Pauson zusammen mit ihren Eltern aus der Korbstadt. Kürzlich erzählte sie im Zuge eines Stolperstein-Seminares des Meranier Gymnasiums von den Ereignissen. Es ist die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Auf deutschem Gebiet brennen weit über 1000 Synagogen und Betstuben sowie die Geschäfte und Wohnungen jüdischer Bürger. Hunderte werden noch in derselben Nacht ermordet, tausende in den darauffolgenden Tagen deportiert, inhaftiert, misshandelt und ermordet.

Die Spuren der Gewaltorgie wurden schnell verwischt

Der von der NS-Führung gesteuerte Mob tobt auch in Lichtenfels. Mit einem gewaltigen Knall schlägt damals ein edler Konzertflügel aus dem Obergeschoss eines jüdischen Wohnhauses auf den Asphalt der Bahnhofsstraße auf. Ein Klang umhüllt vom Geschrei der hilflosen Opfer und brutalen Täter. Das Instrument gehörte der Familie Pauson, einer jüdischen Familie mit bemerkenswertem wirtschaftlichem Erfolg im lokalen wie überregionalen Korbwarenhandel. Am darauf folgenden Morgen lassen sich nicht nur keine Spuren von Scherben und Holzsplittern auffinden, selbst das wieder gerade gebogene Balkongeländer erscheint völlig unversehrt – die Spuren der Gewaltorgie wurden schnell verwischt.

Nachfolgeseminar der „13-Führerscheine“ nimmt sich der Biografien an

Der Erinnerung an die Opfer der NS-Gewalt verschreibt sich ein P-Seminar des Meranier-Gymnasiums unter der Leitung von Studiendirektorin Beate Offermanns. Zusammen mit der Stadt Lichtenfels in Person von Stadtarchivarin Christine Wittenbauer und unterstützt von Studiendirektor Manfred Brösamle-Lambrecht sollen die Biografien dieser Mitbürger erforscht und auf einer Internet-Seite der Stadt Lichtenfels dauerhaft dokumentiert werden. „Stolpersteine“ für die Opfer sollen einen Anlass zur Erinnerung vor Ort geben, QR-Codes und Links zu einem Audio-Guide die Informationen von dort aus zugänglich machen.

 

Flucht vor den Nazis aus Lichtenfels
Bastian Girschke und Paul Dörrzapf bei der Vorstellung ihrer bisherigen Recherchearbeit - links im Bild das Haus der Fa... Foto: Bastian Girschke

Einen Blick auf den Entwurf der Internetseite konnten dieser Tage Erster Bürgermeister Andreas Hügerich und Oberstudiendirektor Stefan Völker im Stadtschloss werfen. Hügerich sprach den Seminarteilnehmern Lob, Anerkennung und Dank für die geleistete Arbeit aus. Er betonte, wie wichtig es ist, dass gerade die jüngere Generation an das Schicksal der Mitbürger erinnert wird, die in unserer Stadt der Nazi-Gewalt zum Opfer fielen.

Bewusstsein zu fördern für Vielfalt, Menschenwürde und Solidarität

Für Studiendirektor Manfred Brösamle-Lambrecht ist die Intention des P-Seminars nicht, Schuld zuzuweisen, sondern Bewusstsein zu fördern für Vielfalt, Menschenwürde und Solidarität. Kleingruppen von Seminarteilnehmern konzentrieren sich hierbei auf Familien oder Individuen, die im Zuge der NS-Diktatur verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden. Es geht darum, tiefer in die Geschichte der Juden aus Lichtenfels und Umgebung einzudringen, zu versuchen, sich ein Bild vom Antisemitismus und Terror der Vergangenheit zu machen und der Persönlichkeiten und Familien auf diese Weise zu gedenken.

Weitere Information werden gesucht

Unter diesen Aspekten setzten sich die Schüler mit den Familien Grünhut, Silbermann, Traub, Kronacher, Brüll, Blum, Kraus, Marchand, Kohn und Pauson auseinander und ergründeten deren vielseitige Geschichte näher. Die Schüler bitten dabei um die Mithilfe der Lichtenfelser, die noch Informationen zum Leben und Schicksal diesen Familien beitragen können – seien es Erinnerungen, Dokumente oder Fotografien. Dafür kann man sich per Mail bei stolpersteine@meranier-gymnasium.de oder an das Stadtarchiv, Tel. 09571/795134 wenden.

Riskante Flucht – das Beispiel der Familie Pauson

Bei den Recherchearbeiten spielt auch die Kommunikation und Kooperation mit Nachfahren der genannten Familien eine entscheidende Rolle. Die Auskunft von Zeitzeugen ist dabei äußerst hilfreich, jedoch nahezu genauso selten. Die beiden Schüler Paul Dörrzapf und Bastian Girschke stellten das Ergebnis ihrer bisherigen Recherchearbeit vor. Den beiden Schülern offenbarte sich in Konversationen mit Nachfahren der Familie Pauson aus Großbritannien ein überaus persönlicher Einblick in die Geschichte einer Frau, die vor über 80 Jahren ihre Heimat Lichtenfels verlassen und die Flucht in die East Midlands bestreiten musste.

Flucht vor den Nazis aus Lichtenfels
Margit Pauson portraitiert 1940 in einem Luftschutzbunker nahe Leicester. Foto: Privat

Die damals zehnjährige Margit Pauson erinnert sich, im September 1938 gerade aus einem Sommerurlaub zurück gewesen zu sein, als ihre Mutter sie eines Tages von der Schule abholte, untypischerweise mit dem Auto. Die antisemitische Hetze und die Übergriffe auch auf jüdische Kinder hatten sich in den vorangegangenen Monaten gehäuft. Auf dem Schulhof rief man Margit schon bald „Jude!“ zu. Sogar ein mit einem Ziegelstein eingeworfenes, zerberstendes Fenster in ihrem Zimmer weckte sie eines Nachts aus dem Schlaf. Ihre katholische Mutter wurde von einem örtlichen Priester bedrängt, sich von Robert Pauson, einem nicht praktizierenden Juden, scheiden zu lassen. Das sei weitaus sicherer, als in diesen Zeiten mit einem Juden verheiratet zu sein. Die Absurdität liegt in erster Linie daran, dass er wahrscheinlich damit Recht hatte.

Auf keinen Fall nach Lichtenfels zurück

Als Margits Onkel Stefan Pauson schließlich am 10. November 1938 von Bamberg in das Konzentrationslager Dachau deportiert wurde, beschloss Margits Mutter Emilie, das Land umgehend zu verlassen. Ihr Ehemann, Margits Vater, der Unternehmer Robert Pauson, befand sich zu diesem Zeitpunkt auf einer Geschäftsreise in England. Mittels eines persönlichen Geheimcodes machte Emilie Pauson ihrem Mann per Telefon verständlich, dass er auf keinen Fall nach Lichtenfels zurückkehren dürfe. Der Familie gelang es, Margits Onkel, den sie liebevoll „Steps“ nennt, nach fünf Wochen Haft in menschenunwürdigen Umständen aus dem Lager Dachau freizukaufen.

Als Margits Mutter sie vom Pausenhof abholte, erzählte sie ihr, die Flucht sei eine weitere Urlaubsreise, auf der sie ihren Vater wiedertreffen werde. Margit hatte keine Chance sich in irgendeiner Form zu verabschieden, weder von ihrer Großmutter Rosa Pauson, die sich in der Nacht vom 9. November noch immer im Pausonhaus befand, noch von ihren Freunden. Ihren Hund Struppi musste sie ebenfalls zurücklassen. Nationalsozialisten rammten den Hauseingang mit einem Balken ein, vergifteten Struppi und warfen wertvolle Kunstschätze vor den Augen der Großmutter auf die Straße.

Flucht vor den Nazis aus Lichtenfels
Erster Bürgermeister Andreas Hügerich bei der Vorstellung des Entwurfs der Internetseite „Stolpersteine Lichtenfels“. Foto: Bastian Girschke

Margit und ihrer Mutter war es nicht möglich, solche Dinge, geschweige denn eine größere Summe Geld mitzuführen, die sofort signalisiert hätten, dass sie sich auf der Flucht und keineswegs auf dem Weg in den Urlaub befanden. Ihre Mutter hatte bereits Ringe fertigen lassen, die sie mitnehmen und später als Bezahlungsmittel nutzen konnte. Vom Münchner Flughafen aus ging es, das Auto zurücklassend, zunächst in die Schweiz, bevor die Flucht in Leicester in England endete. Margits Großmutter gelangte im folgenden Jahr zusammen mit ihrem Onkel Stefan, dessen Frau Helene und seinen beiden Kindern die Flucht ins Vereinte Königreich. Ihr Onkel wurde währenddessen kurzzeitig der Spionage verdächtigt und war deshalb in einem Internierungslager auf der Isle of Man in der Irischen See inhaftiert. Der Rest der Familie brachte einige Habseligkeiten mit, die Rosa Pauson vor der Zerstörung im November bewahrt hatte. Margit Pauson kam 14 Jahre später zurück nach Deutschland, um Geige an der Hochschule für Musik in München zu studieren. Heute leben sie und ihre Tochter Sue in England.

Die Geschichte der Pausons in Lichtenfels zeigt, wie eine rechtschaffene, wirtschaftlich erfolgreiche Familie zur Zielscheibe von Hass, Neid und Ideologie werden konnten. Gleichzeitig wird auch der enorm starke Zusammenhalt innerhalb der von Verfolgung, Hass und Enteignung heimgesuchten Familie überaus deutlich.

Projekt endet nicht mit Stolpersteinen

Die Präsentation und Veranschaulichung der jüdischen Einzelschicksale wird voraussichtlich im November dieses Jahres und im Netz über eine eigens initiierte Abteilung des städtischen Internetauftritts stattfinden. Für das Online-Projekt ist bereits eine längerfristige, kontinuierliche Erweiterung und Weiterentwicklung in Aussicht. Nachfolgeseminare wären an dieser Stelle durchaus denkbar und das Meranier Gymnasium könnte somit in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Lichtenfels auch in Zukunft an das jüdische Leben vor Ort erinnern und dahingehend auch junge Menschen auf die Thematik aufmerksam machen. Das diesjährige Seminar ist in dieser Hinsicht lediglich ein weiterer Schritt.

 

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