LICHTENFELS

Familienleben zu Corona: Abstandhalten für Fortgeschrittene

Home Office und Lockdown haben Familienstrukturen und Freundeskreise über lange Wochen zerrissen. Plötzlich fehlten Mama, Papa und Kind das gewohnte und geliebte Umfeld. Foto: Iris Birger

Das Leben ist eben nicht immer planbar. Die Birgers sehen sich wie so viele Familien zu Zeiten von Corona gewaltigen Herausforderungen gegenüber. Es ist ein lange Zeit, bis sie sich endlich wieder mit einer befreundten Familie treffen können. Beim Lockdown fehlte eben so vieles, berichtet Iris Birger.

„,Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.' Dieses afrikanische Sprichwort besagt, dass es mehr als nur Mutter und Vater braucht, um ein kleines, schutzbedürftiges Kind zu einem starken, mutigen Individuum heranwachsen zu lassen. Doch plötzlich war es mit Beginn der Corona-Zeit auf einmal verschwunden, dieses Dorf, von dem wir als kleine Familie täglich profitieren. Ein zuverlässiges Netzwerk aus Großeltern, Freunden und vielen Vertrauten. Ein Verbund, der uns immer begleitet und durch seine Beständigkeit behütet.

All diese Strukturen brachen von heute auf morgen weg, da ab jetzt für jeden einzelnen eine wichtige Regel galt, nämlich die, dass wir durch unser konsequentes Verhalten nicht nur uns selbst, sondern vor allem auch die anderen schützen. Der Verzicht auf so einiges war eingezogen und stellte unseren Alltag auf den Kopf. Woran wir das besonders merkten? Ganz einfach: Es wurde recht still um uns herum. Diese Pandemie fragte nicht – sie stellte die Jüngsten und die Ältesten an den Rand unserer Gesellschaft. Unser Netzwerk war binnen kürzester Zeit so geschrumpft, dass wir als kleine Familie nur aus unseren eigenen Energiequellen schöpfen konnten. Und das klappte trotz einiger Herausforderungen recht gut. Wir Erwachsenen konzentrierten uns auf einen neuen Tagesablauf, eine Struktur, die uns und unserem vierjährigen Kind helfen sollte, Home Office und Familienzeit gut parallel laufen zu lassen.

Und aus der Sicht unseres Kindes: Da folgten die drei Phasen in unserem persönlichen Familien-Lockdown – dem ,wir bleiben zuhause und haben viel Zeit'. Naja, vielleicht doch nicht so viel gemeinsame Zeit, wie zunächst erhofft. Zuerst war da der Urlaub über Ostern bei Papa, da konnte Mama ganz gut im Home Office arbeiten. Dann stand Urlaub bei Mama an, und Papa konnte wieder zurück an den Schreibtisch und die Projekte aus dem Home Office heraus bearbeiten. Und dann kam die dritte und schwierigste Phase, in der Mama und Papa beide gleichzeitig von zuhause aus arbeiten mussten.

Pläne sind nicht alles im Leben

Was wir in dieser Zeit gelernt haben ist, dass Pläne nicht alles sind im Leben: Ein guter Plan funktioniert in der einen Woche, in der nächsten Woche braucht es vielleicht eine kleine Änderung. Wir wechselten uns beim Großteil der Arbeit im Home Office ab, um so auch unserem Kind gerecht zu werden.

Die Tage wurden länger und die freien Abende kürzer. Es gab feste Essens- und Spielpausen und viel Zeit draußen im Freien. Und wenn ein Biene Maja- oder Pumuckl-Hörspiel im Hintergrund lief, während wir in einer Telefonkonferenz hingen, dann erfreute das auch die Kollegen, wenn sie ganz leise den Helden der eigenen Kindheit lauschen konnten.

Die kleinen selbst gemalten Bilder und gebastelten Kunstwerke, die neben den Notebooks am Ess- oder Schreibtisch entstanden, fanden stolz präsentiert ihren Weg in unsere täglichen Team-Meetings.

Gerade die letzte Phase verlangte viel ab

Diese letzte Phase verlangte uns allen viel ab. Denn alles parallel nur mit vier großen und zwei kleinen Händen zu bewältigen, zehrte langsam an unseren Kräften. Kindergarten, Großeltern, Freunde und Hobbys fehlten immer stärker.

Dann folgte der Tag, an dem die Erlaubnis kam: Wir durften eine befreundete Familie besuchen. Das erste Spieltreffen im Sandkasten stand fest. Ganz selbstverständlich wie ,früher' gab es dabei selbstgemachten Kuchen und Kaffee. Wir zögerten zunächst ein bisschen, aber hielten diese Zurückhaltung nicht lange durch. Es schmeckte lecker und wir genossen diese ersten gemeinsamen Minuten im Garten unserer Freunde. Es waren ziemlich intensive Eindrücke, die sich uns da boten. Da war die Kindergartenfreundin, mit der die gemeinsame Zeit in der Sandkastenküche einen abwechslungsreichen Spaß brachte.

Wir als Papa und Mama sind darin zwar auch nicht schlecht, aber auf Augenhöhe matschen und Kräutersuppe kochen ist schon noch mal was anders. Sie waren zurück – unsere Freunde, mit denen wir uns nun außerhalb von Videokonferenzen wieder fast ganz normal von Angesicht zu Angesicht über den Alltag zu Corona-Zeiten unterhalten oder die neuesten Hochbeet-Tipps austauschen konnten. Es war schön zu sehen: Wir vergrößerten uns langsam wieder.

Nach diesen ersten Treffen im Sandkasten kam das langersehnte Wiedersehen mit den Großeltern. Eine Begegnung auf Entfernung – draußen bei einem Kaffee im Garten. Die eine Hälfte unserer Familie im Grünen sitzend und die andere Hälfte auf Abstand an der Terrassentür mit glänzenden Augen, versunken in diesen so lang ersehnten Familienmoment. Abstand halten für Fortgeschrittene – wir wussten, wofür wir es taten und dass es sehr wichtig war und nach wie vor ist, diese geliebten Menschen zu schützen.

Mittlerweile drei intensive Monate

Und heute, nach mittlerweile drei intensiven Monaten blicken wir zurück auf eine sehr ruhige, aber dennoch turbulente Zeit in einem Haus. Doch es braucht mehr. Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen. Nach dieser Zeit bin ich mir ganz sicher, dass dieses afrikanische Sprichwort seine verdiente Berechtigung im Alltag von Familien findet. Ein solches Netzwerk aus Familie, Freunden und sozialen Einrichtungen bietet Eltern und ihrem Nachwuchs eine wichtige Stütze, beliefert sie mit verschiedenen Perspektiven und schenkt ihnen neue Impulse für einen bunten Familienalltag.

Unser Dorf hat mittlerweile auch wieder zurückgefunden zum geliebten Kindergartenalltag, den wir nun wieder genießen dürfen – es ist zweifelsohne vieles anders, aber es ist dennoch voller Dankbarkeit schön. Ich wünsche Ihnen, lieben Lesern: halten Sie fest an Ihren persönlichen Dörfern!“

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