Eindruckvolles Firdensgebt am Lichtenfelser Marktplatz

LICHTENFELS

Eindruckvolles Friedensgebet am Lichtenfelser Marktplatz

Menschen können Abstand zueinander halten und doch zusammenstehen. Das war eine der erstaunlichen Erfahrungen, die am Montagabend wohl rund 200 Teilnehmer des Friedensgebetes auf dem Marktplatz machen durften. Eine halbe Stunde lang war der Ort Sammelstätte für Menschen guten Willens.

18 Uhr: Es war wie immer und es war doch anders als in den Jahren zuvor am 9. November. Eingedenk der vor 82 Jahren überall in Deutschland stattfindenden Gewaltausübungen gegen die jüdische Bevölkerung, versammelten sich auf maßgebliches Betreiben der katholischen und evangelischen Kirche nebst ihrer jeweiligen Jugend Lichtenfelser.

Lichtenfels ist bunt, auch bei einem Friedensgebet

Doch stand man früher beim Gebet um Frieden, Toleranz und Menschlichkeit zusammen, so hatte man diesmal coronabedingt Abstand zu halten. Doch gerade das entfaltete eine Wirkung: Der Platz wirkte gefüllter, all die mitgebrachten Kerzen schienen weniger verdeckt und es wurde auch offenbarer, wie bunt gemischt die Menge war. Religiöse, Weltliche, Junge, Ältere, Gewerkschaftler, Konservative, Sozis, Naturschützer – Lichtenfels ist bunt, auch bei einem Friedensgebet.

Reichsprogromnacht: Juden aus ihren Betten getrieben und getötet

„Vielen Dank, dass Sie davon ein Teil sind“, hieß es dazu aus der Gruppe der in kirchlichen Diensten stehenden Pfarrer, Pastoralreferenten oder kirchlichen Jugendvertretern. Sie erinnerten daran, dass in der Reichspogromnacht „Menschen aus ihren Betten getrieben“ wurden. Der britische Historiker Richard J. Evans geht davon aus, dass in jener Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 einschließlich 300 Suizide bis zu 2000 Juden ums Leben kamen.

„Eine halbe Stunde in der Kälte stehen, das ist das Mindeste, was man für Toleranz und Frieden tun kann“, so Dekanatsjugendreferent Reiner Babucke über Mikrofon an die Menge gerichtet. Das galt rückblickend.

Pfarrerin Salzbrenner: Schon wieder sei der Judenhass eine Triebfeder

Zur aktuellen Zeit aber gab es bei diesem Abendgebet auch Bezüge. Die Gesellschaft ist zerfasert wie nie, auch oder gerade wegen Corona. Es gibt die Leugner, es gibt die Desinteressierten, es gibt die Ängstlichen und darüber hinaus Verschwörungstheoretiker auf vielen Gebieten. Doch mit Verschwörungstheorien ging man einst auch gegen Juden vor, erinnerte Pfarrerin Anne Salzbrenner, gleichzeitig auf die Anders- wie auch die Gleichartigkeit des Heute anspielend.

Dann ein besonderer Moment: Salzbrenner zitierte in die Stille hinein den evangelischen Theologen Martin Niemöller (1892-1984), der einst selbst im KZ saß. „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Kerzen brannten auch in einigen Fenstern rund um den Platz

Mit dem gemeinsam gesungenen Lied „Shalom Chaverim“ fand die halbe Stunde Andacht ihr Ende. Und die mitgebrachten Kerzen auf dem Marktplatz verloschen. Doch sie waren nicht die einzigen Kerzen des Abends, denn in manchen Fenstern rund um den Marktplatz brannten welche ab 18 Uhr. Wohl solidarisch von den Menschen angezündet, die nicht die Gelegenheit hatten, auch nach unten auf den Platz zu gehen.