LICHTENFELS

Ein Film über 13 jüdische Führerscheine in Lichtenfels

Ein Film über 13 jüdische Führerscheine in Lichtenfels
Dass aus auftauchenden Dokumenten des Landkreises einmal eine amerikanische Dokumentation entsteht, hätte niemand geglaubt. Doch sachte und pfleglich wurde sich der Geschichte angenommen. Foto: Markus Häggberg

Vor vier Jahren tauchten am Landratsamt 13 Führerscheine jüdischer Mitbürger des Landkreises auf. Der Frage, wer sie waren und was aus ihnen während der Nazi-Zeit wurde, gingen Schülerinnen und Schüler damals im Rahmen eines Geschichtsprojektes mit hohem Rechercheaufwand auf die Spur. Höchst erfolgreich. Jetzt entsteht dazu ein Film. Eine Geschichte um Schicksale, ein Generalkonsulat mit Budget und jede Menge Zufälle.

Ein Film über 13 jüdische Führerscheine in Lichtenfels
Kameramann Mark Raker hat schon mit bekannten amerikanischen Schauspielern gearbeitet. Dass er in Lichtenfels ist, hat d... Foto: Markus Häggberg

„Manfred, erzähl' uns, was das ist.“ Die Aufforderung kommt von einem New Yorker und sie ergeht in englischer Sprache. Ihr Adressat ist Manfred Brösamle-Lambrecht, Studiendirektor des hiesigen Gymnasiums und intimer Kenner der Materie. Gemeinsam sitzt man in einem Schulzimmer. Es ist Ferienzeit, niemand stört, und es ist still auf den Gängen. Der New Yorker ist japanischer Abstammung, heißt Ryoya Terao und hat eine Professur am College of Technology. Ein Medienschaffender und Regisseur.

Eine Kette aus Verwicklungen, Zufällen oder Fügungen

Hinter ihm ein weiterer New Yorker: Mark Raker. Ein Kameramann, der seine Einstellungen nicht nur einfängt, sondern choreografiert, einer, der schon mit Emma Watson arbeitete, einer, der Martin Scorsese, Robert De Niro und Al Pacino vor der Linse hatte. Dass er heute hier ist, ist Teil einer Kette aus Verwicklungen, Zufällen oder Fügungen.

Ein Film über 13 jüdische Führerscheine in Lichtenfels
Lisa Aumüller vor der Kamera eines Projekts, an dem sie einst als Schülerin des Meranier-Gymnasiums teilgenommen hat. Foto: Markus Häggberg

Die drei Männer blicken auf die Führerscheine, die auf dem Tisch ausgebreitet vor ihnen liegen, und Terao hebt eines dieser Dokumente sachte an. Er trägt dabei feine Stoffhandschuhe. Was nun folgt, ist ein inniger Moment für einen Betrachter dieser Szene. Denn Terao trägt die Handschuhe nicht nur aus Sorgfalt und Respekt gegenüber der brüchigen Patina der historischen Dokumente, sondern weil, wie er erklärt, seine Haut in dem Film nichts verloren hat. Da nimmt sich jemand bescheiden zurück und überlässt das Feld dem Eigentlichen.

Eine Lichtenfelserin in New York hört einen Vortrag über Lichtenfelser

Dieser Mann hat eine Frau. Eine Lichtenfelserin. Elisabeth Gareis lehrt an der City University of New York als Professorin für Interkulturelle Kommunikation. Wegen familiärer Angelegenheiten ist sie schon seit Monaten wieder zurück in Lichtenfels. Auch sie ist an den Dreharbeiten beteiligt, und einmal, während sie die einstige Gymnasiastin und Projektteilnehmerin Luise Aumüller vor aufgebauter Kamera im Rathaussaal interviewt, gibt sie ihr eine dramaturgische Regieanweisung: „Gehen Sie beim letzten Satz mit der Stimme runter.“

Ein Film über 13 jüdische Führerscheine in Lichtenfels
Regisseur Ryoya Terao gibt Anweisungen für den Dreh. Foto: Markus Häggberg

Wer wissen will, wie das mit den Dreharbeiten zustande kam, hält sich am besten an sie. Und sie erzählt. Von Lisa Salko, einer Frau aus einem New Yorker Vorort. Diese Lisa Salko ist Nachfahrin des Lichtenfelsers Sigmund Marx, einem der 13 Führerscheinbesitzer. 2018 kam die Frau nach Lichtenfels, um den Führerschein ihres Großvaters ausgehändigt zu bekommen. Beeindruckt von dem Projekt und der Recherchearbeit der Schülerinnen und Schüler, begann sie, in den USA Vorträge darüber zu halten.

Die Finanzierung übernimmt das deutsche Generalkonsulat

Und so wurde die Lichtenfelser New Yorkerin Gareis auf das Projekt aufmerksam. Doch nicht nur sie, sondern bald auch das deutsche Generalkonsulat in New York. Dort zeigte man sich berührt von dem Projekt, regte einen Film an und stellte ein Budget bereit.

Ein Film über 13 jüdische Führerscheine in Lichtenfels
Vor den Dreharbeiten steht die Sichtung. Regisseur Ryoya Terao nimmt in Augenschein, was es mit den Dokumenten auf sich ... Foto: Markus Häggberg

Mark Raker ist ein bescheidener Mann von milder Freundlichkeit. Er hat kein lautes Auftreten, lässt Menschen ausreden und rät jedem, der mal das Verlangen danach verspüren sollte, sich binnen kürzester Zeit wie ein Trottel vorkommen zu wollen, nur zehn Minuten mit Martin Scorsese im selben Raum zu verbringen. Terao hält viel von dem weißhaarigen Mann. „Er ist ein Genie, aber er ist sehr bescheiden.“

Von Sorsese, Watson und De Niro – und von Toshiro Mifune

Scorsese, Watson, De Niro, Al Pacino. Und die Firmenkunden erst: Subaru, Buick, Chevrolet, Cadillac, L'Oreal, Levi's. Und doch ist Raker in Lichtenfels, auch wenn das Budget für den Film vergleichsweise klein ist. Er interessiert sich für das Projekt selbst, braucht keine teuren Hotels und beißt herzhaft in ein belegtes Brötchen. Er und Terao können gut miteinander, und auch darin liegt ein Grund für Rakers Interesse an der Geschichte.

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Eine Anweisung, der mit Rücksicht auf den Filmdreh unbedingt Folge geleistet wurde. Foto: Markus Häggberg

Und Terao? Der Mann ist auch spannend. Ein aufmerksamer Mensch, der „bitte“ und „danke“ sagt, der äußerst strukturiert vorgeht und keine Allüren zu besitzen scheint. Er ist ein zugänglicher Mensch, der sich zu persönlichen Erinnerungen befragen lässt. Als Kind, so erklärt er dann auch, habe im Umgriff seiner Nachbarschaft der legendäre japanische Schauspieler Toshiro Mifune („Rashomon“, „Die sieben Samurai“, „Shogun“) gewohnt. „Bei ihm auf dem Grundstück wurde das Set aufgebaut, und wir sind dann als Kinder hinüber gelaufen, um zu gucken“, berichtet er lächelnd in einer freien Minute im Rathaussaal.

Bei Zeitzeugen, am Gymnasium und in Lichtenfelser Straßen

Dann nimmt Terao, zu dessen Lieblingsregisseuren Milos Forman („Hair“, „Amadeus“, „Man in the Moon“) zählt, sich dafür Zeit, die unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten von Spielfilm und Dokumentation zu erklären. „Wir müssen vor allem flexibel sein“, weiß er und so findet sich das Drehteam, zu dem auch Vinit Parmar (Produzent und Ton) gehört, an unterschiedlichsten Plätzen der Korbstadt ein. An den Häusern der damaligen jüdischen Führerscheininhaber, bei Zeitzeugen, am Gymnasium, in Lichtenfelser Straßen, an der einstigen Synagoge oder an den „Stolpersteinen“, jenen ins Straßenpflaster eingelassenen, goldenen Gedenktafeln.

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Letzte Instruktionen vor dem Dreh. Foto: Markus Häggberg

Doch jetzt ist man im Rathaussaal und geht strikt nach Drehplan vor. Um 11 Uhr wird sich auch Lisa Aumüller in deutscher und englischer Sprache an das damalige Schulprojekt erinnern. Dafür muss sie pünktlich um 10.40 Uhr parat stehen. Um ihre Antworten in die richtigen Lichtverhältnisse einzupassen, wurde im historischen Rathaussaal mit Decken eine Art Kabine geschaffen. Dann fällt die Klappe, und der Ton läuft.

Ab und an muss die Aufnahme wiederholt werden, denn es kommt vor, dass Menschen draußen besonders laut Auto fahren, die Kirchenglocken einsetzen oder Hundegebell ertönt. Und einmal, als eine Feuerwehrsirene zu hören ist, sagt jemand scherzhaft, das gehe hier in Lichtenfels ja zu wie in New York.

Berührender Brief aus der Haft mit der Bitte, ihn da rauszuholen

Aumüller erinnert sich. Die einstige Schülerin des Meranier-Gymnasiums studiert mittlerweile Biologie. Sie lässt sich für ihre Antworten Zeit, denn sie lässt auch die Fragen auf sich wirken. Abgesehen davon, dass auch das im Film Atmosphäre schafft, gefällt es Elisabeth Gareis. „Sie sind Wissenschaftlerin, Sie nehmen sich Zeit“, lässt sie gegenüber der verunsichert wirkenden jungen Frau lobend fallen.

Ein Film über 13 jüdische Führerscheine in Lichtenfels
Gleich laufen Kamera und Ton, doch noch ist für die zu Interviewende Lisa Aumüller Zeit, um sich zu konzentrieren. Foto: Markus Häggberg

Es sind berührende Dinge, die Aumüller schildert. Bei ihren Nachforschungen zu einem jüdischen Mitbürger wurde sie mit dessen Brief konfrontiert, der flehentlichen Inhalts war. In ihm die Bitte an die Familie, alles zu tun, um den in Haft geratenen Lichtenfelser „hier rauszuholen“. „Das war für mich emotional schwierig zu lesen, weil ich ja wusste, dass es umsonst sein wird“, erklärte Aumüller. Das Leben des Mannes erlosch in einem Konzentrationslager.

„Beeindruckt war ich auch von den Menschen, die wir trafen und die so unterstützend waren.“
Ryoya Terao, Regisseur

Aumüller sagte das in eine Stille hinein, die einen beeindruckenden Moment formte. Beeindruckt zeigten sich auch Raker und Terao. Vor allem von der „Tapferkeit“, mit der man sich in Deutschland eigener Vergangenheit stellt, während sie in anderen Ländern gerne unter den Teppich gekehrt würde. „Beeindruckt war ich auch von den Menschen, die wir trafen und die so unterstützend waren“, fügt Terao noch an.

Nun sind die Hauptdreharbeiten vorüber, es folgen noch Schnitt und Nachvertonungen. Dann soll er irgendwann auf der Webseite des Konsulats erscheinen und vielleicht auch bei Festivals eingereicht werden. Vielleicht auch bei Robert Redfords berühmtem „Sundance Festival“? „Vielleicht“, orakelt ein schmunzelnder Terao.

 

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