LICHTENFELS

Die Wälder am Obermain leiden

Die Wälder am Obermain leiden
Überall im Landkreis sind derzeit abgeholzte Flächen zu sehen – neben der Verkehrssicherung gilt es vor allem abgestorbene und vom Borkenkäfer befallen Bäume zu beseitigen. Foto: Marion Nikol

Er reinigt die Luft, produziert Sauerstoff, schützt vor Lärm und dient unzähligen Tierarten als Lebensraum und Nahrungsquelle. Für viele Menschen wiederum dürfte er gerade in diesen anstrengenden Zeiten eine wichtige Erholungsquelle darstellen. Die Rede ist vom Wald. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sowohl die seelische als auch körperliche Gesundheit von Waldspaziergängen profitieren. Doch um unsere grüne Lunge ist es auch am Obermain derzeit schlecht bestellt. Es herrscht Trockenheit, der Borkenkäfer richtet massive Schäden an und die Waldbrandgefahr ist hoch. Zeit, sich Gedanken zu machen, in welche Richtung sich die Lage entwickeln wird und wie man der Misere nachhaltig entgegenwirken könnte.

Dürre befördert Waldbrandrisiko

Fakt ist jedenfalls, dass durch das dritte trockene Jahr in Folge der Waldboden in tiefen Schichten sehr stark entwässert ist. „Die Niederschläge im Februar und März haben zwar die oberen Schichten gut durchnässt, aber im Unterboden fehlt es an Wasser – hier knabbern wir an den letzten Resten“, erklärt Christoph Hübner, Bereichsleiter Forsten beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Coburg. Die Folgen sind zunehmend absterbende Bäume, Borkenkäfer-Befall und nicht zuletzt eine erhöhte Waldbrandgefahr.

„Gerade jetzt im Frühjahr ist die gefährlichste Zeit für Brände. Denn es fehlt den Bäumen und Sträuchern noch an Blattmasse, weshalb das Risiko sehr hoch ist, dass sich Totholz leicht entzündet“, so der Experte weiter. Vor allem trockene Kiefernwälder, wie sie im nördlichen Landkreis vorherrschen, sind gefährdet. Christoph Hübner appelliert deshalb an Spaziergänger, sich an das von März bis Oktober geltende Rauchverbot in Wäldern zu halten und zudem keine Glasflaschen zu hinterlassen. Auch beim Parken am Waldrand oder auf trockenen Wiesen sei Vorsicht geboten, da heiße Katalysatoren und Auspuffanlagen bereits nach kurzen Fahrten hohe Temperaturen entwickeln und schnell Brände auslösen können.

Waldbesitzer sind gefragt

Wer derzeit mit offenen Augen durch die Wälder in der Region spaziert, dürfte die vielen abgeholzten Flächen bemerkt haben, die sich durch den ganzen Landkreis ziehen. Diese sind in erster Linie dem Borkenkäferbefall geschuldet. Interessant ist die Tatsache, dass es sich dabei im Grunde um einen bekannten Mechanismus handelt, der periodisch alle 10 bis 15 Jahre auftritt. „Die Population baut sich auf, frisst was das Zeug hält und verabschiedet sich in der Regel nach drei bis vier Jahren wieder,“ erläutert der für das Forstrevier Lichtenfels verantwortliche Revierleiter Wolfgang Tschödrich. „Wir haben seit August 2018 mit dem Borkenkäfer zu kämpfen und hoffen, dass das Ende der aktuellen Welle naht, aber derzeit sieht es leider noch nicht danach aus.“

Die Wälder am Obermain leiden
Im Banzer Wald ist den Fichten der Trockenstress deutlich anzusehen: Unsere wichtigste Wirtschaftsbaumart reagiert mit g... Foto: Marion Nikol

Auch wenn es sich um einen zyklisch auftretenden Prozess handelt, der an sich nicht verhindert werden kann, wird der Befall zusätzlich durch den Klimawandel, insbesondere die letzten zwei niederschlagsarmen Jahre, verschlimmert. So gehe laut Wolfgang Tschödrich mit einer ausreichenden Wasserversorgung des Baums ein guter Zell- und Harzdruck einher, mit dem die Käfer abgewehrt werden können. Hier müssten rund 200 Käfer angreifen, um den Baum zu überwinden. Bei einer durch Trockenheit gestressten Fichte beispielsweise gelingt der Angriff allerdings mit viel weniger Käfern und die Population kann sich weiter vermehren. Verhindern lässt sich dies nur, indem der befallene Baum umgesägt, entrindet und aus dem Wald entfernt wird.

Wer kann, der sollte jetzt „angreifen“

Gerade in diesen Tagen bohren sich Käfer wieder frisch ein, was ein schnelles Handeln von Seiten der Waldbesitzer erforderlich macht, um das Schlimmste abwenden zu können. Doch genau hier liegt das Problem: Über 60 Prozent der Wälder im Landkreis Lichtenfels befinden sich in Privathand, mitunter ändert sich alle 100 Meter der Besitzer. Ein Großteil davon ist jedoch derzeit nicht in der Lage, selbst zu handeln. Es fehlt schlichtweg an Kenntnissen, Werkzeugen und Maschinen. Viele Waldbesitzer sind somit auf Forstunternehmen angewiesen, die allerdings sehr rar sowie überlastet sind und deshalb oft erst viel zu spät eingreifen können. „Jeder, der aktuell in der Lage ist, raus zu gehen und etwas zu tun, sollte das genau jetzt auch machen“, so das Appell von Wolfgang Tschödrich. Auf die kritische Situation in den bayerischen Wäldern macht auch der Bund Naturschutz immer wieder aufmerksam. So weist der hiesige BN-Kreisvorsitzende Anton Reinhard darauf hin, dass laut aktuellem Waldzustandsbericht nur noch ein Viertel der Bäume in Bayern keine sichtbaren Schäden aufweisen. „Wir appellieren an die Staatsregierung, ein weiteres Waldsterben 2.0 zu verhindern und brauchen dazu dringend eine Wende in der Wald-, Jagd- und Klimapolitik. Die Rezepte für die Rettung der bayerischen Wälder liegen schon lange vor, sie müssen nur konsequent umgesetzt werden.“

Waldsterben 2.0

Die Wälder am Obermain leiden
Förster und Naturschützer sprechen sich für mehr Mischwald aus – dabei müssen die jungen Bäumchen unter anderem auch vor... Foto: Marion Nikol

Zu den Vorschlägen des Bund Naturschutz gehört unter anderem der stärkere Fokus auf eine natürliche Waldentwicklung, um die vielfältigen Anpassungsmöglichkeiten der Natur zu nutzen. Dies bedeutet, mehr Naturwälder zu schützen und die Wälder von reinen Nadel- zu Mischwäldern umzubauen. Damit einher geht die Forderung, auch derzeit überhöhte Wildbestände von Rehen und Wildschweinen zu reduzieren, um einen Verbiss an jungen Bäumchen zu vermeiden, so dass eine zukunftsfähige neue Waldgeneration hochwachsen kann. Dies sieht auch der Lichtenfelser Revierförster Wolfgang Tschödrich ähnlich: „Die jungen Bäume, die ihre Köpfe zuerst rausstrecken, sind die stärksten und anpassungsfähigsten, werden aber oft vom Wild weggebissen. Grundsätzlich ist es wichtig, dass alle Jäger hier an einem Strang ziehen.“

Ein Aspekt, der im Zuge der Überlegungen ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, betrifft die künftige Zusammensetzung der fränkischen Wälder. Wie Christoph Hübner vom AELF aufzeigt, sind im Landkreis Lichtenfels am häufigsten Fichten und Kiefern bei den Nadelbäumen sowie Eichen und Buchen bei den Laubbäumen anzutreffen. Von Vorteil sei, dass die Wälder am Obermain schon länger ziemlich gut gemischt sind. Nichtsdestotrotz macht die anhaltende Dürre den Bäumen zu schaffen, so dass sich die Frage stellt, ob bestimmte Baumarten, darunter auch die zunehmend leidende Buche, überhaupt weiterhin für die Region geeignet sind.

Der Wald der Zukunft

Wie also könnten unsere Wälder in Zukunft aussehen? Wer heute einen Baum pflanzt muss jedenfalls berücksichtigen, dass dieser frühestens im Jahr 2100 geerntet werden kann. Umso wichtiger scheint es deshalb abzuwägen, ob dieser dann noch existieren kann. Hierzu gibt es Rechenszenarien, die davon ausgehen, dass es deutlich weniger Niederschläge geben, dafür aber knapp 2 Grad wärmer werden wird. Gut möglich also, dass die fränkischen Klimaverhältnisse in fünfzig bis hundert Jahren südfranzösisch anmuten. Was dort momentan gut gedeiht, hätte gute Chancen, langfristig auch am Obermain zu bestehen. Inwiefern die Rechenmodelle tatsächlich zutreffen, bleibt abzuwarten. Sicher ist zu diesem Zeitpunkt jedenfalls, dass Veränderungsprozesse stattfinden werden und die Lichtenfelser beim entspannenden „Waldbaden“ womöglich auf mehr Baumhaseln und Esskastanien oder auch Atlas- und Libanon-Zedern treffen werden.

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