LICHTENFELS

Die Geheimnisse des Untergrunds

Ein Luftbild vom Staffelberg-Plateu. Foto: CHW

In gewisser Weise war Karl-Heinz Gertloff ein Überflieger des Abends. Grund: Der Mann bedient sich einer Art von Vogelperspektive. Denn die Technik, mittels derer von Flugzeugen aus Geländehöhenmessungen vorgenommen werden, ist erstaunlich. Plötzlich sieht man Landschaften Vergangenheiten an, nach denen man eigentlich erst graben müsste. Der Mann, der Messungen und Aufnahmen für den Geschichtsverein CHW (Colloquium Historicum Wirsbergense) zu interpretieren wusste, war eben jener Gertloff. Ein diplomierter Ingenieur, ein Vermessungsingenieur sogar, ein einstiger Oberfranke und ein Mann, der in einem Online-Vortrag etwas auf dem Herzen hatte: „Geheimnisvolle Spuren der Geschichte im Relief der Geländeoberfläche.“

„Grüße aus Scheßlitz. Ich bin baff …!“

Als Günter Dippold die Gäste willkommen hieß, da waren 119 Geräte eingeschaltet. Wenig später sollten es 135 sein, kurz vor Ende des Geschichtsvortrags, sollten es gar 150 Haushalte sein, die sich zuschalteten. Offenbar machte die Runde, was an Gertloffs Vortrag so ungewöhnlich war. Der Kommentar des Abends zu alledem kam via Bildschirm von einem Matthias Schönlein und ging an alle: „Grüße aus Scheßlitz. Ich bin baff …!“ Worum es ging, ist eine Hightech-Vermessungstechnik, die zu digitalen und hochauflösenden Geländemodellen führt, welche bundesweit abrufbar sind. Mit ihrer Hilfe, so Gertloff, können Geländeoberflächen und insbesondere Waldgebiete am heimischen PC nach Reliefstrukturen durchsucht werden. Könnte man so auf Indizien für unbekannte Bodendenkmäler oder andere kulturhistorisch bedeutsame Objekte stoßen?

Blick durchs Blätterdach auf den Untergrund

Der Clou an dem Airborne-Laserscanning-Messverfahren jedenfalls ist, dass beispielsweise auch durch ein dichtes Blätterdach hindurch Waldboden erfasst und zu einem Landschaftsmodell bzw. Lidar-Bild umgerechnet werden kann. Auf diese Weise erkennt man Zusammenhänge in der Bodenbeschaffenheit, auf die man, stünde man vor Ort, nicht käme. So wurde „2015 in Kambodscha eine verschollene Stadt entdeckt (…) und drei Jahre später ein Bauwerk der Maya-Kultur. Am 30. Dezember 2020 auch in Brasilien eine Siedlung. Alle drei Beispiele liegen im Dschungel“, erklärte Gertloff und präsentierte die dazugehörigen Bilder der digitalen Modelle, die ganz klar Strukturen in der Bodenbeschaffenheit aufwiesen, die jahrhundertelang unbemerkt blieben.

In diesem Moment schien sich etwa unter den nun mittlerweile 153 angeschlossenen Geräten zu verbreiten, etwas, das in Online-Vorlesungen nur selten merklich werden kann: ein Staunen. Doch was bedeutet diese Technik für die Erkundung historisch bedeutsamer Böden in Oberfranken? Darauf sollte Gertloff von seinem Wohnsitz im hessischen Egelsbach aus zu sprechen kommen.

Ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem

Da wäre beispielsweise Pretzfeld, oder genauer gesagt: ein Feld bei Pretzfeld. Aus der Höhe und mittels des Airborne-Laserscannings sind auf ihm Schattierungen zu erkennen, die ein merkwürdig strukturiertes Muster zu ergeben scheinen. „Es ist ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem durch Gräben, die gewährleisteten, dass eine optimale Bewässerung bei jedwedem Wasserstand gegeben war“, so Gertloff zu dem, was er aus den sinnvoll wirkenden Strukturen las. Und er schob an dieser Stelle noch etwas nach, etwas, das zeigt, wie leidenschaftlich er sich damit bechäftigt: „Sie können mir glauben, dass das mitunter süchtig macht.“

Die Weinbauterrassen bei Marktzeuln

Über besagte Technik erkennt Gertloff Einbuchtungen in Waldböden und kann der Frage nachgehen, ob sie Wolfsgruben oder Meilerplätze waren. Oder er geht die Sache von der anderen Seite an und erinnert sich daran, welche Orte alle Begriffe wie Weinhügel, Weinleite oder Weinhang in sich tragen, verschafft sich die dazugehörigen Modelle und stößt auf Indizien für ehemalige und nun verschliffene Weinbauterrassen, so wie in Marktzeuln.

Eines der eindrucksvollsten Beispiele aber gelang ihm zum Staffelberg. „Wer sich mit Archäologie am Obermain befasst, kommt um den Staffelberg nicht herum“, erklärte er und legte Modelle vor, die davon sprechen könnten, dass es noch zwei Großgrabhügel geben könnte, die niemandem auffielen. Zudem überraschte er noch mit einer Erkenntnis zum Staffelbergplateau. Direkt auf der Nordseite vor der dortigen Kapelle sind mittels Messtechnik Streifen zu erkennen, die in fünf Meter Entfernung parallel zueinander verlaufen und mit Kehrschleifen versehen sind. So, auf diese Weise, zogen Bauern ihre Pflüge durch Äcker und der Boden hat diese Strukturen regelrecht verinnerlicht. Doch wer hätte gedacht, dass auf dem kargen Boden des Plateaus Ackerbau möglich war? Es gab viele Momente wie diesen, der zum Aha-Erlebnis wurde. Der einstige Coburger, den es zum Studium und für den Beruf nach Hessen zog, bescherte sie.

Deutlich sind die Strukturen im Untergrund zu erkennen. Foto: CHW
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