LICHTENFELS

Die ganze Vielfalt der Flechterei in Lichtenfels

Die Stadträtin Dr. Andrea Starker (li.) kaufte eines der ersten Exemplare des Lichtenfelser Einkaufskorbs, der von der Flechtwerkgestalterin Rosa Gies (re.) gestaltet wurde. Foto: Alfred Thieret

Bereits zum zweiten Mal hintereinander musste bedingt durch die Corona-Pandemie der traditionelle Lichtenfelser Korbmarkt ausfallen. Daraufhin starteten die Stadt Lichtenfels, das Zentrum Europäischer Flechtkultur, der Stadtmarketingverein und weitere Partner mit dem Flecht-Kultur-Sommer von Juli bis September ein buntes Programm, zu dem auch der Flechthandwerkermarkt am Samstag gehörte.

Auf dem Marktplatz präsentierten ab 10 Uhr etwa zehn Flechthandwerker und -handwerkerinnen ihre selbst geflochtenen Produkte von bester Qualität. Trotz der großen Hitze fanden sich viele Interessierte ein und begutachteten das umfangreiche Sortiment.

Eine große Vielfalt an Einkaufskörben und Dekoartikeln

Im Mittelpunkt stand natürlich eine Vielfalt an Einkaufskörben. Neben den üblichen, etwas breiteren Handkörben mit geflochtenem Henkel waren auch schmälere Körbe mit flexiblen Bändern aus Leder oder Stoff gesucht, die man leger über die Schulter tragen kann, was besonders von Frauen geschätzt wird. Das breite Angebot umfasste noch unterschiedliche Korbarten vom Papierkorb über den Deckelkorb oder den Schanzenkorb bis zum großen Heukorb aus ungeschälten Weiden. Eindrucksvoll waren auch äußerst dekorative Schalen in allen Größen, aber auch diverse Dekorationsartikel für die Wohnung oder den Garten aus Weide.

An Weidenmaterial fehlt es Heinrich Geßlein nie, schließlich besitzt er ein großes Weidenfeld. Foto: Alfred Thieret

Gleich ins Auge stach den Marktbesucherinnen und -besuchern der Marktgraitzer Flechter Heinrich Geßlein, der größere Flechtobjekte wie Regentonnenverkleidungen, Sichtschutzelemente und Zäune fertigt oder Iglus für Kinder aus ungeschälten Weiden beziehungsweise aus lebenden Weiden, die weiterwachsen können, herstellt. Auch mit Grobgeflecht arbeitet er gerne.

Heinrich Geßlein kam auf einem ganz anderen Weg zum Flechten als die anderen Flechthandwerker. Er baute nämlich ursprünglich Weiden auf einem Feld zwischen Marktgraitz und Trübenbach für einen großen Flechtbetrieb an, der im Gegensatz zum Weidenanbau nicht mehr besteht. Mit der Zeit fand Geßlein mit Flechtkursen auch zum Flechten, was er mit Eifer, Geschick und Ideenreichtum betreibt.

Blumenkörbe flochten die Teilnehmer des Flechtkurses von Heinrich Geßlein am Nachmittag. Foto: Alfred Thieret

„Verheerend ist für Flechter der durch die Corona-Pandemie bedingte Ausfall der Märkte gewesen. Die Märkte sind für uns lebenswichtig, weil wir hier unsere Waren einem breiten Publikum anbieten können“, unterstrich Heinrich Geßlein. Dass der Marktgraitzer auch eine musikalische Ader hat, bewies er, indem er auf dem Marktplatz spontan zusammen mit Wolfgang Drenkard voller Inbrunst das Frankenlied „Wohlauf, die Luft geht frisch und rein“ anstimmte. Beide sangen zusammen alle Strophen. Am Nachmittag leitete Heinrch Geßlein dann einen Flechtkurs, an dem sich vier Frauen und ein Mann beteiligten, die mit viel Begeisterung einen Blumenkorb flochten.

Premiere für „S'Körbla“, geschaffen von Rosa Gies und Jennifer Rubach

Eine Premiere gab es am Stand der Deutschen Korbstadt. Hier wurde erstmals der neu geschaffene „Lichtenfelser Einkaufskorb“, der den Namen „S'Körbla“ erhielt, zum Verkauf angeboten. Unter Mitwirkung des Zentrums Europäischer Flechtkultur hatten Rosa Gies und Jennifer Rubach zunächst den Entwurf erstellt und dann die ersten 30 Exemplare von zunächst 100 geplanten Körben gefertigt.

„Verheerend ist für Flechter der durch die Corona-Pandemie bedingte Ausfall der Märkte gewesen.“
Heinrich Geßlein, Flechthandwerker
Bester Laune stimmte Heinrich Geßlein (links), der auch als Sänger sehr bekannt ist, zusammen mit Wolfgang Drenkard das ... Foto: Alfred Thieret

Die beiden aus Bamberg stammenden Absolventinnen der Berufsfachschule des Jahres 2018 haben sich mittlerweile selbstständig gemacht. Rosa Gies hat sich in Altendorf im Landkreis Lichtenfels eine Werkstatt eingerichtet. Sie beschrieb den Korb als hochwertig und alltagstauglich. Er ist relativ lang und schmal gehalten und mit individualisierbaren Gurtbändern versehen, damit man den Korb nicht nur mit der Hand, sondern auch locker über der Schulter tragen kann. Eine der ersten Käuferinnen war die Stadträtin Dr. Andrea Starker, der der neue Korb sehr gut gefiel.

Aus der Nähe von Husum nach Romansthal

Rainer Groth, der ebenfalls mit einem Stand vertreten war, betrieb das Flechten zunächst hobbymäßig in seiner norddeutschen Heimat in der Nähe von Husum, ehe er 2002 für drei Jahre an den Obermain zog, um sich an der Berufsfachschule Lichtenfels zum Flechtwerkgestalter ausbilden zu lassen. Da seine Frau eine Arbeit als Heilpädagogin fand, blieben beide hier, zumal es ihnen in der Gegend gut gefällt. Aus seiner Werkstatt in Romansthal hatte er ein großes Sortiment an Körben mitgebracht, vor allem viele hochwertige Einkaufskörbe, aber auch schöne dekorative Schalen, die mit verschiedenen Techniken geflochten wurden.

Der französische Flechthandwerker Benjamin Nauleau präsentiert hier eines seiner zahlreichen Korbmodelle. Foto: Alfred Thieret

Aus der Vendée in Westfrankreich kommt Benjamin Nauleau, der seit 15 Jahren im Brandenburgischen Havelaue wohnt. Vor mehreren Jahren fand er über verschiedene Flechtkurse zur Flechterei. Nun stellte er an einem Stand auf dem Marktplatz seine Erzeugnisse vor. Ihm gefällt besonders der umweltschonende Aspekt durch das Arbeiten mit nachwachsenden Naturstoffen. Unter anderem hat er einen Korb kreiert, der auf beiden Längsseiten eingeengt ist, so dass sich der Korb beim Tragen über einen Schultergurt an die Hüfte anschmiegt. Außerdem hat er einen in einen Flechtkorb integrierten Nussknacker entwickelt.

„Ohne Online-Verkauf wäre während der Corona-Pandemie nichts gelaufen, da der Laden meistens zu war.“
Anja Voß, Flechthandwerkerin

Anja Voß aus Rödental besuchte bereits vor längerer Zeit die Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung. Sie besitzt einen kleinen Laden, in dem sie wie auf dem Marktplatz ein vielseitiges Sortiment anbietet, neben Körben Umhängetaschen, Lampenschirme, Windspiele, Futterglocken für Vögel und Sonderanfertigungen. „Ohne Online-Verkauf wäre während der Corona-Pandemie nichts gelaufen, da der Laden meistens zu war“, erzählte sie.

Rainer Groth aus Romansthal hatte unter anderem ein vielschichtiges Sortiment an Körben im Angebot. Foto: Alfred Thieret

Wie alle Fieranten war sie froh, dass endlich wieder ein Markt stattfand. Auch die Besucher nahmen die Gelegenheit gerne wahr, über den Markt zu schlendern, die Angebote zu besichtigen und auch Käufe zu tätigen.

Schlagworte