LICHTENFELS

Der „Sieger des Volkes“ bringt Geschenke

Bischof Nikolaus beschenkt die drei armen Töchter mit Goldkugeln. Die Darstellung stammt aus der Werkstatt eines zeitgenössischen Oberammergauer Künstlers. Foto: Fabian Brand

Der 6. Dezember ist im Juradorf Arnstein ein hoher Festtag: Es ist das Patronatsfest der Ortskirche, die dem heiligen Nikolaus von Myra geweiht ist. Auch in vielen Haushalten am Obermain ist dieser Tag ein großes Fest: Es ist der Abend, an dem der Nikolaus zu Besuch kommt und den Kindern Geschenke bringt.

Erbe zur Linderung der Not der Armen verwendet

Der heilige Nikolaus hat ungefähr von 270 bis 342 nach Christus gelebt. Geboren wurde er in Patara, gestorben ist er wohl in Myra. Diese Stadt lag in der heutigen Türkei und heißt heute Demre. Der Ort ist nicht weit entfernt von der Touristenstadt Antalya. Als Sterbetag des heiligen Nikolaus gilt seit langem der 6. Dezember.

Historisch ist wenig über das Leben von Nikolaus bekannt. Aber viele Legenden ranken sich um ihn: Demnach wurde er als Sohn reicher christlicher Eltern in Patara geboren. Als seine Eltern starben, verwendete er das Erbe zur Linderung der Not der Armen und behielt nichts für sich selbst.

Mit 19 Jahren wurde Nikolaus von seinem Onkel zum Priester geweiht. Anfang des 4. Jahrhunderts kam er in die Stadt Myra. Dort wurde er zum Bischof. Er zerstörte heidnische Altäre und wurde wegen seiner Rechtgläubigkeit weit über die Grenzen Myras hinaus bekannt. Der Name Nikolaus bedeutet übrigens „Sieger des Volkes“.

Dreimal fliegen Goldklumpen durchs Fenster

Eine Legende über Nikolaus erzählt folgendes: Eines Tages hörte Nikolaus von einem Mann, der drei Töchter hatte. Der Mann war von edler Herkunft, aber sehr, sehr arm. In seiner Not wollte er seine Töchter als Prostituierte verkaufen, um so den Rest der Familie ernähren zu können. Das konnte Nikolaus nicht zulassen! Er nahm einen Klumpen Gold und schlich in der Nacht zum Haus des Mannes. Heimlich warf er das Gold durch sein Fenster ins Zimmer der Mädchen. Nun hatte der Vater genug Geld, um für seine erste Tochter einen Bräutigam zu suchen.

Einige Tage später schlich Nikolaus wieder zum Haus und warf einen zweiten Goldklumpen ins Zimmer. So konnte auch die zweite Tochter heiraten. Der Vater aber war neugierig geworden und wollte wissen, wer seinen Töchtern Gold schenkte. Als Nikolaus einige Zeit später den dritten Goldklumpen ins Fenster warf, wurde der Mann davon wach, lief ihm nach und erkannte, dass es der Nikolaus war. Doch Nikolaus bat ihn, niemandem davon etwas zu verraten. Der Mann und seine drei Töchter freuten sich und feierten ein rauschendes Hochzeitsfest.

Die Kinder haben am 5. Dezember die Schuhe vor die Tür gestellt

Ein beliebter Kinderbrauch ist, dass die Kinder in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember ihre Schuhe vor die Türe stellen, die dann der „Nikolaus“ in der Nacht mit Gaben füllt. Dieser Brauch geht wahrscheinlich auf die Legende von den drei Jungfrauen zurück. Die Geschichte des mildtätigen St. Nikolaus wurde ungefähr im 10. Jahrhundert in Deutschland verbreitet. Seine Freigiebigkeit und Kinderfreundlichkeit sind besondere Merkmale. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts beschenkte man sich am Nikolaustag. In den Niederlanden ist das bis heute noch der Fall.

Nikolaus und Christkind standen im Spätmittelater nicht in Konkurrenz

Im Spätmittelalter entwickelte sich die Vorstellung des Christkindes als Gabenbringer. Das Christkind und der heilige Nikolaus bildeten lange Zeit ein zusammengehöriges Paar, das nicht miteinander konkurrierte. Erst die Reformatoren nach Martin Luther drängten Nikolaus langsam zurück. Im 16. Jahrhundert ersetzte das Christkind schließlich den heiligen Bischof nach und nach als Gabenbringer. Der Geschenktermin verschob sich vom 6. Dezember auf den 25. Dezember.

Nikolaus trat nicht immer nur als Schenkender, sondern auch als Strafender auf. Dies oft in Begleitung von Knecht Ruprecht. Seine Rute hat heute nur mehr Symbolcharakter, während er vor 200 oder 300 Jahren die Rute durchaus einsetzte. Dennoch gibt es bis heute den Brauch, dass der Nikolaus die Kinder nicht nur lobt, sondern auch tadelt und ihnen ihre Vergehen vorhält. Früher war es oftmals so, dass die braven Kinder Geschenke erhielten, während die unartigen Kinder nur eine Kohle bekamen.

1881 zeichnete der deutschstämmige Thomas Nast den ersten „Weihnachtsmann“. Für Werbezwecke wurde er schon bald von der ... Foto: Repro: Fabian Brand

Ein Zerrbild des Heiligen

Bis heute wird der „Nikolaus“ mancherorts als Erziehungsmaßnahme der Eltern eingesetzt. Bei Licht betrachtet, ist das aber mit dem Bischof Nikolaus nicht vereinbar! Nikolaus wird als Heiliger verehrt, als ein Mann, der seinen Mitmenschen Gutes getan hat und wollte, dass sie glücklich sind. Wenn sich Kinder heute vor dem Nikolaus fürchten, weil er ihnen ihre Vergehen vorhält, dann ist das ein Zerrbild dieses heiligen Menschen.

Nikolaus war Bischof und damit Verkünder des Evangeliums, also einer guten Nachricht. Kinder dürfen sich nicht vor dem Nikolaus fürchten, sondern sie sollen sich auf seinen Besuch freuen. Und sie sollen von ihm lernen, wie wichtig es ist, ein Herz für die Sorgen und Nöte der Mitmenschen zu haben. Und wie viel Freude aufkommt, wenn man sich gegenseitig beschenkt und sich Gutes tut – und das gilt längst nicht nur für Kinder.

Kinder erinnerten kirchliche Machthaber an demütige Ausübung

Im Mittelalter wurde besonders in Klosterschulen der Brauch gepflegt, am Tag des heiligen Nikolaus oder am Fest der Unschuldigen Kinder (28. Dezember) einen „Kinderbischof“ zu wählen. Dabei wurde einer der Schüler auserkoren, in bischöfliche Gewänder gekleidet, einen Tag lang seine Amtsgeschäfte auszuüben. Vielleicht stützte sich diese Gepflogenheit auf einen Vers aus dem Neuen Testament. Dort heißt es: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“ (Lk 1,52). Die Kinder wollten den kirchlichen Machthabern demonstrieren, dass auch ihre Zeit nur begrenzt ist. Außerdem sollten sie an eine demütige Ausübung ihres Amtes erinnert werden. Aus diesen Schülerspielen entwickelte sich später

Der heilige Nikolaus in einer Darstellung, die sich in der Pfarrkirche von Marktgraitz befindet. Seine Attribute sind Bi... Foto: Fabian Brand

vermutlich der Brauch, am Tag des heiligen Nikolaus als verkleideter Bischof umherzuziehen.

Schon 1534 unterrichtet uns darüber Sebastian Franck: „An Sanct Nicolaus woelen die schüler vnder yn ein Bischoff zwen Diacon / die sitzen in yhren ornaten mit einer procession in die kirch geleyttet biß das ampt für ist / als dann gehet der Niclaus Bischoff mit all seinem hoffgesind zu singen für die heußer (…) Etlich kinder fasten Sacnt Niclaus abend so fest / das man sy etwa zu essen noeten muß / darumb das sy vermeynen / die gab so sy vnder yren küssen / oder in den schuhen vnder dem tisch von den eltern darein gelegt / finden sey yn darub von Sanct Niclaus beschöret (…)“.

Die Insignien des Bischofs

Einen „echten“ Nikolaus erkennt man an den Insignien eines Bischofs: Er trägt einen Bischofsstab, hat eine Mitra auf dem Kopf und ist mit einem Chormantel oder Messgewand bekleidet. Den heute oftmals anzutreffenden Santa Claus mit Zipfelmütze, weißem Rauschebart und einem dicken Bauch hat der Deutsch-Amerikaner Thomas Nast erfunden. 1881 erschien erstmals eine Zeichnung dieses Weihnachtsmannes.

 

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