LICHTENFELS

Der Nachlass der Familie Nordgauer

Aktuell dient das Gebäude, das vor knapp 50 Jahren als Altenheim der Maiacher Stiftung gebaut worden war, Jungs und Mädels als Krippe. Vor fünf, sechs Jahren waren hier zwischenzeitlich Geflüchtete untergebracht. Doch eigentlich sollte das Anwesen in der Nordgauerstraße 2, dessen Einwohner 2012 ins BRK-Altenheim umgezogen sind, seit neun Jahren als ein Vorzeigewohnhaus für betreutes Wohnen und Tagespflege im Rahmen des Lichtenfelser Modells genutzt werden.

Aber abgesprungene Investoren, unklare Vermögensverhältnisse und die grundsätzliche Frage, was die Stadt mit dem Anwesen anfangen möchte und darf, verzögerten die Umsetzung des Vorhabens.

Ein Rückblick: Das Ehepaar Nordgauer hatte ein großes Herz und eine noch größere Zuneigung zu Lichtenfels. Kinder hatte das in Nürnberg zu großem Wohlstand gekommene Paar jedoch keine. Also vermachten der in Lichtenfels geborene Hermann und seine Frau Anna Maria Nordgauer ihr Vermögen der Stadt: 1,57 Millionen Mark und mehrere Grundstücke im Nürnberger Stadtteil Maiach flossen ab Mai 1968 in die Stiftung des Ehepaars Nordgauer ein.

Ausschließlich gemeinnützige und mildtätige Zwecke

Diese hieß ursprünglich „Stiftung für Altenhilfe und Armenfürsorge“, die Stadt war deren rechtlicher Vertreter. In der Satzung vom 4. August 1970 heißt es: „Die Stiftung verfolgt ausschließlich gemeinnützige und mildtätige Zwecke durch Gewährung von Erträgnissen aus dem Stiftungsvermögen an alte oder gebrechliche bedürftige Menschen.“ Ausdrücklich erwähnt wird die Errichtung eines Altenheimes.

Als Herrmann Nordgauer knappe zwei Jahre nach seiner Frau im Februar 1972 verstarb, wurde nach dem Spenderwillen die Stiftung in Maiacher Stiftung umbenannt. Zu diesem Zeitpunkt war schon viel Gutes mit dem Geld der Familie Nordgauer geschaffen worden. So zogen Ende September 1969 die ersten Bewohner in das Altenwohnhaus I in der Nordgauerstraße 1. Die Baukosten entsprachen ziemlich genau dem Kapitalgrundstock von 1,57 Millionen Mark.

Auf der anderen Straßenseite entstand ab 1971 das Altenheim in der Nordgauerstraße 2 und nahm im April 1973 seinen Betrieb auf. Es hatte 110 Plätze, davon 18 Pflegeplätze, und kostete 5,7 Millionen Mark – erlöst aus Grundstücksverkäufen in Maiach.

Grundstückerlöse ermöglichten 1985 den Bau des Altenwohnhauses II (Nordgauerstraße 4) und des Altenwohnhauses III (Nordgauerstraße 6) im Jahr 1992. Deren Kosten betrugen 2,9 Millionen und 3,8 Millionen Mark. Für den Bau dieser drei Gebäude gab es auch öffentliche Zuschüsse. Letztendlich aber hatte das Ehepaar Nordgauer 6,366 Millionen Mark (3,246 Millionen Euro) gestiftet.

Diese Informationen lassen sich im Heft Nummer 5 zur Lichtenfelser Heimatgeschichte „Das Ehepaar Nordgauer und seine Stiftung“ von Stadtarchivarin Christine Wittenbauer nachlesen, das zum 30-jährigen Bestehen des Altenheims verfasst worden ist.

Wesentlich schwieriger waren da schon die genauen Vermögensverhältnise herauszufinden. Ohne die ist es unmöglich, über die Zukunft des ehemaligen Altenheims zu entscheiden. Deshalb hat der Stadtrat im Februar 2019 Kämmerer Dominik Först mit deren Klärung beauftragt.

Im Archiv wurde der Lichtenfelser Finanzchef fündig und kämpfte sich durch die teilweise über 50 Jahre alten Kassenbücher der Stiftung, in denen die Buchungen anfangs noch handschriftlich eingetragen waren.

Bis Anfang der 1990-er Jahre gab es noch hohe Zinserträge

Sein Ergebnis nach drei Monaten Recherche: Das Vermögen der Maiacher Stiftung besteht aus den drei Altenwohnhäusern mit 78 Wohnungen und dem Altenheim. Das steht zwar bereits im Heimatgeschichtsheft von Christine Wittenbauer, ist aber jetzt auch für die kommunale Finanzaufsicht verbindlich. „Das nicht für den Hausbau verwendete Geld wurde auf ein Konto eingezahlt und brachte bis Anfang der 1990-er noch Zinserträge von 100 000 Mark im Jahr ein“, sagt Först.

Doch dann brachen die Zinsen ein, das Geld auf der Bank, das in den Unterhalt des Altenheims gesteckt wurde, schmolz dahin. Först: „Von 2005 bis 2012 gab es jedes Jahr ein niedriges sechsstelliges Defizit.“ 2012 waren fast alle Mittel bis auf 160 000 Euro aufgebraucht. „Die Stadt und die Stiftung waren nicht mehr in der Lage, das Altenheim wirtschaftlich zu betreiben. Zwar musste das Altenheim geschlossen werden, aber mit dem BRK-Kreisverband konnte ein Träger gefunden werden, der ein eigenes Wohn- und Pflegeheim in räumlicher Nähe An der Moritzkappel eröffnen konnte.“ Übrigens: Für das restliche Guthaben erhält die Stiftung heute 1,69 Euro Zinsen im Jahr.

Was der Stiftung gehörte, war nun klar. Doch was sind die Gebäude eigentlich wert? Först: „Die haben wir 2019 schätzen lassen. Das Altenwohnhaus I wird auf 1,7 Millionen Euro geschätzt, das Altenwohnheim auf 1,9 Millionen, das Altenwohnhaus II in der Nordgauerstraße 4 auf 900 000 Euro und das Altenwohnhaus III auf eine runde Million. Zusammen sind die Immobilien also 5,5 Millionen Euro wert, und es lässt sich sagen, dass die Stadt damit dem Stiftungsauftrag, nämlich den Vermögensstock zu erhalten, nachgekommen ist.“

Erlös aus Altenheimverkauf muss für Stiftungszweck verwendet werden

Dazu ist die Stadt seit einer Änderung im Stiftungsrecht aus dem Jahr 2008 gesetzlich verpflichtet. Sollte also das ehemalige Altenheim an einen Investor verkauft werden, müsste der Erlös für den Stiftungszweck verwendet werden, beispielsweise für eine anstehende Sanierung der Altenwohnhäuser II und III.

Am Altenwohnhaus I wurde übrigens 2012 bereits die Fassade saniert. Der damalige Stadtrat hatte dafür 1,4 Millionen Euro locker gemacht, weil der Stiftung schlichtweg das Geld dafür gefehlt hat, erläutert Först. „Nach Abschluss der Vermögensklärung lässt sich feststellen, dass diese Arbeiten mit Mitteln aus dem allgemeinen Haushalt gestemmt wurde, also nicht mit Stiftungsmitteln“, sagt der Stadtkämmerer. Deswegen muss die Stadt auch versuchen, sich das Geld von der Stiftung zurückzuholen.

Wie das gehen kann? Först zuckt mit den Schultern. Das sei eine politische Entscheidung, der Stadtrat kenne seit dem Sommer die Eigentumsverhältnisse. Wenn beispielsweise das Altenheim für seinen ermittelten Wert von 1,9 Millionen veräußert werde, würden mit einem Teil des Erlöses die 1,4 Millionen an die Stadt gezahlt werden. Der Rest müsse dann aus rechtlicher Sicht für den Stiftungszweck verwendet werden, also die Sanierung der beiden Altenwohnhäuser.

Trotz der für die Maiacher Stiftung nicht ganz einfachen Entwicklung habe diese aber bis heute ihren Zweck erfüllt, betont der Stadtkämmerer. „Das Ehepaar Nordgauer wollte etwas für Alte und Bedürftige machen, und das hat es. Gab es zu Beginn 110 Plätze im Altenheim, hat die Nachfolgeeinrichtung, das BRK-Heim, 132 Einzelzimmer und zwölf Doppelzimmer, es sind also Plätze hinzugekommen“, sagt Först.