LICHTENFELS

Der Lichtenfelser Kirchhof als Friedhof

Der Lichtenfelser Kirchhof als Friedhof
Der mittelalterliche Friedhof um die Stadtpfarrkirche konnte in der Nacht schon ein unheimlicher Ort sein. Foto: Karlheinz Hßel

Während des gesamten Mittelalters bis ins 19. Jahrhundert hinein war die Körperbestattung die alleinige Bestattungsform. Tote einzuäschern, wurde erst mit dem 19. Jahrhundert wieder üblich. Dabei waren sowohl die Art der Bestattung wie auch der Begräbnisort ein Spiegel der sozialen Stellung des Betroffenen. Starb beispielsweise ein Fischer aus Lützelau, der späteren Nordvorstadt, so wurde sein Leichnam auf ein Brett gelegt, der Tote behielt oft die Bekleidung an, in der er verstorben war, und er wurde an der Kirche bestattet.

Dabei gab es auch hier eine Staffelung: Der arme tote Fischer musste mit einem Platz weit entfernt von der Kirche und damit von den heilsbringenden Reliquien innerhalb der Kirche vorliebnehmen. Aber je besser der Stand und die wirtschaftliche Stellung, desto näher rückte man als Verstorbener an die Kirchenmauer heran, einige Adlige und Amtsträger schafften es sogar im Innern der Kirche beerdigt zu werden, wovon heute noch Epitaphe an den Mauern Zeugnis ablegen. Solche Verstorbene legte man auch nicht einfach in die Erde, sie hatten zumeist einen Sarg, in dem sie beerdigt wurden.

Wo gerade eben Platz war

Innerhalb der begrenzenden Friedhofsmauern sah es auch anders aus als auf unseren modernen nach rationalen und logischen Gesichtspunkten angelegten Friedhöfen. Die Toten wurden mehr oder weniger planlos in die ausgehobenen Gruben gelegt, da, wo gerade eben Platz war. Der Kirchhof glich wohl viel eher einer holprigen Wiese mit Hügeln und Mulden. Da es auch nicht üblich war, die Toten sehr tief zu vergraben, passierte es schon einmal, dass heftiger Wolkenbruch oder ein Unwetter einen Teil der Gebeine wieder freispülte, was aber kaum als wesentliche Störung empfunden wurde. Ästhetik und pietätvoller Umgang mit den Überresten eines Verstorbenen spielten keine entscheidende Rolle.

Der Lichtenfelser Kirchhof als Friedhof
Ein Blick auf das ehemalige Beinhaus aus westlicher Richtung zeigt am unteren Rand den ursprünglichen, sehr viel tiefer ... Foto: K. Hßel

Dazu kam, dass aufgrund des Platzmangels vielfach die verbliebenen Überreste nach schon fünf bis zehn Jahren wieder aus ihren Gräbern genommen und einer Zweitbestattung zugeführt wurden, das heißt, die noch verbliebenen Schädel und Knochen wurden der Erde entnommen und anderweitig wieder beigesetzt. In Lichtenfels gab es dafür das an die Kirche angebaute Beinhaus, die heutige Herz-Jesu-Kapelle.

Die Friedhofsordnung aus dem Jahr 1542

Wie sehr der Friedhof in jeder Beziehung ein Ort des sozialen Miteinanders war, zeigt ein Blick in die Friedhofsordnung, die im Jahr 1542 in Kraft trat. Verfasst wurden diese Vorschriften von dem Stadtpfarrer Valentin Hornung und dem Vertreter des Amtmanns, dem damaligen Forstmeister Heinz Mayer.

Zunächst wird darauf verwiesen, dass es die Geschehnisse der letzten Zeit notwendig gemacht haben, die Zustände in geordnete Bahnen zu lenken, denn „etliche frevelhafte und eigenwillige Personen unterstanden sich, den Begräbnisplatz der christgläubigen Menschen zu verachten.“ Der Friedhof müsse aber mit Respekt behandelt werden, da dies schon in der Bibel mehrfach Erwähnung fände. So sei es schon im Alten Testament eine gottgefällige Tat gewesen, als Abraham sein Weib Sara mit allen Ehren begraben habe. Und auch im Neuen Testament sei davon die Rede, dass Begräbnisstätten in Ehren zu halten seien.

Streit und schändliches Verhalten

Nun folgt eine Reihe konkreter Dinge, die als schändlich gelten und deshalb künftig verboten sein sollen. Dies beginnt mit dem Führen unnützer Gespräche über den Gräbern, was sogar in der Nacht zu beobachten war. Auch zum Abschluss von Geschäften sei der Friedhof nicht der richtige Ort. Ebenso soll niemand während der Heiligen Messe, zur Vesper, Complet oder Salve auf dem Kirchhof spazieren gehen. Überhaupt sollten alle die, die etwas auszumachen hätten, dazu auf die Straße gehen.

Noch schlimmer ist es freilich, wenn Leute, die sich auf der Straße uneins sind, dann auf den Friedhof gehen, um dort ihren Streit auszumachen. Dabei scheint es oft aber nicht geblieben sein. Besonders erwähnt wird auch, dass sich niemand unterstehen soll, sei es bei Tag oder Nacht, sich für tätliche Handlungen auf den Kirchhof zu begeben. Vor allem wenn man betrunken sei und in Unwillen gerate, darf man keinesfalls für „Hader, Gezank und Zwietracht“ sich dorthin begeben. Ja bisweilen sei man dort sogar mit Flaschen und Messern aufeinander losgegangen. Dem Ganzen die Krone setzte aber die Beobachtung auf, dass auf dem Kirchhof immer wieder Unzucht begangen worden sei.

Geldstrafen und Prügel

All diese Missstände werden durch die Obrigkeit in Zukunft weder geduldet noch gelitten. Wer einer der Taten überführt werden kann oder glaubhaft angezeigt wird, soll mit einer Strafe von zehn Gulden belegt werden, die der Vogt einzutreiben und an die Kirche weiterzuleiten hat. Wenn es durch solche Dinge gar zu einer Entweihung des Platzes gekommen sei, muss der Schuldige auch die Kosten einer erneuten Weihe tragen. Hat der Übeltäter aber weder Geld noch anderen Besitz, so wird er mit einer Leibesstrafe belegt.

Die soziale Kontrolle muss scharf gewesen sein und auch der Türmer hat von seiner hohen Position aus wohl oft genug unpassendes Treiben auf dem Kirchhof wahrnehmen können. Den Frieden und die Ordnung auch im Innern der Stadt zu sichern, war Teil seiner Aufgaben.

Für uns Heutige erscheint das damalige Verhalten auf dem Kirchhof, das offensichtlich Viele an den Tag legten, pietätlos und unpassend, doch sollte man dabei erwägen, dass nicht das Grab der eigentliche Ort der Trauer war, es waren vielmehr die liturgischen Handlungen, die Gebete und Seelmessen, die dem Gedenken an den Toten dienten. Dabei hatten auch Bruderschaften und Zünfte ihren Anteil, die neben der Familie Gebete für den Verstorbenen sprachen und Messen lesen ließen.

Weitere Begräbnisorte

Der Friedhof um die Kirche war für 700 Jahre der zentrale Begräbnisplatz für die Gemeinde. Er blieb es bis zur Übernahme der Herrschaft durch die Bayern 1802. Dann wurde er aus Gründen der Hygiene an seinen jetzigen Ort auf den Goldberg verlegt und bis heute schon mehrfach erweitert. In früheren Zeiten gab es daneben aber immer auch noch andere Stätten für Verstorbene. So wurden die Hingerichteten nicht an der Kirche bestattet, sondern in der Nähe der Hinrichtungsstätte, also auf dem Goldberg, beerdigt. Für die Pestkranken, die Fremden oder auch die Selbstmörder gab es einen eigenen Begräbnisplatz neben der dazu gehörigen Einrichtung in der Nähe der Jakobskapelle. Seit dem 19. Jahrhundert hatten dann auch die Lichtenfelser Juden, die bisher in Burgkunstadt beigesetzt wurden, ihren eigenen Friedhof.

 

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