LAUF

Der Gewerkschafter Herrmann Schilling aus Lauf

Der Gewerkschafter Herrmann Schilling aus Lauf
Hermann Schilling als Vorsitzender der Gewerkschaft für das Gesundheitswesen in Bayern vertritt zusammen mit seinen Kollegen die Interessen von Millionen von Menschen – manchmal auch in Form von Streiks und Demonstrationen. Foto: Corinna Tübel

Man kennt sie mit Fahnen, Warnwesten und Schildern – im Dienst von Millionen Kollegen: die Aktiven der Gewerkschaft für das Gesundheitswesen in Bayern (LBB). Doch die Demonstrationen und Streiks sind nur ein Teil wertvoller, aber aufwendiger Interessensvertretung. Das weiß Hermann Schilling aus Lauf bei Zapfendorf, der seit 2004 Landesvorsitzende der LBB ist, nur zu gut. Dem dbb beamtenbund und tarifunion und dem Bayerischen Beamtenbund zugehörig steht dabei der Einsatz für eine leistungsgerechte Bezahlung und Teilhabe an der allgemeinen Einkommensentwicklung sowie ein sachgerechtes Beamten- und Tarifrecht im öffentlichen Dienst ganz oben.

Das Kernstück dieser Aufgabe, die Tarifverhandlungen mit der Arbeitgeberseite, können auch schon mal „schlaflose“ Nächte bereiten – aber nicht, weil die betriebsamen Gedanken den Schlaf rauben: Der erste Tag solcher Tarifverhandlungen sei mit der Ankunft und Begrüßung der Mitglieder und Beteiligten, die viel Zeit in Anspruch nehme, recht unspektakulär, erzählt Hermann Schilling, der Mitglied der deutschlandweiten Verhandlungskommission und der Landestarifkommission ist.

Auch am zweiten Tag, an dem die unterschiedlichen Standpunkte dargelegt werden, passiere wenig. Erst in der dritten Verhandlungsrunde ständen an deren Ende Ergebnisse fest. So auch kürzlich bei der jüngsten Tarifeinigung mit Bund und Kommunen in Potsdam, in der unter anderem die Einführung der Pflegezulage, die Erhöhung von Intensiv- und Wechselschichtzulagen sowie des Samstagszuschlags im Krankenhaus- und Pflegebereich erwirkt wurde – durch den dbb und die Gewerkschaft ver.di. Dafür habe Hermann Schilling auch erst um 3.15 Uhr in der Nacht das Büro verlassen. „Das kommt schon mal vor.“ Er schmunzelt. Der Mann, der mit fester Stimme mit Politikergrößen, Medienvertretern, aber auch seinen Kollegen spricht. Den Arbeitgeber und Arbeitnehmer kennen.

Praxiserfahrung und Recherchearbeit

1979 zunächst in der Lungenfachklinik tätig hat er ein Jahr später seine Ausbildung zum Krankenpfleger im Bezirksklinikum Bayreuth begonnen. Mit dem Abschluss in der Tasche war er ab 1983 in der Akutpsychiatrie tätig, in der er auch Langzeitpatienten auf Station betreut habe.

Zu diesem Zeitpunkt war er auch in die Gewerkschaft eingetreten. Vor allem habe ihn interessiert, wie man darum kämpft, fairen Lohn zu bekommen. Auch bei Streiks war er deshalb oft aktiv. 1989 wurde er zum Jugendvertreter gewählt, fünf Jahre später übernahm er den Vorsitz der Ortsgruppe Kutzenberg. Nach seinem Dienst in der Gerontopsychiatrie wurde er 1998 zum Personalratsvorsitzenden gewählt, was ihn aus seinem aktiven Dienst mit dem Patienten ausscheiden ließ. „Aber ich habe meiner Erfahrungen gesammelt und weiß heute, wovon ich rede“, blickt er zurück. Zudem waren in den 1990er Jahren seine Wahl in die Landesvorstandschaft der LBB, später zum Vorsitzenden dieser gefolgt. Seitdem betreut er 15 Ortsgruppen aus sieben Bezirken – von Erlangen, Lohr oder Taufkirchen.

Treffen, Sitzungen und Austausch

Seine verschiedenen Ämter führen in viel in Deutschland herum: Treffen, Sitzungen und Austausch gibt es regelmäßig, verteilt in ganz Deutschland – von München bis Berlin. „Aber es ist wichtig, überall vertreten zu sein.“ Doch auch und besonders für die Region machen sich die LBB und Hermann Schilling stark: Bevor 2019 etwa die Klinik für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie im Bezirksklinikum Kutzenberg geschlossen wurde, haben diese in Lichtenfels mit vielen Mitgliedern demonstriert, haben bei einer politischen Tagung in Bad Staffelstein sowie in Bayreuth ihren Unmut kundgetan.

„Viele Menschen profitieren von unserem Engagement,

beteiligen sich aber nicht.

Wie Trittbrettfahrer.“

Hermann Schilling, Gewerkschafter

Dass die LBB als wohl die aktivste Mitgliedsgewerkschaft bei Streiks und Demonstrationen gelte, erfüllt Hermann Schilling mit Stolz. Dennoch befindet er: „Wir bräuchten mehr Leute in den Gewerkschaften. Viele Menschen profitieren von unserem Engagement, beteiligen sich aber nicht. Wie Trittbrettfahrer.“ Dabei gebe es immer mehr Arbeitnehmer mit Tarifbezahlung statt im Beamtenverhältnis. Das seien zwei Lohngefüge für die gleiche Arbeit. Das dürfe nicht sein, betont er entschlossen. Was braucht man für ein solches Engagement? „Man muss sich mit dem TvÖD viel auseinandersetzen und einlesen. Außerdem muss man oft Tacheles reden und nicht immer nur nicken!“

Auf Enttäuschungen in Verhandlungen und Gesprächen reagiert der 66-Jährige aber beinahe gelassen: „Es gibt im Leben oft Enttäuschungen. Ich bin manchmal schon sauer, aber das gibt sich wieder.“ Und dann steckt er seine Energie in die Zukunft. Und die Modernisierung: Hermann Schilling ist stolz darauf, dass sich die LBB modernisiert hat: Mit Videos, Auftritte in den sozialen Medien, vielen Fort- und Weiterbildungen ist die Gewerkschaft auch für junge Menschen attraktiv geworden.

Neun Enkelkinder und Krippenbauen

Die Corona-Krise habe die Gewerkschaft etwas zurückgeworfen. Aufgrund der gültigen Sicherheitsbestimmungen seien weniger Mitglieder bei Streiks oder Demonstrationen aktiv gewesen. Die Anwesenden trugen jedoch zu jeder Zeit eine Mund-Nase-Bedeckung und hielten den Sicherheitsabstand ein.

Gedanken über Gedanken, Strategien und Kompromisse: Wie kommt man da zu Hause zur Ruhe? Mit neun Enkelkindern wird Hermann Schilling zu Hause in Lauf bei Zapfendorf sicher nicht langweilig. Sie bereiten ihm viel Freude und halten ihn „auf Trab“. Auch sein regelmäßiges Schafkopfspielen und vor allem der Bau detaillierter Weihnachtskrippen schaffen für ihn einen Ausgleich zu den komplexen Tarifverhandlungen. Dafür hat er sich eigens ein kleines Gartenhaus gebaut und dort eine Werkstatt eingerichtet. Aus allerlei Holzresten oder alten Raketenstielen, die er nach Silvester findet, gestaltet er filigrane Krippen, die er entweder innerhalb der Familie verschenkt oder verkauft. Allein in diesem Jahr seien schon neun Exemplare fertig geworden.

Bei allem Einsatz und Herzblut ist diese dennoch die letzte Amtsperiode für den Laufer in seinen Gewerkschaftsämtern. In zwei Jahren wird er zurücktreten und für jüngere Kollegen Platz machen. Er hofft, dass sich ein Nachfolger findet, der auch mal „Tacheles redet“.

Der LBB ist die Gewerkschaft für das Gesundheitswesen, deren Dachverband DBB 1,2 Millionen Mitglieder derzeit in den Tarifverhandlungen des öffentlichen Diensts vertritt. Der DBB und der Bayerische Beamtenbund haben derzeit 44 Mitgliedsgewerkschaften.

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