LICHTENFELS

Das gemeinsame Ziel: Lichtenfels soll Demokratie leben

Es war im Juli des vergangenen Jahres, als sich alle Beteiligte nach einem Informationstreffen einig waren: „Demokratie leben!“ müsse unbedingt auch in den Landkreis Lichtenfels geholt werden, zumal nahezu alle Landkreise Oberfrankens sich schon an diesem vom Bund geförderten Projekt beteiligen. Mittlerweile herrscht Ernüchterung: So richtig Zug ist nicht dahinter. Das wollen die hiesigen Triebfedern aber nicht akzeptieren. Zumal die Zeit drängt.

Maßgeblich hinter den Bemühungen stecken Steffen Biskupski und Anne Salzbrenner, die sich beide auch im Aktionsbündnis „Lichtenfels ist bunt“ engagieren. Sie waren es auch, die die Infoveranstaltung vor acht Monaten im Myconiushaus initiierten. Vertreter aus Politik, Kirche, Jugend- und Bildungsarbeit waren gekommen. „Wir können das nur miteinander verwirklichen. Es ist heute nötiger denn je, klar Position zu beziehen“, so Salzbrenner. Rechtspopulismus sei salonfähig, auch im Christentum agiere eine rechte Ecke. Und das nicht selten unverblümt.

Stefan Denzler vom evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad und Geschäftsführer des Projektes „Demokratie leben in der Mitte Europas“ erläuterte im Juli, was es mit dem „Demokratie leben!“ auf sich hat. Die Bundesregierung habe die Initiative unter Ministerin Angela Merkel 1992 ins Leben gerufen, an der sich schon viele Kreise, Städte und Gemeinden des Landes beteiligen. Gefördert aus Bundesmitteln, bis zu 125.000 Euro jährlich pro Teilnehmer, eine Kofinanzierung der Kommune oder des Kreises von rund 14.000 Euro vorausgesetzt.

Stefan Denzler. Foto: red

„Seither hat sich allerdings viel zu wenig getan“, moniert Biskupski. Außer Lippenbekenntnissen habe es nichts gegeben, schon gar keine Entscheidungsfindung. „Es braucht endlich eine Beschlussfassung, denn noch können wir auf den Zug aufspringen und Teil des Bundesprogramms werden. Noch läuft die aktuelle Bewerberrunde“, betont er. „Doch wie lange das noch sein mag? Sicherlich nur wenige Monate, dann geht für einige Jahre wieder nichts mehr.“ Umso mehr freuen Salzbrenner und er sich, dass die Lichtenfelserin Dr. Christine Schmidt, Stadt- und Kreisrätin für Bündnis 90/Die Grünen, nun einen Antrag für den Kreistag formuliert hat, um das Thema endlich auf die Tagesordnung zu bringen. Auch SPD-Stadt- und Kreisrat Arnt-Uwe Schille unterstützt diesen Antrag.

Fast alle Landkreise und kreisfreien Städte in Oberfranken sind dabei

„In Oberfranken nehmen alle Landkreise und kreisfreien Städte am Bundesprogramm ,Demokratie leben!' teil, außer die Landkreise Lichtenfels und Forchheim“, bringt es Stefan Denzler auf den Punkt. „Wenn wir über die oberfränkische Bezirksgrenze hinausblicken, gibt es viele weitere Kommunen, die dabei sind, beispielsweise die Städte Erlangen, Fürth und Nürnberg in Mittelfranken, aber auch eher ländliche Regionen wie der Landkreis Hassberge in Unterfranken, der Landkreis Tirschenreuth in der Oberpfalz und die Landkreise Sonneberg und Hildburghausen in Thüringen.“

Der Demokratiebus macht Station im Landkreis Hof. Hier haben die Organisatoren mit Jugendlichen einen Bus mit Botschafte... Foto: Ingo Vogel/Landratsamt Hof

Aktuell gebe es über 320 dieser sogenannten „Partnerschaften für Demokratie“, in denen Kommunen auf lokaler Ebene Demokratie stärken, Vielfalt gestalten und Extremismus vorbeugen. Die interessierte Stadt oder der Landkreis muss initiativ tätig werden, dann ein federführendes Amt benennen und eine halbe Stelle vorweisen. Ein Begleitausschuss kümmert sich um die Umsetzung und finanzielle Förderung der Projekte, die sehr vielfältig und vielschichtig sein können. Das Ziel aller Projekte ist stets gleich: die Zivilgesellschaft kräftigen, Bildung schaffen, Miteinander fördern, Verständnis füreinander fordern – und Hass und Hetze entgegenwirken.

„Unser Ziel ist es jetzt erst einmal, dass Landkreis oder Stadt Lichtenfels Interesse bekunden, am besten beide gemeinsam. Sinnig wäre ein Miteinander, denn der Landkreis ist insgesamt nicht allzu groß. So kann dann jeder davon profitieren“, so Biskupski. „Das lange Hin und Her aber zerrt gewaltig an den Nerven.“ Das sehen auch die anderen heimischen Unterstützer des Projekts „Demokratie leben!“, darunter der Kreisjugendring oder die Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG).

Laura Göldner. Foto: red

Würden sich Landkreis und/oder Stadt an „Demokratie leben!“ beteiligen, so könnten sie auf kompetente Unterstützung bauen. So zum Beispiel von der Lichtenfelserin Laura Göldner, die die Fach- und Koordinierungsstelle der Partnerschaft für Demokratie in der Stadt Coburg geleitet hat. „In dieser Zeit konnte ich viele gelungene Projekte begleiten“, sagt sie auf Nachfrage dieser Redaktion. „In Erinnerung geblieben sind mir besonders ein Nachbarschaftsfest, bei dem Nachbarn unterschiedlicher Kulturen gemeinsam feierten und sich ihre Länder näherbrachten oder auch die Ausstellung „Vergissmeinnicht“, die Schicksale jüdischer Kinder während des zweiten Weltkrieges zeigte.“ Vor allem Workshops mit Jugendlichen in der Ausstellung seien für sie bereichernd gewesen. Und da war da noch die Demokratiekonferenz 2018, die Göldner organisierte. „Bei dieser trafen sich Ehrenamtliche, tauschten sich aus und nahmen an Workshops teil. Am Ende ließen wir Luftballons steigen – ein Symbol für ein buntes Coburg.“ Das Bundesprogramm unterstützte die genannten Projekte von Ehrenamtlichen finanziell und personell.

Für eine Gesellschaft in Frieden, Freiheit, Menschlichkeit und Toleranz

Laura Göldner appelliert: „Gerade die aktuellen Ereignisse innerhalb Europas machen deutlich, dass wir uns für eine Gesellschaft in Frieden, Freiheit, Menschlichkeit und Toleranz einsetzen müssen. Auch im Landkreis Lichtenfels gibt es viele engagierte Bürgerinnen und Bürger, denn der Landkreis Lichtenfels soll bunt bleiben.“ „Demokratie leben!“ in Lichtenfels würde das ehrenamtliche Engagement vor Ort unterstützen und wäre eine wirkliche Bereicherung.

Fernsehmoderatorin und Autorin Mo Asumang war jüngst in Bamberg zu Gast, wo die „Partnerschaft für Demokratie“ sie im Ra... Foto: Esther Gratz/EBZ Bad Alexandersbad

Ende März soll es ein weiteres Treffen geben, um „Demokratie leben!“ anzuschieben. Dann sitzen Tom Blößl als Vertreter des Jugendzentrums, Diplom-Politologe Stefan Denzler vom evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad und Geschäftsführer des Projektes „Demokratie leben in der Mitte Europas“, Bürgermeister Andreas Hügerich und das Jugendamt des Landkreises an einem Tisch.

„Das Möglichkeitsfenster, sich als Landkreis oder Stadt als neue ,Partnerschaft für Demokratie' am Bundesprogramm zu beteiligen, steht momentan weit offen: das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird interessierte Kommunen in den kommenden Wochen dazu auffordern, die Förderung zu beantragen“, betont Stefan Denzler. „Ob es diese Gelegenheit in den nächsten Jahren bald wieder gibt, ist fraglich.“

Stimmen zum Beitritt zum Bundesprogramm: Das sagen die heimischen Fürsprecher von „Demokratie leben!“

•„Beteiligung und Engagement, gerade von jungen Leuten, tut jeder Kommune gut“, unterstreicht die Lichtenfelserin Dr. Christine Schmidt, Grundschullehrerin sowie Stadt- und Kreisrätin für Bündnis 90 /die Grünen. „Wir haben im Landkreis starke Partner der Jugendarbeit und tolle Bildungseinrichtungen. Diese können mit personeller und finanzieller Unterstützung in den Landkreis strahlen.“ Sie wünsche sich Entscheidungsplanspiele an Schulen, Jugendparlamente in den Kommunen, Repairwerkstätten als Orte der Begegnungen von Geflüchteten und Einheimischen, Unterstützung bei Stadtentwicklungskonzepten (ISEK) für Jugendliche und Senioren. „Wenn wir diese Gruppen einbeziehen können, entstehen ganz neue Perspektiven auf unsere Städte und Dörfer. Deswegen versuche ich mit meiner Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen gerade, bei anderen Fraktionen im Kreistag für Unterstützung und einem gemeinsamen Antrag zu werben, damit der Landkreis Lichtenfels sich um eine Aufnahme in das Bundesprogramm ,Demokratie leben!' bewirbt.“

•„Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit und kein Selbstläufer. In jeder Generation muss sie neu gelebt und gestaltet werden“, bekräftigt Diplom-Sozialpädagoge Tom Blößl vom Jugendzentrum Lichtenfels. „. Für die offene Jugendarbeit ist dieser Auftrag gesetzlich geregelt. In der praktischen Umsetzung scheitert dieser Auftrag meist mangels Personals, fehlender Räume und ernsthafter Teilhabemöglichkeiten junger Menschen.“ Mit dem Bundesprojekt „Demokratie leben!“ könnte diese Vakanz im Landkreis behoben werden. „Jugendlichen und jungen Erwachsenen hätten fortan die Möglichkeit, ihre Ideen und lokalen Projekte zur Förderung eines friedlichen Miteinanders in die Tat umzusetzen.“

•„Demokratie ist das, was wir daraus machen!“, lautet die einhellige Meinung im Vorstandsteam des Kreisjugendrings. „Um die Demokratie zu sichern und zu stärken, müssen wir sie gestalten: im ständigen Dialog, mit innovativen Ideen und mit präventiven Maßnahmen.“

Täglich engagierten sich Menschen für den Frieden und gegen Menschenfeindlichkeit, Ausgrenzung, Hass und Rassismus. „So werden unsere demokratischen Werte immer wieder neu mit Leben gefüllt.“ Das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend fördere und unterstütze mit dem Programm „Demokratie leben!“ dieses zivilgesellschaftliche Engagement für ein friedliches und achtvolles Miteinander. „Und gerade in diesen unsicheren Zeiten ist es umso wichtiger und notwendiger, so findet der KJR-Vorstand, dass sich die Stadt und der Landkreis sich diesem Programm anschließt und die Demokratiebewegung damit stärkt.“

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