LICHTENFELS

Darstellungen des Leidens Jesu am Obermain

Darstellungen des Leidens Jesu am Obermain
"Kreuzschlaafer“ vor der Friedhofskapelle in Isling. Foto: Fabian Brand

In der Volksfrömmigkeit wurden biblische Motive sehr häufig aufgenommen und in eine bildliche Darstellung gegossen. Einerseits konnten in früheren Zeiten viele Menschen noch nicht lesen und schreiben. Die Abbildungen von religiösen Motiven waren sozusagen eine „Bibel zum Anschauen“. Und andererseits gab es auch immer wieder die Versuche, Szenen der Bibel wie in einem Theater darzustellen und zu dramatisieren. Ganz besonders kommt dies zum Beispiel in den Heiligen Gräbern zum Ausdruck, die in der Karwoche noch vielerorts aufgebaut werden. Aber auch andere Motive aus der Passionsgeschichte Jesu sind in den Fokus der Volksfrömmigkeit gerückt und wurden figürlich dargestellt.

Stück der Heilsgeschichte in den Alltag integriert

Prominent hierfür stehen zum Beispiel die Ölbergszenen: Sie entführen den Betrachter in die Nacht vor den Karfreitag. Am Abend, nach dem gemeinsamen Mahl, so schildern es die Evangelien, ist Jesus mit seinen Jüngern in den Garten Gethsemani gegangen. Dieser befindet sich am Fuß des Ölbergs, welcher die östliche Grenze der Stadt Jerusalem bildet. Dort, so heißt es im Neuen Testament weiter, habe Jesus zu seinem himmlischen Vater gebetet, während seine Jünger von Müdigkeit übermannt wurden.

Darstellungen des Leidens Jesu am Obermain
Ein Marterl vor der Pfarrkirche in Mistelfeld zeigt die Szene der Kreuzigung. Foto: Fabian Brand

Weil es für viele Menschen zur damaligen Zeit unmöglich war, ins Heilige Land zu reisen, und die Originalschauplätze der biblischen Geschichten zu besuchen, holte man die heiligen Orte einfach in die eigenen Städte und Dörfer. So verwundert es nicht, dass im 16. Jahrhundert die Ölbergszene in sehr vielen Kirchen gezeigt wurde. Ein Stück der Heilsgeschichte wurde so mitten in den Alltag von vielen Menschen integriert.

Schöne Beispiele in Isling und Rothmannsthal

Auch am Obermain haben sich solche Darstellungen noch erhalten: Eine schöne Ölbergszene findet sich zum Beispiel in Isling, neben der Pfarrkiche St. Johannes der Täufer. Wie es allgemein weit verbreitet ist, zeigt auch dieser Ölberg den leidenden Heiland, der zum Gebet niederkniet. Ebenfalls sind die drei Jünger dargestellt, die während des Gebets Jesu eingeschlafen sind. Daneben ist ein Engel zu sehen, der vom Himmel erscheint und einen Kelch in Händen trägt.

Damit ist auf das Jesus-Wort angespielt: „Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir!“ Jesus ergreift in der Nacht des Ölbergs nicht die Flucht, sondern trinkt den Kelch, den der Vater ihm reicht. Eine ähnliche Abbildung des Geschehens befindet sich auch in Rothmannsthal; der dortige Ölberg stammt aus dem Jahr 1721.

„Kreuzschlaafer“: weil Jesus sein Kreuz „hinter sich her schleift“

Neben dem Gebet Jesu im Garten Gethsemani ist auch ein anderes Ereignis aus der Passion Jesu ein beliebtes Motiv von Darstellungen am Obermain: Es ist der Fall Jesu unter dem Kreuz. Solche Figuren, die häufig aus Sandstein gefertigt sind, tragen im Volksmund den Namen „Kreuzschlaafer“. Dieser Ausdruck hat sich wohl deshalb eingebürgert, weil Jesus sein Kreuz „hinter sich her schleift“.

Freilich wird damit das eigentliche Geschehen etwas herabgewürdigt: Solche Darstellungen erinnern an den Kreuzweg Jesu, der ihn vom Haus des Pilatus bis hinauf nach Golgotha führte. In der Tradition haben sich 14 Stationen dieses Kreuzweges entwickelt, darunter auch das Andenken an den dreimaligen Fall Jesu unter dem Kreuz.

Darstellungen des Leidens Jesu am Obermain
Ölbergdarstellung in Rothmannsthal. Foto: Fabian Brand

In den Evangelien ist dieser dreifache Fall nicht bezeugt. Aber es ist gut vorstellbar, dass der gegeißelte Jesus unter der Last des Kreuzes zusammengebrochen ist. Historisch jedenfalls sind solche Nachbildungen nicht: Gemäß der römischen Praxis mussten die Verurteilten nur den Querbalken des Kreuzes zum Richtplatz tragen; dieser wurde dann an einem dort fixierten Stamm hochgezogen.

Eigentümliche Praxis: unter der Figur hindurchkriechen

In der Volksfrömmigkeit waren solche „Kreuzschlaafer“ mit einer eigentümlichen Praxis verbunden. Wer unter Rückenschmerzen leidet, so heißt es, der muss unter der Figur hindurchkriechen, um so von seinen Beschwerden geheilt zu werden. Solche Bildstöcke des kreuztragenden Christus finden sich heute noch neben der Spitalkirche in der Bamberger Straße, vor der Kreuzkapelle in Isling oder an der Straße zwischen Lahm und Köttel.

Bewundernswerte Darstellung vor der Stadtpfarrkirche in Lichtenfels

Natürlich wurde auch das zentrale Ereignis des Karfreitags häufig in Szene gesetzt. Eine bewundernswerte Darstellung der Kreuzigung befindet sich vor der Stadtpfarrkirche in Lichtenfels. Sie zeigt den Gekreuzigten Heiland, der vom Jünger Johannes und der Mutter Maria flankiert wird. Die Sandsteingruppe wurde 1762 vom Bildhauer Pankraz Fries erschaffen.

Auch in Mistelfeld ist neben der Pfarrkirche St. Andreas auf einem Marterl ein Relief der Kreuzigungsszene zu sehen. Der Bildstock aus der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde wohl im Auftrag der Langheimer Mönche errichtet, worauf Kelch und Krummstab hinweisen.

Vielleicht ist es in diesen Tagen der Fastenzeit eine gute Gelegenheit, solche Darstellungen einmal bewusst aufzusuchen und sich so mit dem Leiden Jesu auseinanderzusetzen.

 

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