LICHTENFELS

Covid-19: Die dritte Welle rollt heran

Coronavirus - Österreich
Auch im Klinikverbund Regiomed ist die Zahl der mit dem Covid-19-Virus infizierten Patienten in den vergangenen 14 Tagen rasant gestiegen. Und die Situation droht noch weit schlimmer zu werden.Symbolfoto: dpa Foto: Unbekannt (SALK/APA)

Nachdem die Inzidenzwerte mit Covid-19 in den vergangenen Wochen trotz Lockdown-Light auf extrem hohen Niveau verharren, macht sich dies nun zeitverzögert bei den Patientenzahlen im Regiomed-Klinikverbund bemerkbar. Bei einem Pressegespräch sagte der Coburger Chefarzt Professor Stefan Piltz, dass die Auswirkungen der zweiten Pandemiewelle in der Region seit rund zwei Wochen mit voller Wucht in den Kliniken ankommen.

„Im Vergleich mit anderen Regionen wurden wir zwar später, dafür aber umso härter getroffen.“ Der epidemiologische Vorsprung, den sich Deutschland im Sommer erarbeitet habe, sei auch aufgrund der Sommerurlauber nun vollkommen verspielt worden. Sein Kollege Dr. Frank Wellmann ergänzte, dass bereits jetzt in den Kliniken nahezu alle Kapazitäten ausgeschöpft würden, um die medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten.

„Das ist eine sehr unschöne Situation, von der ich nicht

gerechnet habe, sie in meiner beruflichen Laufbahn

anwenden zu müssen.

Wir fahren derzeit ein

absolutes medizinisches

Notprogramm.“

Chefarzt

Professor Stefan Piltz

Sie betonten aber auch, dass in allen Häusern Notfallpatienten weiterhin aufgenommen und behandelt werden könnten. Dies gelte ebenso für kritisch Kranke und Geburten. Wie bei allen anderen Patienten könne es aber dann, je nach freien Kapazitäten, nötig sein, diese in andere Häuser, auch außerhalb des Verbunds, zu verlegen, um vor Ort noch Notfallkapazitäten frei zu haben.

Organisatorisch bedeute dies, dass nur „auf Sicht“ gefahren werden könne und teilweise stündlich neu geplant und bewertet werden müsse. Auch müssten teilweise Stationen geschlossen werden, um dann das Personal in anderen Abteilungen einsetzen zu können. So sei beispielsweise in Coburg die geriatrische Station in eine Akutstation umgewandelt worden.

Die dritte Welle ist bereits im Anmarsch

Zudem seien alle planbaren Eingriffe massiv zurückgefahren worden, und die Versorgungsfähigkeit für Herz- und Tumorpatienten sei stark eingeschränkt. So müssten mehrmals täglich im Rahmen der Triage Dringlichkeiten von Behandlungen festgelegt werden. „Das ist eine sehr unschöne Situation, von der ich nicht gerechnet habe, sie in meiner beruflichen Laufbahn anwenden zu müssen. Wir fahren derzeit ein absolutes medizinisches Notprogramm“, verdeutlichte Piltz den Ernst der Lage.

Auch für die nächsten Wochen zeichnete er ein düsteres Szenario: So seien die Infektionszahlen seit dem Lockdown-Light zwar auf (zu) hohem Niveau stabilisiert worden. Er nannte aber auch eine Dunkelziffer Infizierter, die drei- bis fünfmal so hoch sei, wie die aktuell täglich vom Robert-Koch-Institut gemeldeten Zahlen. „Es zeichnet sich eindeutig eine dritte Welle ab, und die wird noch schlimmer als die jetzige“, warnte er und appellierte an die Einsicht der Bevölkerung. Dies sei neben der Impfung die einzige Hoffnung auf Besserung der Lage. Betreffend Weihnachten zitierte er Gesundheitsminister Jens Spahn, der sagte: „Lieber in diesem Jahr einmal ohne die Oma Weihnachten feiern, als das letzte Mal mit der Oma.“

Hauptgeschäftsführer Alexander Schmitdke nannte Zahlen: Demnach würden im Verbund, Stand 9. Dezember, 132 Covid-19-Patienten behandelt, 14 davon intensiv, elf von ihnen müssten beatmet werden. Er rechnet mit einem weiteren deutlichen Anstieg dieser Zahlen.

Im Lichtenfelser Klinikum würden derzeit 15 Patienten mit Covid-19 behandelt, fünf davon müssten beatmet werden. „Die Lage ist sehr dynamisch und angespannt.“  Die Übersterblichkeit in der Bevölkerung sei in den vergangenen Wochen auf bis zu fünf Prozent angestiegen, und mit einer weiteren Steigerung sei zu rechnen.

Auch beim Personal immer mehr Krankheitsfälle

Verschärft würde die Situation auch aufgrund der in den vergangenen Wochen um das dreifache angestiegenen Krankheitsfälle beim Personal. 200 Mitarbeiter des Verbunds seien derzeit erkrankt, davon 30 Ärzte, wobei nicht für alle dieser Erkrankungen das Virus ursächlich sei.

„Es zeichnet sich eindeutig eine dritte Welle ab,

und die wird noch schlimmer als die jetzige.“

Professor Stefan Piltz

Im Lichtenfelser Klinikum sei der Personalausfall noch nicht so extrem, 20 Pflegekräfte seien erkrankt. Der Coburger Chefarzt Piltz sagte dazu, dass ihm diese Zahlen große Sorge bereiten würden. In Anbetracht der erhöhten Krankheitsfälle beim Personal wies er aber auch darauf hin, dass dieses seit nunmehr einem Dreivierteljahr unter extremen Bedingungen arbeite und diese nicht spurlos vorbei gehen würden.

Der Geschäftsführer des Lichtenfelser Klinikums, Robert Wieland, sagte, dass Lichtenfelser Klinikum sei zwar voll belegt, aber handlungsfähig. So würden teilweise auch Covid-19-Patienten aus Coburg übernommen, Personal werde teilweise zwischen den Abteilungen aufgeteilt, deshalb seien manche Abteilungen auch temporär geschlossen.

Häusliche Pflege zur Entlastung der Krankenhäuser

Bei all dem käme aber noch hinzu, dass es in allen Häusern große Probleme bei Abverlegungen von Patienten, die zwar genesen sind, aber noch Betreuung brauchen, in andere Häuser oder Pflegeinrichtungen gebe, da dort die Situation auch sehr angespannt sei.

Piltz appellierte daher an die Bürger, dass verstärkt häusliche Pflege nötig sei, um die Krankenhäuser zu entlasten. In den MVZ sei die Lage hingegen derzeit noch relativ entspannt, die Versorgung sei laut Robert Wieland stabil.

Folgt auch noch das finanzielle Desaster?

Vor einem finanziellen Desaster warnte Hauptgeschäftsführer Alexander Schmitdke. So würde nach wie vor nur das Klinikum Coburg Kompensationszahlungen aus dem „Rettungsschirm 2.0“ (wir berichteten) erhalten, alle anderen Häuser, sie dienen „nur“ der Basisversorgung, hingegen nicht. Im Verbund beliefen sich die Defizite beim Betriebsergebnis auf ein Defizit von einer Million Euro pro Monat. Es gäbe aber derzeit intensive Gespräche mit dem Gesundheitsministerium, um die Situation zum Positiven zu bewenden.

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