LICHTENFELS

Corona-Virus und das Home-Schooling in Lichtenfels

„Ein Smartphone reicht einfach nicht für Home-Schooling”, sagt Lehrerin Jennifer Precht. „Helfen macht Spaß“ unterstützt ein Projekt, damit Laptops an Schüler aus weniger begüterten Familien verliehen werden können. Foto: Till Mayer

Mit dem Corona-Virus kam das Homeschooling für Alena (15, Namen von Redaktion geändert) wie ein Blitzschlag. In die digitale Lernwelt ging es von 0 auf 100 im Kaltstart. Ohne jede Warmlaufzeit. Für Schüler, Eltern und Lehrer war und ist seitdem nichts mehr wie zuvor. Das gilt für Alena ganz besonders.

Wer in der digitalen Welt unterwegs ist, braucht die nötige Ausstattung. Alena hat lediglich ein Smartphone. „Wir haben keinen Computer zuhause“, sagte das Mädchen. Also müht sie sich mit ihrem Phone ab. Das klappt mehr schlecht als recht. „Der Bildschirm ist zu klein. Es dauert oft Ewigkeiten, bis sich etwas öffnet. Ganz oft bricht auch die Lern-Website zusammen. Aufgaben muss ich dann mühsam ins Phone tippen. Das dauert Ewigkeiten. Dafür ist das Handy einfach nicht gemacht. Es ist super frustrierend“, erklärt der Teenager.

Sie gilt als Musterschülerin an der Herzog-Otto-Mittelschule. Spricht Lehrerin Jennifer Precht über die 15-Jährige, liegt viel Stolz in ihren Worten: „Alena ist eine wirklich gute und engagierte Schülerin, auf die man sich verlassen kann. Da fühlt es sich ungerecht an, wenn man sieht, mit welchen schlechten Voraussetzungen sie im Home-Schooling lernen muss“.

Alena hat einen Migrationshintergrund. Doch der ist nicht wichtig, meint sie. Was zählt sind Selbstvertrauen und ein Ziel. Sie hat früh gelernt, das Kämpfen zum Leben dazu gehört. Die Mutter ist alleinerziehend und das Geld daheim oft knapp. „Sparen müssen wir eigentlich schon immer. Aber seit Corona ist alles schwieriger“, so die 15-Jährige. Alena will ihr Ding machen. Andere mögen bessere Startchancen haben als sie, aber die 15-Jährige hat ein klares Ziel. Sie ist ehrgeizig. Sie will die Mittlere Reife bestehen, dann weiter auf das Abi büffeln. Internationale Wirtschaft in Bamberg zu studieren, das ist der ganz große Traum. „Und ich weiß, ich kann das schaffen“, meinte die 15-Jährige überzeugt. Ihre Noten und ihr Lerneifer, das bestätigen ihre Lehrer gerne, sprechen dafür.

In Zeiten von Corona wird es schwieriger für die Schülerin ihre Ziele zu erreichen. „Home-Schooling nur mit einem Smartphone, das geht einfach nicht. Und viele aus meinem Freundeskreis, nicht nur bei uns an der Schule, haben ein ähnliches Problem“, erklärt sie. Manchmal gebe es nicht einmal Internet zu Hause. Alena weiß sich zu helfen. Wenn es geht, nutzt sie den Computer und Drucker bei einem Verwandten. „Aber da kann ich natürlich nicht dauernd auftauchen“, sagt die 15-Jährige.

Corona stellt das Lernen auf den Kopf

Corona stellt nicht nur das Lernen an den Schulen auf den Kopf. Es vertieft eine schon herrschende Zweiklassen-Gesellschaft im Bildungssystem. Kinder aus Akademikerfamilien nutzen ein schnelles Netz mit ihrem stylischen Mac. Schüler aus weniger gut situierten Verhältnissen mühen sich mit altersschwachen Smartphones oder einem Uralt-Laptop ab.

Alena hat eine jüngere Schwester, die Mutter ist jetzt in Kurzarbeit. „Meine Mutter arbeitet hart. Wir sind immer über die Runden gekommen. Aber wenn plötzlich ein größerer Betrag für einen Computer fällig ist, dann hatten wir schon vor der Kurzarbeit ein Problem. Jetzt kann es sich meine Familie einfach nicht leisten“, erklärt Alena. Schüler aus der Herzog-Otto-Mittelschule die aus Arbeiterfamilien stammen, sind von der Pandemie oft überproportional betroffen. In den heimischen Betrieben der Automobilzulieferer ist Kurzarbeit derzeit die Regel.

„Da jetzt einen neuen Laptop anzuschaffen, damit die Kinder gute Voraussetzungen für das Home-Schooling haben, das ist bei manchen Familien einfach nicht möglich“, sagt Jugendsozialarbeiterin Vanessa Hellmich. Zusammen mit ihren beiden Kolleginnen Anne Böse und Sabine Wenninger telefonierte sie zu Zeiten des Lockdowns Familien der HOS-Schüler ab. Die kleine Umfrage ergab, dass mindestens 30 Laptops notwendig sind, da zu Hause keine Computer und Drucker vorhanden sind, und keine finanziellen Möglichkeiten bestehen, sie zu kaufen. „Die Dunkelziffer könnte noch höher sein. Manchmal ist auch eine Scham da, die bestehende Situation zuzugeben“, erklärt Vanessa Hellmich (37). Neben den Computern fehlen auch Drucker, die für das Home-Schooling dringend notwendig sind. Oder schnelles Internet.

Lehrer Ralf Perle ist an der Herzog-Otto-Mittelschule der Mann, wenn es um Sachen IT geht. Einen Schwung schuleigener Laptops hat er schon klar gemacht, damit sie die Jugendlichen im Home-Schooling nutzen können. Dann kam noch eine Spende guter gebrauchter Laptops von einem heimischen Unternehmen dazu. „Das hat uns viel gebracht. Im heutigen Schulalltag, und das nicht nur wegen Corona, sollte jeder Schüler einen Computer als Mittel zum Lernen besitzen. Ohne geht es einfach kaum noch. In der Lehre setzt sich das E-Learning fort.“ Kurz, man kann einen jungen Menschen nicht analog auf eine digitale Welt vorbereiten.

„Helfen macht Spaß“ unterstützt das Projekt

Das hat auch die Politik verstanden. Zusagen sind gemacht. Doch der Zeitrahmen der Umsetzung ist nicht immer klar. Die Schülerinnen und Schüler brauchen aber jetzt die Geräte. Für sie besteht die Möglichkeit, digitale Endgeräte an ihrer Herzog-Otto–Mittelschule befristet auszuleihen. „Wir haben mit der Stadt Lichtenfels Ausleih- und Nutzungsbedingungen festgelegt. Das läuft richtig gut, weil die Stadt immer nach Kräften unterstützt. Dieser Förderung sind aber auch Grenzen gesetzt. Deshalb sind wir ,Helfen macht Spaß' und den heimischen Unternehmen sehr dankbar, dass sie uns und vor allem unseren Schülern unter die Arme greifen“, erklärt Schulleiter Bernd Schick.

Der Förderverein der Herzog-Otto-Mittelschule hat deshalb bei der OT-Leseraktion „Helfen macht Spaß“ für einen Zuschuss von 2500 Euro bewilligt bekommen. Mit dem Geld werden weitere Laptops und Drucker angeschafft, die an Jugendliche aus finanziell schwachen Familien das ganze Schuljahr kostenlos verliehen werden.

Zugleich bittet die Schule aber auch um Computer-Spenden. „Wir nehmen gerne gute gebrauchte Laptops. 4 GB Arbeitsspeicher, Wlan-Fähigkeit und Intel I3-Prozessoren wären die Mindeststandards“, erklärt Perle.

Firmen und Privatpersonen, die einen Laptop oder Drucker spenden wollen können sich unter Tel. (09571) 795711 oder per Mail:

verwaltung@hos-lichtenfels.de an die Schule wenden.

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