LICHTENFELS

Corona-Tagebuch: Zwei Jungs, Weintrauben und ein Mercedes

Markus Häggberg Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt für OTverbindet augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Heute geht es um große Jungs, Weintrauben und Mercedes.

„Liebes Corona-Tagebuch, der Ulf ist neulich den Thomas besuchen gegangen. Spontaner Jungsabend. Das kam ein bisschen kurzfristig, weshalb die Speisen auch nicht richtig aufeinander abgestimmt werden konnten. Die Schoko-Lebkuchen passten nur bedingt zu dem bunten Rohkostsalat. Aber dafür brachte der Ulf ja die dunklen Weintrauben mit. Sie wachsen an irgendeiner Hauswand in seiner Gasse, und er beginnt Ende September immer mit dem Pflücken. Ob es dem Hauswandbesitzer nun passt oder nicht. Ulf hat sich große Stücke von den Trauben versprochen. Und dem Thomas auch. Um es abzukürzen: Die Lebkuchen waren allenfalls Durchschnitt, der Rohkostsalat sehr essiglastig und die Weintrauben sehr sauer.

Die Jungs witzelten, dass der Andy, der auf dem Heimweg von der Schule auch immer an der entsprechenden Hauswand vorbei muss, womöglich ein Nierenleiden haben könnte. Immerhin pinkelt der Andy ihres Wissens immer gegen die Hauswand und – gut möglich – somit vielleicht auch gegen die Weintrauben. Jedenfalls hätten die Weintrauben so eine eigenwillige Geschmacksnote, eine irgendwie nicht ganz gesund wirkende. Es war ein köstlich-geschmackloser Witz, den die beiden Knaben da rissen. Sie saßen auf dem Balkon und betrachteten den unter ihnen durchfahrenden Verkehr. Da kam dem Ulf eine Idee: Wenn die Weintrauben schon nicht schmecken, so könnte man sie doch immerhin zum Zielwerfen benutzen. Wer ein durchfahrendes Auto trifft, der bekommt einen Punkt, wobei die Fallzeit von 1,5 Sekunden zu berücksichtigen wäre. Das war alles gar kein Problem, weshalb das Spiel schnell fad wurde. Also wurden die Regeln verschärft. Man versuchte sich nun daran, die Trauben durch die zumeist nur halb geöffneten Schiebedächer der Autos zu werfen, wobei Treffer bei einem Mercedes doppelt zählten. Es war eine Disziplin, für die besonders Ulf Begabung zeigte. Die beiden Jungs warfen und hatten ihren Spaß. Es war überhaupt sehr drollig, ihnen zuzusehen. Vor allem, wenn sie trafen, dann nämlich schauten sie zu, dass sie sich vor den Augen der Autofahrer noch rechtzeitig verbargen. Man braucht wirklich nicht viel, um es sich schön zu machen, ein kindliches Gemüt, Weintrauben und ein paar Mercedes vielleicht noch. Liebes Corona-Tagebuch, so ist das mit Jungs – sie wollen immer nur spielen und ihren Spaß haben. Diese beiden Jungs waren übrigens 57 und 48 Jahre alt.“

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