LICHTENFELS

Corona-Tagebuch: Wissensdurst in aller Stille

Corona-Tagebuch: Das große Schnattern
Markus Häggberg Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Heute geht es um Wissendurst in alle Stille.

„Liebes Corona-Tagebuch, neulich und in Gesellschaft. Da saß diese ältere Dame, etwas angegraut zwar, aber sehr freundlich und von einnehmender Stille. Es gibt sie noch, diese Menschen, die beruhigend auf einen wirken, eben weil sie auf eine bescheidene Weise zurückhaltend sind. Ich kann natürlich nicht sagen, ob es noch andere Weisen der Zurückhaltung gibt, aber irgendwie muss man sich ja sprachlich behelfen. Na jedenfalls betrachtete ich etwas versonnen, wie die Dame so mit sich und einem Buch bei Tisch saß. Sie schaffte es durchgängig, beim Lesen einen interessierten Blick aufzusetzen und der interessierte nun wieder mich. Doch plötzlich schien sie in ihrem Buch auf etwas gestoßen zu sein, das sie ein Büchlein hervorholen ließ. Es war ein Notizbüchlein, eine Kladde, gebunden und mit Linien. Dann und wann trug die ältere Dame etwas in dieses Büchlein ein und aus der Entfernung wirkte es, wie wenn auf der einen Seite Vokabeln stünden, zu denen die Frau dann rechts davon Ausführungen zu notieren hatte. Doch das Buch in ihren Händen (,Der Alte, der Liebesromane las' von Luis Sepulveda) war in deutscher Sprache gedruckt, also um welche Vokabeln sollte es sich somit handeln? Ein paar Seiten lang geschah gar nichts, doch dann schrieb die Dame wieder eine Vokabel auf und ließ rechts davon Platz frei. Dann sah sie wieder freundlich und mit interessiertem Blick aus der Wäsche. Irgendwann wollte ich es wissen und trat an die Dame heran, mich nach ihrem Buch und ihren Notizen erkundigend. Was mir zugute kam, war, dass ich vor ein paar Jahren mal selbst Sepulveda las, und da konnte ich ja mal hallo sagen. ,Ach, ich schreibe mir aus den Romanen immer alle Fremdwörter und sonstigen Sachen auf, die ich nicht kenne', erzählte mir die Dame. Dann ließ sie mich mal einen Blick in ihr Büchlein werfen und da standen Begriffe wie die von dem Indianerstamm der Shuar oder der Raubkatze Ozelot, und dahinter jeweilige Erklärungen dazu. Dann erzählte mir die Dame, dass man in ihrer Familie nicht auf das Gymnasium ging und studierte. Ihr blieb eine gute Schulbildung leider versagt und sie musste arbeiten.

Aber vor ein paar Jahren und auch weil sie Witwe ist, hat sie das Lesen für sich entdeckt. Irgendwann hat sie damit begonnen, all dem Unbekannten nachzuforschen, das ihr in den Romanen und Geschichten so begegnete. Weil: ,Das ersetzt ja kein Studium, aber es bleibt doch trotzdem immer auch etwas Neues hängen.' Liebes Corona-Tagebuch, was für eine nette Begegnung mit einem Menschen, der Lust darauf hat, sich in einnehmender Stille die Welt zu erschließen. Ich hoffe, ich spiele irgendwann auch mal in dieser Liga.“

 

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