Corona-Tagebuch: Das große Schnattern

LICHTENFELS

Corona-Tagebuch: Wie das Große und das Kleine zusammenhängt

Markus Häggberg schreibt augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Heute geht es um die deutsch-französische Freundschaft. Und um die „Nacht von Sevilla“.

„Liebes Corona-Tagebuch, es ist schon erstaunlich, wie das Große mit dem Kleinen auf der Welt zusammenhängt. Lichtenfels glaubte ja, am 8. Juli alleinig die Eröffnung des Schützenfestes zu begehen, aber wir begingen auch den 40. Jahrestag der in die Sportgeschichte eingegangenen „Nacht von Sevilla“, jenem legendären Fußball-WM-Halbfinal-Spiel, das die fragile deutsch-französische-Freundschaft samt Élysée-Vertrag beinahe noch ins Wanken gebracht hätte. Ich war klein und die Angelegenheit war groß. Doch als ich verbotenermaßen (es war ein Donnerstag und ich musste ja anderntags in die Schule) zur Schlafenszeit in der Nacht durch den Türspalt der Wohnzimmertür die nervenzerfetzende zweite Halbzeit samt Verlängerung verfolgte, da ging es mir nicht um die deutsch-französische Freundschaft, sondern nur darum, zu gewinnen. Ja, das Kleine hängt mit dem Großen zusammen, denn mich hat dieser Thriller, der nach einem skandalösen und äußerst brutalen Foul unseres Torwarts Toni Schuhmacher an Battiston, dem Zwei-Tore-Rückstand in der Verlängerung und dem letzten siegbringenden Elfmeterschuss von Horst Hrubesch (Hrubesch, Hrubesch … hm, wo bloß habe ich diesen Namen schon mal gehört?) so glücklich endete, nie losgelassen.

Die Aufregung in Frankreich war damals groß, weil Schuhmacher freilich eine dunkelrote Karte verdient gehabt hätte. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, das weiß man heute, rief sogar beschwichtigend den französischen Premier Mitterand an und sprach sein Bedauern über den Spielverlauf aus. Und Mitterand heuchelte nach unserem verlorenen Endspiel gegen Italien (1:3) Mitleid mit uns. Ja, so hängen die kleineren Dinge mit den ganz großen Dingen zusammen. Zum Feuerwerk des Schützenfest habe ich meinen eigenen Zugang gewonnen. Seligen Blicks schaute ich zu, wie die Raketen zum Himmel aufstiegen und dort den Nachthimmel beglänzten. Strahlend auf das Lichtenfelser Schützenfest und in meinen Augen auch auf die deutsch-französische Freundschaft.