LICHTENFELS

Corona-Tagebuch: Vom Wert der Familie

Markus Häggberg. Foto: Mayer

Markus Häggberg schreibt augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Heute geht es um die Familie.

Liebes Corona-Tagebuch, vom Wert der Familie braucht man dem Philipp nichts zu erzählen, denn den Wert der Familie kennt er ziemlich genau. Immer dann nämlich, wenn sich die Familie zu Besuch ankündigt, kommt er garantiert nicht mehr zum Arbeiten.

Das kostet schon ordentlich

Und das schlägt wuchtig ins Kontor. Philipp ist selbstständig, arbeitet von daheim aus und hat zwei Eltern, die ihm ungefragt dann und wann nicht nur Schwarzwälder Kirschtorte mitbringen, sondern auch den älteren Bruder und die jüngere Schwester.

Die wiederum bringen manchmal auch jemanden mit, entweder den Lebensgefährten oder die Kinder. Dann sind Philipps Arbeitstage gezählt, und er hat den Tisch zu decken, die Nichten und Neffen zu bespaßen und hinterher, wenn alle wieder gegangen sind, die Bude wieder auf Vordermann zu bringen. Vor allem aber darf er sich von Mutti ganze Aufsätze über den Wert von Familie anhören. Mutti meint ja, dass dieser Wert unschätzbar sei, aber Philipp hat das mal nachgerechnet.

Allein 2020 habe er zwölf Mal überraschenden Familienbesuch bekommen (Arbeitszeitausfall ca. je 180 Euro), zudem drei Mal angekündigt aber kurzfristig (Arbeitszeitausfall je 100 Euro), zweimal mit Übernachtung (Arbeitszeitausfall ca. je 300 Euro) und einmal nötigte man ihn, alles stehen und liegen zu lassen und zu einer Feierlichkeit von Leuten zu gehen, die er gar nicht kennt, die aber vom Rest der Familie für bedeutsam gehalten werden.

Es war mindestens dreistellig

Zu diesem Vorfall liegen derzeit noch keine Schätzungen vor, aber Philipp ist sich sicher, dass der Verdienstausfall schon dreistellig war. Liebes Corona-Tagebuch, vielleicht mag der Wert der Familie ja wirklich unschätzbar sein, aber das muss sich laut Philipp ja nicht auch noch auf die Kosten erstrecken. Die jedenfalls hat Philipp im Blick und darum hat er sich jetzt eine Video-Türsprechanlage für 169 Euro gekauft, was zwar preislich ungefähr einem unangekündigten Familienbesuch entspricht, aber dafür elf weitere verhindert. Unterm Strich, so Philipp, habe er dann noch ein Plus und vielleicht, wenn ihm danach ist, öffnet er die Tür ja auch mal ausnahmsweise. Man ist ja schließlich Mensch.

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