LICHTENFELS

Corona-Tagebuch: St. Helena und die Garten-Modellbahn

Markus Häggberg Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt für OTverbindet augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Heute geht es um die letzten Träume.

„Liebes Corona-Tagebuch, neulich saß ich mit einem Freund beim Bierchen, und in herbstlich trüber Stimmung kam irgendwie die Frage auf, welche Träume man eigentlich noch im Leben hat, und wohin es die Seele in unserem Alter noch verschlägt.

Es müssen ja vielleicht noch nicht mal große Träume mehr sein, nur eben ein bisschen Sternenstaub zu späterem Erinnern.

So ist das, wenn zwei Männer kurz vor Rausschmiss an der Theke sitzen. Das Jahr neigt sich dem Ende zu, das Leben mit 50 ja auch schon irgendwie, und in unseren Gläsern war auch nicht mehr viel drin. Um das Gespräch ein bisschen in Gang zu halten, erzählte ich meinem Kumpel von der Dokumentation, die ich letztens gesehen habe.

Sie drehte sich um St. Helena, und dass auf dieser Insel paradiesische Zustände herrschen. Denn es gibt dort kaum Internet und nur schwer einen Handy-Empfang.

Zustände wie im Paradies

Dafür gibt es Buchten und Täler, unterschiedliche Vegetation, freundliche Einwohner und sogar noch eine Videothek. Dann und wann kommt das Postschiff vorbei, ganz wie zu Napoleons Zeiten.

Dort würde ich gerne für eine Weile leben, mit all meinen Büchern und Filmen und Schallplatten. Ich würde lesen und wandern und hätte eine Stammkneipe. Mit dieser Schilderung ging ich quasi erzählend in Vorleistung und übertrug das Wort an meinen Kumpel. Er dachte lange nach, was sein Traum sein könnte, und ob er überhaupt noch einen hat.

Mein Kumpel hat's ja so ein bisschen mit Garten und Eisenbahn, insbesondere mit Modelleisenbahnen. Lange schaute er in sein Glas, und es wollte mir schon scheinen, als ob dieser Mann um die 50 vielleicht gar keine Träume mehr hat, und das wäre sehr traurig. Doch dann sah ich ihn plötzlich schmunzeln, und er begann von seinem Garten und der Eisenbahn zu erzählen.

Vorbei an den Rosensträuchern

,Ich würde eine Garten-Modellbahn haben wollen, und sie würde durch den Garten fahren. Vorbei an den Rosensträuchern, vorbei an dem Brunnen und um die Gräber meiner Ex-Frau, ihres Scheidungsanwalts und unserer damaligen gemeinsamen Freundin, die dann zu ihr übergelaufen ist und mich für sie aushorchte.'

Wie gesagt, es müssen wirklich keine großen Träume sein, manchmal reichen ja auch schon solch ganz bescheidene.“

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