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Corona-Tagebuch: Senil oder doch einfach nur genial?

Markus Häggberg Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt für OTverbindet augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Heute geht es um Senilität. Oder doch Genialität? Auf jeden Fall hat ein Steak etwas damit zu tun.

„Liebes Corona-Tagebuch, manche Menschen werden verkannt. Sie verfügen über enorme Fähigkeiten. Aber die Menschen in ihrem Umfeld sind einfach noch nicht so weit wie sie selbst. Vor ein paar Tagen erfuhr ich von einem ganz erstaunlichen Exemplar. Das kam, weil ich mal wieder ins Schwimmbad ging. Lange hatte es ja wegen Corona geschlossen und ich fürchtete schon Massenandrang.

Planschen nach Herzenslust

War aber nicht so. Irgendwie sind die Menschen zurückhaltend geworden, was die Freuden des Planschens anbelangt. So zog ich zuerst im großen Becken meine Bahnen, bis ich mich daran erinnerte, weshalb ich eigentlich hier bin. Ich will planschen und ich mag kein kaltes Wasser. Deswegen zieht es mich immer in das kleinere Becken, es ist nämlich viel wärmer und außerdem schwimmt da mehr Spielzeug rum. So, da war ich nun also und planschte nach Herzenslust. Plötzlich bekam ich mit, wie sich zwei ältere Männer zu unterhalten begannen und da wurde ich stutzig, weil der eine Badekappe trug, obwohl ich von ihm weiß, dass er keine Haare hat.

Das behalte ich mal im Auge, dachte ich und gönnte mir eine Unterwasser-Düsenmassage. Irgendwie wollte es mir scheinen, als hätten die beiden älteren Herren zu tuscheln begonnen und das interessierte mich jetzt doch, weil es bei dem ohne Badekappe immer so aussah, als ob er sich voller Häme die Hände rieb.

Also schwamm ich los, so ein bisschen in ihre Richtung und unbeteiligt tuend. Mir war dabei wichtig, dass ich nicht zu aufdringlich rüberkomm'. Als sich die beiden Herren zu mir umdrehten, tat ich so, als hätte ich etwas verloren und fuhr mit den Augen den Beckenboden (ich rede vom Schwimmbecken) ab, so, als müssten doch hier irgendwo diese Ringe liegen, nach denen man tauchen kann. Die beiden Männer schöpften keinen Verdacht, der eine richtete wieder seine Badekappe und der andere rieb sich die Hände.

Wird da etwa gelästert

Dazwischen lästerten sie. Sie sprachen von einem gemeinsamen Bekannten, den man „nicht mehr alleine daheim lassen“ könne. Der wäre jetzt nämlich senil und somit eine Gefahr für sich selbst. Also das interessierte mich jetzt sehr, weil ich neulich auch schon zu hören bekam, senil zu sein.

Meine fragenden Blicke suchten nun verstärkt den Beckenboden in Nähe der beiden Herren ab, wobei ich die Hände in die Hüften stemmte und sehr beschäftigt tat. Mich interessierte zu sehr, was dem abwesenden Mann vorgeworfen wurde. Keinesfalls wollte ich denselben Fehler begehen wie er und hoffte, etwas lernen zu können.

Was ich erfuhr, raubte mir den Atem. Ich war froh, jetzt nicht im tiefen Becken zu sein, sondern hier. Der Händereiber gestand der Badekappe nämlich, was ihr Bekannter fertig gebracht hat: „Du, der hat ein Steak ohne Öl in der Pfanne gebraten.“ Darauf die Kappe: „Hatte der 'ne Teflonpfanne?“ Darauf der Reiber: „Nö.“ Darauf wieder die Kappe: „Wahnsinn. Aber, du, mal nur so nebenbei, wie war' s denn?“

Die Antwort fällt nicht leicht

Der Händereiber machte eine lange Pause, holte tief Luft und man merkte, wie schwer ihm die Antwort fiel. Er sagte: „Hat super geschmeckt.“ „Na also, hier sind ja meine Tauchringe“, rief ich laut, tauchte unter und schwamm davon. Ich wusste nicht, was ich aus dieser Szene hätte lernen sollen. Für mich war ihr Bekannter einfach nur ein verflixtes Genie.“

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