LICHTENFELS

Corona-Tagebuch: Kitzmann-Bier und die Jugend

Corona-Tagebuch: Das große Schnattern
Markus Häggberg Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt augenzwinkernd sein Corona-Tagebuch. Heute geht es um Kitzmann-Bier und die Jugend. Und um das Freibad in Erlangen.

„Liebes Corona-Tagebuch, neulich sah ich ein Kitzmann-Bier. Hier. In Lichtenfels. Es stand im Supermarkt zwischen anderen Kitzmann-Bieren und kistenweise hoch aufgetürmt. Und auf einmal war da diese Erkenntnis, wonach Lebenszeit so unmerklich wie unwiderbringlich verfliegt und dass man selbst nicht weiß, ob man noch jung oder schon alt ist. Ich musste an Matthias denken, meinen Erlanger Mitschüler, der irgendwann mal Sachverständiger für Immobilien wurde und schon in der 11. Klasse mit Krawatte im Französisch-Unterricht saß. Neben ihm saß Martin, den es Jahre später mit seinen 1,93 Metern zu einer Firmengründung nach München ziehen sollte. Vorne links saß Patrick, ein echter Klugscheißer, so einer von der Sorte, der wusste, was noch selbst Bindehautenzündung auf Esperanto heißt.

Matthias war ein großartiger Skifahrer und wir kletterten beim Klassenausflug über verschneite Jugendherbergsdächer dort hinüber, wo Trixi und Steffi ihre Zimmer hatten. Dass wir vom Geographielehrer nicht erwischt wurden, hatten wir nur seiner Affäre mit der Blonden vom Sekretariat zu verdanken. Sie waren sehr laut.

Dann und wann in der 12. Klasse hatten Matthias und ich auch mal die Schule geschwänzt. Wir machten das nicht von den Noten abhängig, sondern vom Wetter – da waren wir konsequent. Im Erlanger Freibad fühlten wir uns sicher vor einer Begegnung mit unseren Lehrern, vor allem mit unserer Mathelehrerin, die bekennende Nichtschwimmerin war.

Nicht etwa, weil sie nicht schwimmen konnte, sondern weil es keinen Badeanzug in ihrer Größe gab. Matthias gab mir die ersten Tipps für Knutschereien mit Trixi, und ich erklärte ihm, wie er den Übersteiger im Fußball auch bei gutem Wetter hinbekommt. Wir waren jung und optimistisch, und es macht einen Unterschied, ob man noch 50 Jahre bis zum Altsein hat oder 20. Vor allem aber tranken wir bei unseren gelegentlichen Schwänzereien Kitzmann-Bier.

Ich habe Matthias nie wieder gesehen und so sehr ich im Internet auch nach ihm suche, immer stoße ich nur auf seine schon liquidierte Firma. Vielleicht ist er vorausgegangen, nach dorthin, für das wir keine Farben haben. Wir sind immerhin in einem Alter, wo das schon mal versehentlich passieren kann.

Liebes Corona-Tagebuch, ich greife zum Kitzmann-Bier, schaue zum Mond hinauf und bin in Gedanken mit Matthias, Martin, Patrick, Trixi und Steffi wieder jung. Aber wie es mit Bier so ist, es schmeckt eigentlich nur wirklich in guter Gesellschaft gut. Prost Matthias, wo immer du auch bist.“

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