LICHTENFELS

Corona-Tagebuch: In Erinnerung an Luciano

Markus Häggberg schreibt für OTverbindet ein Corona-Tagebuch. Heute gibt es ein verspätetes Gedenken an einen großen Mitmenschen.

„Liebes Corona-Tagebuch, ich bin ein bisschen traurig. Luciano ist nämlich gestorben und jetzt steigen die Erinnerungen und Bilder auf. Gut, 90 ist kein schlechtes Alter, aber trotzdem. Eigentlich war es ein alter Freund namens Dieter (Beamter, netter Kerl, wohnt außerhalb), der ihn mir vor bald 30 Jahren ans Herz legte. Ich glaube, wir schauten damals sogar einen Film von Luciano an. Und er hieß ,Also sprach Bellavista'. Es ging um einen emeritierten Philosophieprofessor, der in Neapel wohnt und der Nachbarschaft die Welt erklärt. Eine liebenswerte Type, die Schwieriges einfach darlegt. Ich mochte das Buch und den Film, und ich mochte Bellavista, der noch öfter durch Lucianos Geschichten tänzelte. Und du, Luciano? Du warst mit ganzem Herzen Neapolitaner und eigentlich Ingenieur bei IBM. Aber hast dich dem Leben hingegeben, hast dich auf einen Umsteigebahnhof deines Seins stellen lassen und bist Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur geworden.

Ich fand ja immer, dass du auf den Fotos über den Klappentexten deiner Bücher ein bisschen wie der berühmte Django-Darsteller Franco Nero aussahst. Django zog ja immer den Sarg hinter sich her, und du liegst jetzt in so einem. Aber das nicht erst seit gestern oder vorgestern. Du bist schon im Juli 2019 gestorben und ich habe es einfach nicht mitbekommen. Na warte!

Was hättest du wohl zu Corona gesagt, welche Bezüge zur Antike oder zur Aufklärung wären dir wohl eingefallen? Liebes Tagebuch, es hat etwas Eigenwilliges damit auf sich, wenn ein Mensch schon über lange Zeit hinweg tot ist, während sich die Frische des Betrauerns einfindet.

Liebes Corona-Tagebuch, ich frage mich ernsthaft, ob ich für diesen Eintrag mein Entgelt verlangen soll, denn das hieße ja, mit Lucianos Schicksal Geschäfte machen. Für Luciano De Crescenzo (18. August 1928 bis 18. Juli 2019) mit Gruß aus Lichtenfels.“