LICHTENFELS

Corona-Tagebuch: Hosenmatz im Drahtverhau

Corona-Tagebuch: Das große Schnattern
Markus Häggberg Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch.

„Liebes Corona-Tagebuch, neulich, man ist ja kinderlieb, da war ich versucht, einem Hosenmatz zu helfen. Der Kleine war vielleicht drei Jahre alt und stand allein auf dem Marktplatz. Um sich herum nur so eine Art dreieckiger meterhoher Drahtverhau, von dem der Himmel weiß, wie er dort hineingeraten ist. Es war gegen 18 Uhr und der Junge wirkte kein bisschen traurig. Er hatte alles was er brauchte: einen Schnuller, einen rund vier Quadratmerer großen metallenen Laufstall, warmes Wetter und jede Menge Marktplatz zu beobachten. Er beobachtete auch mich dabei, wie ich ihn beobachtete. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie der Knirps über die bestimmt 1.80 Meter hohe Drahtabsperrung nahe des einstigen Schlecker-Hauses geraten ist. Oder sollte er womöglich dort abgestellt worden sein? Ich blickte um mich, ob hier nicht vielleicht irgendwo Eltern herumstanden, die so aussahen, als ob sie Rabeneltern wären und Kinder gerne in offenen Vollzug gäben. Nix zu sehen. Der Junge winkte mir und so trat ich näher. Ich stellte mir vor, wie seine Eltern ihn über die Absperrung gehoben haben mussten. Vermutlich, so dachte ich zuerst, hoben sie ihn über die Absperrung und ließen ihn dann 1.80 Meter tief plumpsen. Aber dann kam ich mit mir überein, dass er nach einem Plumpsen wohl nicht so gut gelaunt wäre. Wir winkten uns durch den Zaun durch, und ich kam mir vor, als ob ich einen Gefängnisbesuch machte. Natürlich hatte ich das Bedürfnis, das Kind aus diesem Verhau rauszuholen, aber es war ja nicht mein Kind. Vielleicht wurde es hier von seinen Eltern ja auch aus gutem Grund abgestellt, weil es gemeingefährlich war oder auf unwiderstehliche Weise zu quengeln verstand. Immerhin war hier gleich eine Eisdiele in der Nähe. Ich versuchte mich mit dem Knaben zu unterhalten, aber er lächelte nur und bot mir seinen Schnuller an. Vor ein, zwei Jahren hätte ich den auch genommen, aber mittlerweile bin ich aus dem Schnulleralter rausgewachsen, also schaute ich mich wieder nach möglichen Eltern um. Aber da waren keine. Mittlerweile war es kurz vor 19 Uhr und ich war mit dem Winke-winke-Machen nebst gutem Zureden schon beinahe eine Stunde beschäftigt. Daran hatte der Knirps so seinen Spaß, und er schien auch keine Eltern zu vermissen. Vor allem schienen keine Eltern ihn zu vermissen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Dass das so blieb, dafür sorgte dann der Knirps selbst. Ich kann die Verrenkungen gar nicht beschreiben, mit denen er sich kletternd, sich windend und sich verbiegend aus seinem im Grunde nach allen Seiten verschlossenen Laufstall verabschiedete und davonlief. Liebes Corona-Tagebuch, die Moral von der Geschicht', die kenn' ich nicht. Du vielleicht?“

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