LICHTENFELS

Corona-Tagebuch: Eine Begegnung im Nebel

Corona-Tagebuch: Das große Schnattern
Markus Häggberg Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Heute erklärt er, warum man sich beim Wandern besser nicht von alten Männern ablenken lässt.

„Liebes Corona-Tagebuch, neulich trat ich an einen alten Mann heran. Ich machte mir Sorgen, weil der Knabe unablässig starr in eine Richtung blickte und ich mir nicht sicher war, ob sein Stupor nicht von einem Schlaganfall herrührte. Auf mein „Hallo, guten Morgen“ antwortete er nur, indem er seinen Zeigefinger auf die Lippen legte und mir zu verstehen gab, dass ich die Schnauze halten sollte. Nicht immer, nur eben hier und jetzt. Also hielt ich die Schnauze und blickte ebenfalls gebannt in dieselbe Richtung wie der alte Mann. Es war neblig und kühl, und das hat man eben davon, wenn man um 5 Uhr morgens mit Wanderschuhen im Frühtau zu Berge zwischen Neubaugebiet und Waldesrand rumschleicht.

Der alte Mann blickte noch immer gebannt und seine Augen waren zu Schlitzen verengt. Ich verengte meine Augen auch zu Schlitzen und hoffte, auf diese Weise das zu sehen, was der alte Knacker sah. Leise, ganz leise suchte ich zu erfragen, ob er mir nicht einen Hinweis geben könnte. Gerne würde ich verstehen, was er so fixiert. „Dort oben im Geäst auf 2 Uhr, da scheint mir ein Uhu zu sitzen“, flüsterte er. Ich fragte den Mann, warum dort denn bitteschön kein Uhu sitzen sollte, und er gab mir mit leicht verächtlichem Unterton in der Stimme zurück, dass der Uhu in Mitteleuropa vor allem in den Alpen sowie den Mittelgebirgen brütet und sich aufhält, aber doch wohl keinesfalls in Lichtenfels. „Auch nicht um 5 Uhr morgens?“, erkundigte ich mich, und der alte Mann schwieg dazu, wie man eben so schweigt, wenn man seinen Nebenmann für einen Vollidioten hält.

Ich machte mir nichts draus, sondern guckte mit zu Schlitzen verengten Augen auf 2 Uhr ins Geäst. Daaaaa! Jetzt sah ich es auch, da musste er sein, dieser Uhu beziehungsweise Bubo bubo, wie wir Ornithologen sagen. Es war arschkalt, und eigentlich sind mir Uhus egal, aber jetzt, wo der alte Knabe und ich schon so Nachbarn geworden sind, wollte ich nicht einfach gehen. Ich wollte den Uhu sehen, meinen ersten Uhu. Uhu kannte ich bisher nur als Klebstoff. Ich blickte, ich schaute, ich stierte, ich verengte, was es in meinem Gesicht nur zu verengen gab, und dann sah ich durch Dunst und Nebel und Grauschleier die typischen Umrisse seines Kopfes mit diesen typischen und markanten Federohren. Einen Moment lang hätte man mir auch erzählen können, dass Batman da oben hockt, aber Alpen, Mittelgebirge oder Lichtenfels sind nicht sein natürliches Habitat.

Jetzt, plötzlich, sprach der alte Knacker doch mit mir. Dabei hieß er mich schweigen und staunen. Über die Ruhe, die dieser Vogel ausstrahlt, über die Würde, die in seiner Regungslosigkeit liegt. Vor allem auch darüber, dass uns das gefiederte Vieh ja schon längst mit seinen orangegelben Augen gesehen hat – durch Dunst und Nacht und Nebel hindurch. Ich muss schon sagen, dass ich bei diesen pathetischen Worten echt gespannt auf den Bubo war und mir fest vornahm, nicht von der Seite des Alten zu weichen und das Tageslicht abzuwarten. Ruhig saß der Vogel da, nicht eine Regung war zu bemerken. Ob er uns beobachtete? Ob auch er mich für einen Vollidioten hielt? Das eine brauchte das andere ja nicht auszuschließen.

Mittlerweile war eine Stunde vergangen und die Nebel lichteten sich. Jetzt sah ich den Vogel in seiner ganzen markanten Schönheit. Er saß ruhig da, absolut regungslos, wie erstarrt. Und warum auch nicht, er bestand ja schließlich nur aus einer verdickten Astknolle, aus der zwei abgebrochene Zweige aufragten.

Tja, was soll ich sagen, man sollte sich beim Wandern wirklich nicht von alten Knackern am Wegesrand ablenken lassen.“

 

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