LICHTENFELS

Corona-Tagebuch: Ein trister Novembertag

Corona-Tagebuch: Das große Schnattern
Markus Häggberg Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Heute geht es um einen tristen Novembertag und Bob Dylan.

„Liebes Corona-Tagebuch, ich blicke aus dem Fenster und sehe das trübe Nass der Dächer, empfangen aus einem undurchdringlich feucht-grauen Himmel. Regen klatscht gegen die Scheibe, und er tut es nicht einmal zögerlich, sondern selbstbewusst

Seht her, hier ist der Herbst, zu dem gehöre ich! Ich blicke länger aus dem Fenster und aus einem Lautsprecher spricht Bob Dylan zu mir. Es ist der Song ,Desolation Row', in welchem der Meister (und Literaturnobelpreisträger) elf Minuten lang die kuriosesten Szenen auftürmt und in mir aufsteigen lässt. Und so geben sich also all jene die Klinke in die Hand, die zwischen Wirklichkeit und Fantasie taumeln mussten: Das Phantom der Oper wird als Priester verkleidet, Einstein hat einen eifersüchtigen Mönch, der immerhin Zigaretten schnorrt, und Cinderella ist leichtsinnig, aber setzt auf eine Körpersprache wie Bette Davis.

Julias Romeo mault und bekommt zu hören, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Eine Wahrsagerin hat längst eingepackt, während Ophelia am Fenster steht. Ihre Freudlosigkeit ist ihre Sünde und gibt Anlass zur Beunruhigung. Und wie der gute Mond verschwindet, da haben auch die Sterne keine Lust aufs Leuchten mehr, derweil sich der gute Samariter für seinen Auftritt beim Karneval vorbereitet, während Kain und Abel nebst dem Glöckner von Nôtre-Dame wenn schon nicht Sex, so doch zumindest Regen erwarten.

Die Titanic segelt in die Dunkelheit und der Zirkus ist in der Stadt, irgendwo werden Personalausweise braun gestrichen und T.S. Eliot und Ezra Pound nutzen die Zeit, sich in die Fressen zu hauen, beglückwünscht von Blumensträuße haltenden, singenden Fischern, während irgendwo irgendwer das Alphabet rezitiert und über allem eine elektrische Violine spielt.

Liebes Corona-Tagebuch, vielleicht ist der Zustand dieser Welt nie besser eingefangen worden als in diesen Zeilen von Bob Dylan. Was ich dir mit diesem Tagebucheintrag sagen will? Es ist Herbst und trübe, ach, was weiß ich. Frag' doch Bob Dylan, der hat schließlich damit angefangen.“

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