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Corona-Tagebuch: Der Ring der Erinnerungen

Corona-Tagebuch: Der Ring der Erinnerungen
Markus Häggberg. Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch für OTverbindet. Heute geht es um Erinnerungen. Und was für welche.

„Liebes Corona-Tagebuch, als man mir den Ring repariert zurückgab, da war er wieder schön und glänzend und poliert. Und er hatte auch wieder seine originalen Maße. Aber er passte nicht mehr auf meinen Finger. Also im Laufe des Vormittags passte er dann schon irgendwann mal, aber eben nicht sofort und auch nicht in der ersten Stunde des Anprobierens.

Offenbar habe ich verdammt nochmal ganz schön zugenommen. Aber Corona verlockt ja auch zum Futtern. Wie ich den Ring so betrachtete, da fiel mir auch wieder der Grund für seinen Kauf ein. Es war so um 1996, und ich war jung und lernte auf einem Schiff Danielle kennen. Sie war sehr still und sehr schön, und ihre Bewegungen waren gravitätisch.

Von Brindisi wollte sie nach Athen, weil dort ihr Onkel Sam lebte. Den wollte sie um Geld anpumpen, damit sie wieder zurück nach Rio konnte. Doch wenn man jung ist, nimmt man es mit Terminen nicht so genau, und so wurde aus Athen zuerst diese griechische Insel und dann jene, dabei lernte man andere junge Menschen kennen und irgendwann war man ein zusammengewürfelter Haufen von zumeist jungen Europäern, die singend und musizierend durch Gassen und Abende streiften, an Stränden schliefen und sich verbrüderten. Man sprach englisch und französisch und du, Danielle, sprachst eben portugiesisch und englisch.

Doch irgendwann brach es auseinander, und du musstest nach Athen und ich auch, weil es meine Drehscheibe für den Weg nach Damaskus war. Du warst still und schön und gravitätisch und kauftest dir in Athens Stadtteil Plaka ein rotes Kleid, in welchem dein Schweigen ein Lächeln bekam. Du wolltest es während unseres Abendessens mit deinem Onkel tragen. Wie ich dabei erfuhr, wartete er im Yachthafen auf uns.

Ich kaufte mir diesen Ring, der mehr Souvenir als sonst was war und zu dem mir schwante, dass er mir irgendwann mal melancholische Erinnerungen an jüngere Jahre bescheren würde. Das Abendessen auf deines Onkels Yacht war gut, und du warst ausgelassen und gleichzeitig gravitätisch.

Es war der letzte Abend, an dem ich dich sah, und wie ich an diesem Abend erfuhr, war dein Onkel Chef von Moulinex in Europa. Diese Zeit und das rote Kleid sind längst vergangen, und auch Onkel Sam lebt nicht mehr. All das und mehr wäre mir heute auch gar nicht in den Sinn gekommen, wenn ich mir beim Putzen der Küche den Ring nicht mit scharfen Reinigern ramponiert hätte. Tja, man soll beim Putzen mit scharfen Reinigern eben seine Ringe vom Finger ziehen.

Aber, liebes Tagebuch, das ist halt nicht so leicht, wenn man so zugenommen hat.“

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