LICHTENFELS

Corona-Tagebuch: Der Kuss und die Frage

Markus Häggberg. Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Heute geht es um einen Kuss, und eine wichtige Frage.

„Liebes Corona-Tagebuch, das muss ich dir unbedingt erzählen, denn alles ist noch frühlingshaft, und es gibt noch Verliebte. Aber sie scheinen - zumindest in der Öffentlichkeit – seltener geworden zu sein. Mensch, was hielt man früher Händchen, ja, man knutschte sogar und es war beinahe egal, ob man dabei gesehen wurde.

Heute, nach langer Zeit, kam mir ein Pärchen in der Fußgängerzone unter. Was ich dann mitbekam, war wirklich herzerwärmend und besonders. Ich erwäge glatt, mich selber mal wieder zu verlieben, sobald ich etwas Zeit habe (muss vorher noch die große Hausordnung machen und meine Unterlagen für die Steuerberaterin suchen). Es war romantisch, es war zuckersüß, und es war irgendwie anders.

Also ich sitze so am Lichtenfelser Säumarkt auf einer der steinernen Säue und dachte entweder nach oder vor, so genau weiß ich es nicht mehr. Jedenfalls schoben sich ein junger Mann und eine junge Frau in die Kulisse. Sie kamen durch das Unteren Tor und man sah gleich, dass sie einander mochten. Die Frau entdeckte den Säumarkt, deutete freudig auf ihn, ging voran, und der Mann folgte ihr. Dann waren sie in Hörweite. Sie sah sich nach ihrem Begleiter um, und er kam behutsam auf sie zu.

Nun standen sie einander gegenüber. Es war so ein leicht verschämtes Gegenüber, jenes von der Art, das man sich vorspielt, wenn man sich mag. Die beiden strahlten wirklich sehr viel Liebe aus, und wie gesagt, sie standen sich gegenüber. Die Blicke wurden länger. Irgendwann schauten sie nicht mehr verschämt, und die Zeit schien ein bisschen still zu stehen.

Ich für meinen Teil vergaß völlig, dass mir die Blase drückte. Dann blickten sie sich zwar noch an, aber die junge Frau blickte ein bisschen fordernder. Auffordernder. Der Mann beugte sich ganz langsam nach unten, die junge Frau hingegen wurde etwas länger, die Lippen öffneten sich hüben wie drüben etwas. Jetzt schlossen sich langsam die Augen und die Lippen fanden einander. Ganz sachte, ganz innig. Keine Zungenakrobatik und ich kann nicht sagen, dass sich hier zwei Menschen in aller Öffentlichkeit die Mandeln ausgeräumt hätten. Irgendwann war der Kuss vorüber und man blickte sich wieder in die Augen. Dann war zu sehen, wie der Mann sich ein Herz zu fassen schien.

Irgendwas ging in ihm vor, etwas, das endlich mal gesagt werden sollte. Jetzt schien es gar so, als ob es der Mann mit einer Spur Überwindung zu tun bekam, weil das Kommende Folgen für die Zukunft haben würde. Würde er dieser Frau womöglich jetzt und hier die alles entscheidende Frage stellen? Er sah ihr tief in die Augen und tat es wirklich. Ich zitiere: ,Darf ich Ihnen das Du anbieten?'“

 

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