LICHTENFELS

Corona-Tagebuch: Bier, Schnaps, Wein und ein Wort mit „A“

Markus Häggberg Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt für OTverbindet augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Um was es heute geht? Um eine Bekannte, die für die gute Sache trinkt.

„An der Unterführung traf ich sie, und sie ging sehr schlecht. Ob's ihr schlecht ging? Geht so, gab sie mir zu verstehen. Und so fuhren die Autos an uns vorüber, doch wir nahmen uns Zeit für einen Plausch. Sie ist Beamtin und erzählte mir davon, wie froh sie war, als ihr Mann die Selbständigkeit aufgab und in Festanstellung ging. Da hatten sie dann auch richtig viel Zeit, zu Konzerten zu gehen. Oder zu fahren. Hach ja, Rock-Konzerte – das war ihr Hobby. Und das fehlt jetzt wegen Corona. Findet ja nix mehr statt.

Also, so sagte sie, gingen sie jetzt eben in die Stadt und in die Kneipen, und trinken was. Darunter könne auch Alkohol sein. Wie sie das so sagte, musste ich an Menschen denken, die so Dinge wie Bier, Schnaps und Wein oder Cocktails zu sich nehmen. Irgendwo zwischen Broca-Areal und Wernicke-Zentrum begann in meinem Gehirn ein großes A aufzuflackern.

Wie heißen diese Menschen doch gleich, die einen Grund zum Trinken haben? Irgendwas mit einem A. Es lag mir auf der Zunge, aber ich kam nicht drauf. Na egal, ich wandte mich ihr wieder zu und war ganz Ohr. ,Weil wir nicht mehr auf Konzerte gehen, gehen wir halt jetzt auch öfter in die Biergärten', erzählte sie mir und wieder war da dieses große A. Neulich, so die Frau, hätte sie sogar einen sitzen gehabt und ihr Mann auch.

Dann blickte sie etwas traurig und kam noch mal auf die Konzerte zurück. ,Ich brauche Trubel', sagte sie noch und zählte auf, was alles an Trubel in diesem Jahr nicht stattgefunden haben wird: Das Lichtenfelser Weinfest, das Schützenfest, die Kirchweihen und der Korbmarkt. Deswegen, so die Frau, behelfen sie und ihr Mann sich jetzt eben mit den Kneipen.

,Weil die wollen ja auch leben - gerade zu Corona', brachte sie noch hervor, und man sah, dass es ihr ernst war. „Man muss auch geben können, nä?“, pflichtete ich ihr bei – sie nickte. ,Wie heißt gleich noch dieses Wort mit A?', dachte ich erneut bei mir und kam gerade noch rechtzeitig wieder dazu, ihr zuzuhören. Sie sagte: ,Dabei mochte ich Bier eigentlich nie so, es schmeckt mir gar nicht mal so sehr.' Aber, so die Frau weiter, ihr täten halt die Wirte auch leid und deswegen trinke sie jetzt mehr als vorher.

Heute Abend wird sie wieder mit ihrem Mann unterwegs sein. Weil man halt auch geben können muss und nicht nur nehmen darf. S' ist so auf der Welt, wir wollen schließlich alle leben. Und in diesem Moment, liebes Tagebuch, fiel mir das Wort ein, welches ich schon die ganze Zeit auf den Lippen hatte, dieses Wort, an das ich bei Bier, Schnaps, Wein und Wirte immer denken muss, jenes, das mit einem großen A anfängt: Altruismus. Ich sehe meine Bekannte jetzt mit ganz anderen Augen.“

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