LICHTENFELS

Corona-Tagebuch: Als ich noch der mieseste Erwiderer war

M. Häggberg. Foto: Till Mayer

Markus Häggberg schreibt augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Heute geht's um Kirche in der Corona-Krise. Um Glauben in der Corona-Krise. Und Um Klingelspiele.

„Liebes Corona-Tagebuch,

wochenlang fanden ja keine so gesanglich stimmungsvollen Gottesdienste statt. So ist das eben mit Corona, und man gewinnt dafür ein Einsehen.

Nicht etwa, dass ich ein herausragender Kirchgänger gewesen wäre, ich war förmlich säkular geworden und pflegte an Sonntagen um die Uhrzeit zu frühstücken, zu denen ich als Kind schon in der Bankreihe saß. Das Erwachsensein hat eben auch seine Schattenseiten, und man verlottert.

Corona gibt aber auch einer gelegentlichen Frömmigkeit den Rest, wenn Kirchen zugesperrt sind. Langer Rede kurzer Sinn: Corona brachte es sogar mit sich, dass ich nicht mal mehr aus einem Impuls heraus die Stadtpfarrkirche aufsuchte, die mir als Kind so lieb gewesen ist. Ich war nämlich auch Ministrant, als solcher allerdings eine liturgische Zumutung, denn immer dann, wenn es zur (Protestanten müssen jetzt stark sein) Wandlung kam, kam es ja auch zu einem Klingelspiel, und bei diesem kommt es darauf an, die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf diesen einen Moment zu lenken, in denen aus der Hostie der Leib Christi wird. Das Klingeln funktioniert dabei wie eine Art Frage-Antwort-Spiel, denn der eine Ministrant eröffnet mit hellem Klingeln, der andere erwidert mit dunklerem Klingeln. Ich aber war der mieseste Erwiderer nördlich und östlich des Rio Pecos und klingelte scheußlich. Es klang wie ein Autounfall im Stimmbruch.

Ich will gar nicht wissen, wie viele andachtsvolle Momente ich so zuschanden gemacht habe, und es tut mir wirklich leid. Jahre später erhielt ich meine gerechte Strafe und mir gingen die Haare aus.

Und nun stand ich nach langen Monaten mal wieder in dieser Kirche und schlenderte in ihr umher, sah Maria in dem Glasfenster den Mantel über den sterbenden Soldaten ausbreiten, sah den schönen Jesus über dem Seitenaltar mir sein Herz öffnen und mich dabei nicht aus den Augen lassen. Ich sah über dem Tabernakel die Himmelfahrt Mariens in überlebensgroßem Format, die Illusion einer Schauung gebärend. Über mir sah ich die Symbolik der sieben Sakramente, schloss dann die Augen und sog die katholischen Gerüche ein, die Luft gewordene Raumseele bedeuten.

Dabei überlegte ich an einem Gebet, in welchem ich für künftige Missetaten auch die Haare auf meinem Rücken opfernd anbieten könnte. Ich habe es dann aber doch nicht gebetet, weil ich noch eine Weile meine Zähne behalten will.

Dabei erinnerte ich mich eines Priesters, der mir versicherte, dass Gott absolut Humor habe, und wenn ich mich so im Spiegel betrachte, dann muss da was dran sein. Dann betete ich doch lieber für einen Menschen, der sehr krank ist.

Liebes Corona-Tagebuch, es war schön, nach langer Zeit mal wieder an einem lieben Ort zu sein, an dem die Zeit in sich ruht und so reich bebildert ist, wie Netflix es auch in 3-D nicht bieten kann. Der moderne Mensch weiß oft gar nicht mehr, was ihm entgeht. Abgesehen davon waren die Weihwasserbecken trocken.“

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