LICHTENFELS

Corona-Tagbuch: Schlumpfblauer Beethoven als Andenken

Markus Häggberg schreibt ein Corona-Tagebuch. Foto: T. Mayer

Markus Häggberg schreibt augenzwinkernd ein Corona-Tagebuch. Heute geht es um einen schlumpfblauen Beethoven.

Liebes Corona-Tagebuch, seit Jahren galt dann und wann mein Blick einem blauen Objekt, das jenseits der Straße hinter einem im ersten Stock gelegenen Fenster zu sehen war. Immer dann, wenn ich es sehen wollte, hatte ich an ein Fenster zu treten. Aber das ging nur, wenn es in diesem Saal zu einem Stopp des üblichen Arbeitsablaufes kam. So sah ich dann also etwa 30 Meter durch die Luft und über die Straße hinweg und hatte jeden Grund zu vermuten, dass dieses blaue Objekt eine Komponistenbüste ist. Links und rechts von ihr befanden sich zwei schöne Lampen und ich glaube, auch einen Kerzenleuchter bemerkt zu haben.

Es war so recht die Art von Gedeck, die man auf einem Klavier oder Flügel findet, und das Haus, in welchem das blaue Objekt stand, hat bekanntermaßen hohe Stuckdecken. Alles fügte sich bei diesem Bild zu einer Art von Hort der Kultur. Das Gesicht der Büste war mir abgewandt, aber bei dieser Frisur kam ich mit mir überein, dass es ein Beethoven sein müsse. Doch wer mag wohl einen blauen Beethoven besitzen? Oder besser gesagt: Was für ein Mensch mag das sein? Die Büste, so bunt sie war, lenkte das Interesse auf ihren Besitzer.

Eines Tages erhielt ich eine Nachricht mit der Anfrage, wegen bevorstehenden Umzugs beim Auflösen einer Schallplattensammlung behilflich zu sein. Sie stammte aus jenem Haus und sogar aus jener Wohnung mit jenem Zimmer, hinter dessen Fenster zu vermuten stand, dass es sich bei dem blauen Objekt um eine Beethovenbüste handelte. Freilich sagte ich zu, und bald durfte ich auch jenes Zimmer betreten.

„Ich habe den Beethoven schlumpfblau angemalt (…) wenn Sie möchten, können Sie auch ihn haben“, sollte sein Besitzer mir bald darauf sagen. Er ist unzweifelsfrei ein ernsthafter älterer Herr, ein geistvoller Mann, der „Erich Kästner für Erwachsene“ liest, aber aus dessen Augen dann und wann auch Erich Kästner für Kinder zu blicken scheint.

Wenigstens ist das in aller Kürze mein Eindruck. Ihm zur Seite eine gleichfalls kultivierte Frau, eine „Dame“, wie meine Großmutter mich bei ihrer Nennung ermahnen würden.

Zwei Menschen, die viel studiert und erlebt, viel gelesen und nachgedacht haben, und die das alles nicht davon abhielt, einen Beethoven blau anzupinseln. Es war nicht einfach, diesen Beethoven und einige Schallplatten mitzuehmen.

Freundlich wie neckisch

Nicht des Gewichtes wegen, sondern wegen des Wissens darum, dass hinter diesen Scheiben im ersten Stock oberhalb der Straße nun eine Verwaisung stattgefunden hat. Das Ehepaar wird nicht mehr dort wohnen und all die Bücher, Schallplatten und Büsten werden es auch nicht mehr.

Der ältere Herr war gleichermaßen freundlich wie neckisch, mir seinen blauen Beethoven zu signieren. Ich wiederum verspreche, ihn in Ehren zu halten und ihm ein guter Wirt zu sein.

Gute Reise der Herr und gute Reise die Dame. Ich werde mich Ihrer erinnern und bin um eine schöne Geschichte reicher.“

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