LICHTENFELS

Corona-Partys, Brexit und... Lauch

Die Universität in Bangor macht auch optisch einiges her. Foto: Privat

Kim Alexandra Diefenthal tritt ihr Traumstudium in Zeiten von Corona in Wales an. Als würde die Pandemie schon nicht alles genug verkomplizieren, merkt die junge Lichtenfelserin jetzt auch, was der Brexit im Alltagsleben bedeutet.

„Es hat lange gedauert, bis ich endlich eine Entscheidung über meine Studienzeit getroffen habe. Doch schließlich habe ich mich entschieden und auch die Universität gefunden, die genau das anbietet. Gut, in Wales. Aber der Studiengang, nämlich Criminology und Criminal Justice, wird in dieser Form in Deutschland nicht angeboten, der Weg zum Ziel ist hier wesentlich länger und umständlicher.

Bei einem ersten Besuch der Universität in Bangor war ich mehr als überrascht, fühlte ich mich doch in einen Harry Potter Film versetzt. Ein altes Gemäuer, ehrwürdig und verwinkelt. Ich wurde bereits erwartet und der Kursleiter erklärte mir alles wirklich genau, ging auf meine Fragen ein und am Ende wusste ich, dass meine Entscheidung stand.

Direkt an der Irischen See

Bangor ist eine Stadt direkt an der Irischen See, nicht weit entfernt vom Snowdonia Nationalpark, mit circa 20 000 Einwohnern. Zu Semesterzeiten kommen etwa 12 000 Studenten dazu, davon sind circa 1200 International. Bis zum nächstgelegenen Flughafen in Manchester sind es etwa 150 Kilometer. Die Universität gehört zu den Top 15 der britischen Universitäten für ausgezeichnete Lehre und wurde 2018 und 2019 als Universität des Jahres für Qualität und Lehre ausgezeichnet.

Funfact: Der Ort mit dem längsten Namen der Welt liegt nur etwa acht Kilometer entfernt: Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch. Aus dem Walisischen übersetzt heißt es in etwa: ,Marienkirche (Llanfair) in einer Mulde (pwll) weißer Haseln (gwyn gyll) in der Nähe (ger) des schnellen Wirbels (y chwyrn drobwll) und der Thysiliokirche (llantysilio) bei der roten Höhle (gogo goch).'

Der Bewerbungsprozess funktioniert anders als an den Universitäten hierzulande, alles läuft über eine zentrale Vergabestelle, und man benötigt einiges mehr an Unterlagen, darunter ein übersetztes und beglaubigtes Abiturzeugnis. Das gesamte Verfahren läuft online, man muss sich dort im wahrsten Sinne des Wortes durchkämpfen. Wenige Tage vor Anmeldeschluss war ich dann fertig und habe alles abgeschickt, nun hieß es warten. Kurz vor dem offiziellen Brexit kam die erlösende Nachricht: Ich erhielt die Zusage für meinen gewünschten Studiengang und auch an der von mir bevorzugten Universität. Der Hintergrund wurde mir im Nachhinein klar. Durch die Annahme vor dem offiziellen Brexit fiel ich noch unter die alten Regularien, sprich ich benötige kein Visum oder eine Aufenthaltserlaubnis, auch werden die Studiengebühren noch für EU-Ausländer berechnet, was einen gehörigen Unterschied ausmacht.

Nun ging es ans Eingemachte: Zimmer suchen, die Finanzierung der Studiengebühren klären und noch vieles mehr. Doch auch das war dort überhaupt kein Problem. Man ist mehr als nur hilfsbereit, vor allem wird man mehr oder weniger bereits vor Studienbeginn herzlich aufgenommen. Mehr Arbeit machte dagegen die Bafög-Stelle in Deutschland, denen man erst erklären musste, dass Bangor in Wales gemeint war und nicht in den Vereinigten Staaten. Doch auch diese Hürde konnte genommen werden. Schließlich war es so weit: Die Reise begann. Mit dem Flugzeug nach Manchester, von dort nach Bangor. Hier begann sich dann der Unterschied zu den vorigen Jahren im Ablauf zu zeigen. War es bis dahin Usus, dass alle Studenten am Flughafen abgeholt und mit Bussen nach Bangor gebracht wurden, so war es dieses Mal so, dass es eher individuell war. Weniger Studenten in einem Bus, alles mit Maske. Im Wohnheim angekommen wartete bereits das von mir bestellte Paket mit Bettzeug etc., auch ein ,Care-Paket' mit Lebensmitteln und Getränken war von der Universität organisiert worden. Ich versuchte, mich so gut es ging einzurichten.

Wales hat sein Nationalgemüse

Am nächsten Tag dann der erste Einkauf, zum Glück waren mir die Geschäfte aus dem Vorjahr noch in Erinnerung geblieben. Die Preise in Pfund mit den mir bekannten zu vergleichen, war am Anfang gewöhnungsbedürftig, auch die mir wenig bekannten Münzen waren eine Herausforderung. Auch sind die Produkte zum großen Teil anders als das, was man aus Deutschland kennt. Aber man lernt dabei vieles über das Land. So zum Beispiel, dass das Nationalgemüse in Wales der Lauch ist. Ich habe noch nie so riesigen Lauch gesehen!

Kim Alexandra Diefenthal freut sich in Lichtenfels auf ihr Studium im Legenden umwitterten Wales. Dort gibt es Harry Pot... Foto: Werner Diefenthal

Als dann nach und nach alle anderen Studenten ankamen, musste ich dann leider feststellen, dass es, nicht anders als übrigens in Deutschland, einige mit den Regeln absolut nicht genau nahmen. Jeden Abend wurde Party gemacht, auch wenn eine Vermischung der Wohneinheiten untersagt war, hielt sich kaum jemand daran.

Zum Glück war in dem zweiten Wohnheim noch ein Zimmer frei, und so entschloss ich mich nach einer Woche, nach der Möglichkeit eines Umzugs zu fragen, was mir auch erlaubt wurde. Dort war es herrlich ruhig, meine neuen Mitbewohner hatten mit den Partygängern nichts am Hut.

Das ganze Wohnheim in Quarantäne

Die Konsequenzen in meinem ersten Wohnheim ließen dann auch nicht lange auf sich warten: Alle kamen nach diversen Corona-Infektionen in Quarantäne. Besonders schlimm traf es dabei eine Kommilitonin aus Frankreich, die gerade erst aus der Selbstisolation kam, sich aus allem rausgehalten hatte und wieder in Quarantäne musste.

Was mich am meisten schockierte war dann die Tatsache, dass diejenigen, die sich nicht an die Regeln hielten, auch weiterhin nicht darum scherten und im Pulk durch Bangor streiften.

So kam es, wie es kommen musste: Über die Stadt wurde ein Lockdown verhängt, man durfte sich nur noch innerhalb der Stadtgrenzen bewegen, raus durfte man nur aus triftigem Grund.

Die Geschäfte waren, wie auch hier zu dieser Zeit, mit Zugangsbeschränkungen belegt und es herrschte Maskenpflicht. An den Eingängen standen Mitarbeiter, welche die Anzahl der Käufer aufnahmen. Teilweise waren sogar Ampeln an den Eingängen angebracht. Die Gänge im Supermarkt selber waren zum Teil als „Einbahnstraßen“ angelegt, um möglichst wenig Begegnungen zuzulassen. Bezahlt wird dort meist mit Karte und an Selbstbedienungskassen. Der Ausgang ist strikt vom Eingang getrennt, auch dort wird die Anzahl wieder kontrolliert.

Insgesamt habe ich nie das Gefühl gehabt, dass ich beim Einkauf in Gefahr bin, mich anzustecken.

Trotzdem stiegen auch hier die Zahlen, und so kam dann der komplette Lockdown, der wesentlich strenger ausfiel, als es dann später in Deutschland war. Insbesondere die Verwirrung um die „essenziellen Dinge“ trieb kuriose Blüten. So wurden in den Supermärkten Gänge abgesperrt und Regale verhängt, in denen man die Dinge fand, die nicht zum täglichen Leben benötigt wurden, zumindest nach dem Gesetzestext. Das führte zu Unmut.

Wesentlich strengerer Lockdown als in Deutschland

All das wirkte sich auf das Studium selber aus. Um ehrlich zu sein: Von der Universität habe ich in dieser Zeit nicht viel gesehen mit Ausnahme der Bibliothek. Das zum Campus gehörende Fitnessstudio war geschlossen, alle Aktivitäten der Studentenvereinigungen fanden nicht statt, was sehr schade ist, denn gerade diese machen die Universität dort aus.

Das Wappen der Universität von Bangor. Foto: Kim Alexandra Diefenthal

Vorlesungen fanden nur online statt. Doch das funktioniert sehr gut. Die Technik und die Infrastruktur dort sind um Längen besser als das, was ich von anderen Studenten aus Deutschland gehört habe. Einen Zusammenbruch, so wie bei der Software in Deutschland, gab es nicht. Trotz allem, es war irgendwie seltsam, all das nur vor dem Computermonitor zu machen, die Interaktion mit den anderen Studenten fehlte mir dabei. Alle Arbeiten, die zu erledigen waren, wurden ebenfalls über das System abgegeben, auch die Tests fanden so statt. Man kann sagen, dass die Universität dort auf die Gegebenheiten gut reagiert hat.

Es nahte der Tag, an dem ich wieder nach Hause fliegen wollte. Geplant war das für den 20. Dezember, doch auch hier warf Corona alles über den Haufen. Nach einem Beschluss der Regierung sollten alle auswärtigen Studenten bis spätestens 9. Dezember die Uni verlassen haben. Der Hintergrund war, dass es so möglich war, die Studenten, die in eine zweiwöchige Quarantäne mussten, zum Weihnachtsfest wieder aus derselben zu entlassen. Dass dies noch zum Glücksfall wurde, das habe ich zwei Wochen später erfahren. Nikolaus flog ich zurück, einige Tage später ließ ich mich, zum Glück mit negativem Ergebnis, testen. Und dann tauchte die Mutation auf, das Chaos an den deutschen Flughäfen ist wohl jedem noch in Erinnerung. Just an dem Tag, an dem mein ursprünglicher Heimflug geplant gewesen war.

Hoffnung auf die Rückkehr zur Normalität

Wie es nun weiter geht? Das ist alles unklar. Bedingt durch die Reisewarnung und die massiv angestiegenen Zahlen wurde allen Studenten genehmigt, von ihrer Heimat aus online zu studieren. So, wie es sich darstellt, wird dies bis mindestens 26.März sein. Was danach ist, das muss ich abwarten. Ich hoffe allerdings, dass sich alles bald wieder mehr oder weniger normalisieren wird. Fest steht jedenfalls, dieses Studium ist abenteuerlicher, als ich es gedacht habe.

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