LICHTENFELS

Corona: Ingrid Köstner aus Lichtenfels über Atemmasken

Ingrid Köstner freut sich, auch in den verrückten Zeiten von Corona täglich ihr Obermain-Tagblatt lesen zu können. Foto: Till Mayer

Der Krieg ging für Ingrid Köstner mit Glassplittern in Kartoffeln und weißem Quark zu Ende. Am 23. Februar 1945 hagelte es rund 100 Bomben auf Lichtenfels, die für den Güterbahnhof bestimmt waren. Eine explodierte nicht unweit ihres Wohnhauses in Seubelsdorf. Die Fenster zersprangen durch die Druckwelle. „Auf dem Tisch hatte die Mutter gerade das Essen aufgedeckt“, daran erinnert Ingrid Köstner bis heute noch. Und an die wahnsinnige Angst, die sie als Teenager spürte, als die Bomben detonierten, der Boden bebte. Kein Vierteljahr dauerte es dann noch, bis das Deutsche Reich kapitulierte. Dank Hitlers Schergen lagen große Teile Europas in Schutt und Asche. Als für Deutschland die Stunde Null kam, war Ingrid Köstner ein hübscher Teenager mit 15 Jahren.

Fast ein Jahrhundert Geschichte erlebt

Ingrid Köstner winkt aus ihrem Zimmer im zweiten Stock. Für die Senioren ist es hart, dass sie wegen der Coronakrise kei... Foto: Till Mayer

Ingrid Köstner hat mit ihren 90 Jahren fast ein Jahrhundert Geschichte am Obermain erlebt. Als sie geboren wurde trieb eine Wirtschaftskrise unbarmherzig ganze Bevölkerungsgruppen in eine würdelose Armut. Dann kam die NS-Diktatur, der Krieg. Als das große Schlachten zum Ende kam, waren Millionen auf der Flucht. Tausende strandeten in Lichtenfels. Sie hatten alles verloren: geliebte Menschen, Heimat und ihr Vermögen. Auch Ingrid Köstners Onkel kam nicht mehr aus dem Krieg zurück.

Hört man Ingrid Köstner zu, wenn sie aus der Vergangenheit erzählt, dann wirkt die Bedrohung durch Corona gleich ein wenig anders, weniger monströs. Doch die 90-Jährige will Corona nicht klein reden. Sie steht mit ihrem Rollator auf der einen Seite des Fensters des Alten- und Pflegeheims am Weidengarten. Wie der Journalist, der gut zwei Meter entfernt auf der anderen Seite zu finden ist, trägt sie eine Maske. „Ich hoffe, Corona hat nicht so schlimme Folgen. Aber ich befürchte, es wird nicht leicht werden. Viele werden ihre Arbeit verlieren. Das ist schlimm, was gerade auf der ganzen Welt passiert“, sagt die Rentnerin. Die Seniorin macht sich Sorgen. Weniger um sich, als um die Generation ihres Sohns und ihrer Enkelin.

Spaziergang im Garten des Alten- und Pflegeheims am Weidengarten in Lichtenfels. Foto: Till Mayer

„Ich nehme Corona sehr ernst“, sagt die Seniorin. Auch wenn es nicht leicht für sie ist. Dass Programmpunkte für Unterhaltung im Heim entfallen, und bei anderen Aktionen ein gehöriger Sicherheitsabstand zwischen den Senioren herrschen muss, das ist wohl eher eines der kleinsten Probleme. „Dass mich niemand mehr besuchen kommt. Nicht mein Sohn, meine Schwestern oder meine Enkelin, das tut schon weh“, erklärt die alte Dame. Klar, da gibt es das Telefon. „Aber ein Besuch ist halt schon etwas ganz anderes. Den anderen zu sehen, ihn zu drücken, das fehlt mir sehr“, meint sie.

Die Seniorin nimmt Corona sehr ernst

Früher ging es mit dem Rollator auch gerne mal am Nachmittag zu einem kleinen Spaziergang zum nahen Marterl. Dann nahm sie auf der Parkbank davor Platz, genoss es einfach, in die Sonne zu blinzeln. Jetzt heißt es im großen Garten hinter dem Haus bleiben. „Aber die Maßnahmen schützen uns Heimbewohner. Sie ergeben Sinn“, sagt die 90-Jährige. Aber ihr Lichtenfels zu sehen, das vermisst sie. 2019 verstarb leider ihr Mann, da wohnten die beiden schon im „Weidengarten“. Jahrzehnte arbeitete sie bis zum Ruhestand mit ihrem Gatten als Hausmeister-Ehepaar in der Schule am Marktplatz. Die Köstners waren beliebt, und viele, viele Lichtenfelser kennen Ingrid Köstner noch heute.

Immerhin, eines kommt täglich auf den Tisch wie seit Jahrzehnten: „Ich bin schon froh, dass ich wie immer mein Obermain-Tagblatt habe“, erklärt sie.

Das Obermain-Tagblatt verbindet mit der Außenwelt

Ein Warnschild klärt über die staatliche Verordnung auf. Besuche sind derzeit in Alten- und Pflegeheimen nicht möglich. Foto: Till Mayer

Als sie liest, dass im Landkreis Lichtenfels Nähmaschinen rattern, um Mund-Nase-Schutz zu nähen, denkt sie schon zurück, als nach dem Krieg erstaunlich viele Fräuleins am Obermain Kleider aus Fallschirmseide trugen. „Die waren schon schön. Stoff war Mangelware, aber die Menschen erfinderisch. Ein bisschen wie jetzt mit den selbstgemachten Masken. Das ist wichtig. Ja nicht unterkriegen lassen. Es geht immer weiter“, sagt die Seniorin und lacht.

Dann geht es zum Fototermin. Der Journalist umrundet das Haus, um von hinten an den Gartenzaun zu gelangen. Ingrid Köstner rückt mit dem Rollator und Ergotherapeutin Katja Hennemann an. Ein Winken über den Zaun. Dann nimmt die 90-Jährige auf der Parkbank Platz. „Oder soll ich auch auf die Schaukel“, ruft sie lachend. „Bleiben sie gesund, und grüßen Sie mir mein Lichtenfels“, sagt sie zum Abschied.

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