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CHW-Vortrag über fränkische Kunstwerke und Beutekunst

CHW-Vortrag über fränkische Kunstwerde und Beutekunst
Ein besonderes fränkisches Kleinod ist die Kaiserkrone aus Bamberg. Die Krone fiel zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Zuge der Säkularisation an Bayern und befindet sich seitdem in der Schatzkammer der Münchner Residenz. Foto: Roland Dietz

Das Thema Beutekunst ist aktueller denn je. Das zeigte auch die Resonanz von rund 250 Zuhörern, bei einem Online-Vortrag des Colloquiums Historicum Wirsbergense (CHW) über „Fränkische Kunstwerke in der Fremde“, den Bezirksheimatpfleger Professor Günter Dippold hielt.

Der Begriff Beutekunst bezeichnete die Aneignung von wertvollen Kunstwerken nach Kriegen sowie kirchlichen, politischen oder gesellschaftlichen Umwälzungen durch die Obrigkeit und ihre meist staatliche Vertretung. Professor Günter Dippold schilderte, wie Objekte nach derartigen Umwälzungen den Standort und den Besitzer wechselten. Er ging nicht nur auf den Umfange mancher Verluste ein, sondern setzte sich auch kritisch mit der Verwendung des Begriffs Beutekunst auseinander.

Das Wort verbreitete sich vor rund 25 Jahren und bezieht sich vornehmlich auf deutsche und sowjetische Kunstraubzüge während des Zweiten Weltkriegs. Dagegen war die Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts, als viele Kirchenschätze den Besitzer wechselten, kein Eroberungskrieg.

Sind Arbeiten Dürers für auswärtige Käufer fränkische Kunst?

Zunächst stelle sich auch die Frage, was fränkische Kunstwerke sind. „Lukas Cranach verließ seine Heimat in jungen Jahren – sind seine Bilder trotzdem fränkisch?“, fragte Dippold. „Albrecht Dürer lebte in Nürnberg, arbeitete aber für einen überregionalen Käufermarkt – sind Arbeiten für außerfränkische Auftraggeber dennoch fränkisch?“ Gehören sie demnach an den Entstehungs- oder den ursprünglichen Bestimmungsort? Sind Werken, die fränkische Fürsten oder Klöster bei nichtfränkischen Künstlern bestellt oder erworben haben, dadurch fränkisch geworden?

„Eine Sammlung, an der sich in den vergangenen Jahren immer wieder Streit entzündet hat, ist der Bamberger Domschatz“, berichtete Dippold. Die Aussage eines Mönchs aus Petershausen, „dass der König nun aus allerorten Kirchen was zu seiner Ausstattung nötig war, zusammenholte“, beziehe sich auf den Bamberger Domschatz. Doch er beschreibe nicht die Ereignisse im frühen 19. Jahrhundert, sondern die Schaffung eines Domschatzes in Bamberg zur Zeit Heinrichs II. Der König habe anderen Orten prachtvolle Handschriften und auch Reliquien entzogen, „bis er seine Kirche über alles Maß bereichert hatte.“

„Wie lange ist die Verjährungsfrist für Kunsttransfers?“, fragte der Bezirksheimatpfleger. Heinrich II. trug im 11. Jahrhundert für Bamberg eine Fülle an kostbaren Handschriften und an Reliquien zusammen. Denn Bamberg war ein junges Bistum, und die reiche geistliche Ausstattung sollte diesen Makel ausgleichen. „Heinrich ging es um die geistliche und geistige Strahlkraft dessen, was er für Bamberg zusammentrug“, so Günter Dippold.

Kunstwerke zu besitzen und einem auserwählten Kreis zur Schau zu stellen, das wurde Teil fürstlicher Repräsentation. Später im Barock bestimmte die theaterhafte Sichtbarmachung die Würde des fürstlichen Seins. So trug Fürstbischof Franz von Schönborn in seinem Schloss Weißenstein bei Pommersfelden einen wahren Schatz von über 500 Gemälden zusammen.

Viele Kunstwerke wurden verkauft oder verschenkt

CHW-Vortrag über fränkische Kunstwerde und Beutekunst
Auf dieses Kunstwerk müssen die Besucher der Michaeliskirche in Hof seit 1811 verzichten: Der Hochaltar von 1465, in ... Foto: Roland Dietz

„Es ist hinreichend bekannt, dass sich Kunstwerke aus einstigen Residenzen und Reichsstädten Frankens heute nicht mehr in der Region befinden“, erklärte Professor Dippold. Was den Verlust von fränkischer Kunst zu Beginn des 19. Jahrhunderts betrifft, so stehe fest, dass ein Teil nach München abgegeben werden musste, ein weiterer Teil sei verkauft oder verschenkt worden, wie ein Flügelaltar aus der Hofer Michaeliskirche, den die Bürger dem Regenten sogar freiwillig zukommen ließen. Manches sei verschollen. So befinden sich von 46 Gemälden, die um 1810 aus dem Kloster Ebrach verschwunden sind, nur acht in Münchner Archiven, der Rest sei in den Privatbesitz des Ebracher Abtes gelangt und seitdem spurlos verschwunden.

Günter Dippold setzte sich auch mit der Frage auseinander, was zu Beginn der Säkularisation ins bayerische Königshaus der Wittelsbacher gekommen ist und was nach der Übernahme Frankens. Die Frage stelle sich, ob das rechtens war oder ob sich die bayerische Krone nach der Säkularisation Kunstobjekte aus fränkischen Kirchen oder Schlössern widerrechtlich angeeignet habe. Dies werde immer wieder behauptet.

Als Beispiel verwies Dippold auf einen Streit um die Dürer-Ausstellung 2012 in Nürnberg, weil eine Herausgabe von Werken wie das Selbstbildnis „Der Mann im Pelzrock“ entbrannt. Während die Münchner Pinakothek das Bild als zu fragil für den Transport einstufte, waren andere Fachleute entgegengesetzter Meinung. „Was nutzen Gemälde, Reliquiare, Preziosen, was eine Krone oder ein Schwert, wenn nicht Menschen an ihnen forschen, sie bewahren, sie pflegen, kurz: wenn nicht Menschen sie in Wert setzen“, fragte der Bezirksheimatpfleger.

„Das Geschrei, es liege alles Wertvolle in München, schadet der fränkischen Region, denn man redet sie so klein und gering und tut, als sei sie von allem Kostbaren entleert.“
Professor Günter Dippold, Bezirksheimatpfleger
CHW-Vortrag über fränkische Kunstwerde und Beutekunst
Professor Günter Dippold erreichte mit seinem Online-Vortrag zahlreiche Zuhörer. Foto: Roland Dietz

Der Ruf, Kunstwerke rückzuführen, greife zu kurz: „Mit Futterneid aber oder Kirchturmdenken bringt man eine Region nicht voran. Das Geschrei, es liege alles Wertvolle in München, schadet der fränkischen Region, denn man redet sie so klein und gering und tut, als sei sie von allem Kostbaren entleert. Wenn uns das historische Erbe angeblich so wichtig ist, dann sollten wir uns erst einmal um das bemühen, was wir haben, statt nach Fernem zu rufen.“ Die Forderung sollte nicht lauten „Gebt uns etwas zurück, was eigentlich uns gehört“, sondern „Breitet Kultur in der Fläche aus, dort gehört sie hin.“

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