LICHTENFELS

CHW-Lichtenfels: Wie der Strom nach Franken kam

CHW-Lichtenfels: Wie der Strom nach Franken kam
Das erste Elektrizitätswerk in Burgkunstadt stand zu Füßen der Alten Vogtei. Foto: Roland Dietz

Seinem Titel „Vorsicht Hochspannung“ alle Ehre machte der Online-Vortrag der Kunsthistorikern Annette Schäfer aus Hirschaid beim Colloquim Hitstoricum Wirsbergens (CHW) Lichtenfels. Sie brachte Licht in die Geschichte der Elektrifizierung am Obermain.

Ist elektrischer Strom heute nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken, so war dies noch vor 100 Jahren eher die Ausnahme. Elektrizität leistete einen wesentlichen Beitrag zum Wohlstand und zum Komfort. Und in Zeiten der Digitalisierung wird die Gier nach Strom nicht nachlassen. Schon Lenin hatte um 1920 gesagt: „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung.“ Die Elektrizität hat das Landschaftsbild mit Stromtrassen und Kraftwerken geprägt, hinzu kommen Windräder, Biogasanlagen und Photovoltaikanlagen.

„Jeder möchte alternative Energien, aber bitte nicht vor meiner Haustür.“
Annette Schäfer, Kunsthistorikerin

„Wer Strom anbietet, hat die Strategie, wie er zum Endverbraucher gelangt, in der Hand“, sagte Anette Schäfer. So werden Umspannwerke auch im Zeitalter des Klimawandels benötigt. „Jeder möchte alternative Energien, aber bitte nicht vor meiner Haustür“, stellte Annette Schäfer fest. Es gebe wohl fast keinen Horizont, vor dem keine Strommasten zu sehen sind. Und 100 Meter hohe Masten verändern das Landschaftsbild. „Jahrzehnte ging man diesen Weg, um Strom von A nach B zu bringen, doch ist die Verlegung von Erdkabel der richtige Weg?“ fragte die Referentin. Die Bundesnetzagentur plane neue Trassen für die Energiewende. Oft gelinge es den Bürgern, mit ihrer Kritik etwas daran zu ändern.

Um 1870 war die Nutzung von Wasserkraft und Wind zur Energiegewinnung durch Mühlen und Windräder selbstverständlich, was inzwischen romantisch anmute. Die ersten großen Dampfmaschinen waren Zeichen der Industrialisierung in Städten. Und in ländlichen Bereichen nutzte die Landwirtschaft den Vorteil einer Dampfmaschine bei der Ernte.

Erste Gleichstrom-Übertragung zum Betrieb eines künstlichen Wasserfalls

Eine Sensation war 1882 bei einer elektrotechnischen Ausstellung in München ein Experiment von Oskar von Miller und Marcel Depréz zur ersten Übertragung von elektrischem Gleichstrom über eine Strecke von rund 57 Kilometern von Miesbach nach München. Der Strom kam von einer Dynamomaschine mit zwei PS, die in Miesbach von einer Dampfmaschine angetrieben wurde. Im Münchner Glaspalast wurde der Strom mit einer Spannung von 2000 Volt genutzt, um eine Pumpe anzutreiben, die einen künstlichen Wasserfall von 2,5 Metern speiste.

In den nächsten zehn Jahren verbreitete sich die Nutzung der Elektrizität besonders in den Städten. In Berlin und München wurden die Straßen mit Glüh- und Bogenlampen beleuchtet. Die Industrie nutzte elektrische Energie für die Produktion. Sogar in Kirchen wurde es sprichwörtlich Licht, was in Hirschaid 1910 in der Kirchenchronik vermerkt wurde. In Augsburg wurden mehr als 960 Stromanlagen errichtet, in Bamberg nur 24 für Mühlen und Fabriken. In Forchheim wurde ein Wasserkraftwerk gebaut. Neben der lokalen Versorgung wurden die ersten Überlandleitungen zur Übertragung errichtet.

Die ersten Stromleitungen mit ihren Masten begannen Stadt- und Ortsbilder zu prägen. Noch vor dem Ersten Weltkrieg lieferten Genossenschaften und Überlandzentralen Strom in die Orte. In manchen Kommunen wie in Burgkunstadt wurden örtliche Elektrizitätswerke errichtet. Die Rentabilität war von der Anzahl der Nutzer abhängig. Das 1921 gegründete Bayernwerk belieferte vorerst nur die Industrie, während regionale Anbieter die Versorgung vor Ort gewährleisteten. Leistungsfähige Kraftwerke entstanden meist am Wasser, wie das Walchenseekraftwerk oder das Laufwasserkraftwerk bei Hirschaid.

Leer stehende Transformatorenhäuschen erinnern noch immer an diese Zeit. Weil die Leitungen über Wald und Flur führten, wurde 1913 vom Verein der Heimatpflege dazu aufgerufen, den Landschaftsschutz zu beachten. Die Gebäude für die Elektrizität sollten dem Ortsbild angepasst werden. Dass die Technik sich der Landschaft unterordnen sollte, forderte sogar der Nazi-Bauminister Albert Speer.

Gemeinschaftsgeräte und Gefrierhäuser auf den Dörfern

Mit dem Wirtschaftswunder in den 1950-er Jahren kam Elektrizität auch in die Haushalte, erklärte Annette Schäfer. Zunächst wurden Gemeinschaftgeräte angeschafft. Kalthäuser zum Tieffrieren wie in Nordheim mit Kühlfächern für jeden Haushalt ermöglichten eine bessere Planung bei der Lebensmittelversorgung. Weiteren Komfort brachte die Stromversorgung für Wohnhäuser.

Dadurch wurde auch der Bau von Strommasten kaum mehr wahrgenommen, so die Referentin. Von den 1,8 Millionen Stromleitungen in Deutschland seien allerdings viele unterirdisch verlegt. „Eine weitere Zunahme von Trassen wegen des zunehmenden Energieverbrauchs wird leider wieder Eingriffe in die Landschaft bedeuten“, schloss Annette Schäfer.

CHW-Lichtenfels: Wie der Strom nach Franken kam
Das ehemalige Wasserkrafthaus zur Stromgewinnung bei Rothwind am Main. Foto: Roland Dietz
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Freileitungen für Stromkabel prägten bis vor rund 50 Jahren das Bild der Kommunen. Foto: Roland Dietz
CHW-Lichtenfels: Wie der Strom nach Franken kam
Kunsthistorikerin Annette Schäfer bei ihrem Onlin-Vortrag. Foto: Roland Dietz
CHW-Lichtenfels: Wie der Strom nach Franken kam
Wenige der Trafohäuschen, die früher den Strom verteilt haben, stehen noch. Ewa in Mainroth. Foto: Roland Dietz

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