LICHTENFELS

Christkind, Weihnachtsmann und Bescherung

Weihnachtsmann und Christkind sitzen gemeinsam auf einem Pferd, um den Menschen den Christbaum zu bringen. Die Darstellung stammt von L. Fröhlich aus dem Jahr 1849. Foto: Repro: Fabian Brand

Die Altvorderen aus den Dörfern am Obermain wissen zu berichten: Am Heiligabend versammelte sich die ganze Familie in der guten Stube, um den geschmückten Christbaum zu bewundern. Meist handelte es sich dabei um ein einfaches „Fichtla“, an dem einige wenige Wachskerzen brannten. Die Familienmitglieder knieten vor dem Christbaum nieder. Meist betete miteinander den freudenreichen Rosenkranz, in dem man sich an die Geburt Jesu erinnerte.

Der große Moment, wenn das Glöckchen läutetet

Als ein Glöckchen läutete, öffnete sich die Tür einen Spalt und eine verschleierte Gestalt reichte die Geschenke für die Familie durch die Tür. Reichlich viel die Bescherung in früheren Zeiten nicht aus: Ein paar neue Wollsocken oder ein neues Gewand für die Puppe waren die Gaben in früheren Zeiten.

Bereits aus dem Jahr 1897 hören wir über die Einkäufe, die vor Weihnachten getätigt wurden, folgende Gedanken: „Schon Wochen vor dem Fest beginnt die Auswahl der Geschenke, erst vor den einladend herausgeputzten Schaufenstern; die Juweliere wetteifern miteinander in kunstvollen Gebilden aus Gold, Silber, Perlen und Edelsteinen. Weiche Teppiche und warme Pelze fesseln die Blicke der Beschauer. Uhren in allen Größen und Ausführungen sind stets willkommene Gaben.

1897 sind die Spielwaren-Läden „wahre Feentempel“

Sogar ein Basar mit allen nur erdenklichen nützlichen Sachen fesselt die Kauflustigen. Die jedem kleinen und großen Kinde so willkommenen Bilder- und Märchenbücher, die auf keinem Weihnachtstische fehlen dürfen, finden sich in zahlreicher Auswahl für jedes Alter, jeden Stand, jeden Preis. Die Spielwaren-Läden vollends sind wahre Feentempel, welche zu betreten freilich ein reich gespickter Geldbeutel nötig ist…“

Schon im alten Rom war es üblich, zum Neujahrsfest Gaben auszutauschen. Später, nachdem der Termin des Geburtstages Christi auf den 25. Dezember gelegt wurde, übernahmen die Christen in Rom diesen Brauch. So gingen die vorchristlichen Neujahrsgaben, die man sich gegenseitig als Dank und Anerkennung für geleistete Dienste schenkte, in die christliche Tradition über.

Mittelalter: Almosenabgabe für die Ärmsten war üblich

Im Mittelalter war es üblich, zu Weihnachten eine Almosengabe an die ärmsten der Armen zu leisten. Vielfach belegt sind Zeugnisse, die darauf hinweisen, dass man an Weihnachten vor allem an die Notleidenden dachte: Bettler und Arme wurden gespeist. Und vor der Kirchentür fand man so manchen Ausgestoßenen sitzen, der von den Gottesdienstbesuchern auf eine milde Gabe hoffte.

Von Martin Luther ist überliefert, dass er seine Tochter einmal gefragt haben soll: „Lenchen, was will dir der heilige Christ bescheren?“ Wahrscheinlich dachte Luther hier noch nicht an eine konkrete Gestalt. Denn noch Martin Bohemus bemerkte in einer Predigt aus dem Jahr 1608: „Das heilige Christkindlein bescheret uns alles Gute an Leib und der Seelen, welches wir auch allein darum anrufen sollen.“ Die Bescherung wurde also in einem geistlichen Sinn verstanden: Es ging nicht so sehr um das materielle Schenken, als vielmehr darum, in der Begegnung mit dem Jesuskind die Vollkommenheit zu erlangen.

Als bürgerliche Geschenkfeier erst nach der Reformation belegt

Als bürgerliche Geschenkfeier ist das Weihnachtsfest erst für die Zeit nach der Reformation belegt. Im 18. Jahrhundert verlagerte sich die Weihnachtsfeier aus der Kirche in die Häuser und Wohnungen der Menschen. Allmählich formte sich in dieser Zeit der Heiligabend zur Geschenkfeier unter dem heimischen Christbaum.

Einflussreich war hierbei sicher eine gewisse Verweltlichung, die sich in der Zeit der Aufklärung Bahn gebrochen hat: Weihnachten wurde immer mehr zu einem Geschenkfest, an dem die eigentliche Botschaft von der Menschwerdung Gottes in den Hintergrund rückte.

Vor allem ab dem 19. Jahrhundert rückte dann immer mehr die bürgerliche Kleinfamilie in den Fokus. Der Heiligabend, so wie wir ihn heute kennen und vielfach praktizieren, hat in der Biedermeierzeit seinen letzten Schliff erhalten. Hier ist der Heiligabend zu einem Kinderbescherfest unter dem Lichterbaum geworden, welches begleitet wird von einer romantischen Stimmung mit lieblichen Gesängen im Kerzenschein.

Vor Martin Luther war der Nikolaus noch der, der die Gaben brachte

In früheren Zeiten war der eigentliche Geschenktermin nicht der Heiligabend, sondern der 6. Dezember. Die Geschenke für die Kinder und die anderen Hausbewohner brachte der heilige Nikolaus. Erst mit Martin Luther setzte hier eine Veränderung ein: Luther kritisierte ja den katholischen Heiligenkult und konnte daher den Nikolaus als Geschenkbringer nicht weiter unterstützen.

Am 06. Dezember 1527 erklärte Luther: „Die Legend des heutigen Fest des hayligen Bischofs Nicolai woelen wir lassen ansteen, denn ist viel Kyndisch ding und zuo zeytten auch lugen sich mit einmischett.“ Zwar wurde im Hause Luther wohl zunächst die Bescherung am Fest des heiligen Nikolaus noch geübt, doch schon in den 1530-er Jahren ist bezeugt, dass Luther Geschenke für den „Heiligen Christ“ am Weihnachtstag besorgt habe.

Die Vorstellung, die Martin Luther dabei leitete: Nicht ein Heiliger bringt die Geschenke, sondern Christus selbst. Deswegen ist der Geschenktermin auch nicht der Gedenktag des heiligen Nikolaus. Die Bescherung findet vielmehr am Christtag selbst statt.

In protestantischen Kreisen konnte man den Kult nicht sofort unterbinden

Freilich konnte man in protestantischen Kreisen dem Nikolauskult nicht sofort Einhalt gebieten. So verbot 1570 der Magistrat in Straßburg auf Anraten des Münsterpfarrers alle Nikolausumzüge, weil man den Kindern einschärfen müsse, das Christkind bringe die Geschenke.

Doch die hohe Theologie Luthers, dass Christus selbst die Menschen beschenke, fand im Volk keinen rechten Anklang. Anstelle einer bloß geistlichen Vorstellung schufen sich die Menschen lieber eine konkrete Gestalt. Und so entwickelte sich sehr schnell die Verkörperung des heiligen Christ in Gestalt des lichten, verschleierten Christkinds.

Das Christkind übernimmt langsam die Rolle

Das gabenbringende Christkind ist allerdings nicht mit dem neugeborenen Jesuskind gleichzusetzen. Erstmals erscheint das Christkind in protestantischen Weihnachts- und Adventsspielen. Neben Maria und Josef trat dort manchmal eine engelsgleiche Gestalt auf, die das verschleierte Christkind war. Es überprüfte die Bibelkenntnisse der Zuschauer und verteilte je nach Wissensstand Lob oder Tadel.

Auch in katholischen Gebieten fand man nach und nach Freude am Christkind: Als Engel kam es viel gütiger und milder daher als der Nikolaus, der manchmal polternd und grob dargestellt wurde. Anfang des 17. Jahrhunderts wird das Christkind schließlich immer öfter erwähnt. In Bayern scheint sich das Christkind als Gabenbringer aber erst nach 1870 wirklich durchgesetzt zu haben.

Und erst im 19. Jahrhundert taucht der Weihnachtsmann auf

Im 19. Jahrhundert entstand schließlich ein neuer Geschenkebringer: der Weihnachtsmann. In einer Zeit, in der man auch immer mehr vom christlichen Glauben Abstand nahm, war es nötig, eine neue Figur zu schaffen, die für die Bescherung zuständig war. Sie sollte möglichst frei sein von irgendwelchen spirituellen Zuschreibungen und einzig einen Zweck haben: die Ausführung der weihnachtlichen Bescherung.

Der Maler Moritz von Schwind zeichnete 1847 einen „Herrn Winter“, den die „Münchner Bilderbögen“ durch halb Europa verbreiteten. Der dazugehörige Text lautete: „Die Christnacht ist gekommen. Aus allen Häusern scheint festliches Licht, und das Jauchzen fröhlicher Kinderstimmen dringt auf die mit Schnee bedeckten Straßen. Dort wandert ein alter Mann und schaut an allen Türen, ob man ihm nicht öffnen und den geschmückten Christbaum von ihm als Geschenk annehmen will.“

Eher als eine Allegorie des Winters zu sehen

Der heilige Nikolaus wurde immer mehr zu einer Karikatur und der neugeschaffene Weihnachtsmann war eher als eine Allegorie des Winters zu sehen. Mit dem heiligen Bischof hatte er jedenfalls nichts mehr zu tun. Dennoch erlebte er einen unglaublichen Zuspruch: Weil er nicht aus einem religiösen Milieu stammte, passte er problemlos zu einer Weihnacht, die zunehmend zu einem verweltlichten Geschenkfest wurde.

Dort jedenfalls, wo Weihnachten noch als Fest der Geburt Jesu gefeiert wird, passt der Weihnachtsmann nicht hin. Hier sind immer noch Christkind und Nikolaus als Gabenbringer weit verbreitet.

In früheren Zeiten war der Christbaum noch nicht so reich behängt, wie heutzutage. Viele Haushalte am Obermain konnten n... Foto: Repro: Fabian Brand

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