LICHTENFELS

Buchstabensuppe: Mein Körper ist mein Zuhause

Heute begeben wir uns auf eine Reise durch unseren Körper. Ein Bilderbuch, das Kindern Kraft gibt und sie vor Grenzüberschreitungen schützt. Ein Kinderbuch, das für Aufklärung sorgt. Und ein Jugendbuch, mit dem sich die Pubertät gut überstehen lässt. Foto: Stefani Fischer

Iris Birger und Stefanie Fischer sind Kinderbuch-Bloggerinnen. Vom Netz in die Tageszeitung geht es mit ihren Buchtipps mindestens ein Mal im Monat auf OTverbindet. Die heutigen Empfehlungen stellen den Körper und die Pubertät in den Mittelpunkt und geben Kindern und Jugendlichen Kraft. Es geht um Prävention.

„In der Vorbereitung auf unser heutiges Buchthema ,Körper und Aufklärung' stellten wir fest, wie unfassbar groß die Auswahl hierzu an guten Kinder- und Jugendbüchern heutzutage ist. Zurückblickend in den 1980er Jahren gab es vielleicht ein Körperlexikon, in dem verschiedene Organe erklärt wurden. Oder man musste gleich ganz ausweichen auf das Schulbuch „Biologie“, falls es den Eltern allmählich peinlich wurde, wenn sich das Kind nicht mehr länger mit Erklärungen um „Bienchen und Blümchen“ zufrieden gab.

Nicht zuletzt ist der Markt an Büchern in diesem Bereich gewachsen, da sich unsere Gesellschaft langsam und in kleinen Schritten Themen nähert, die lange Zeit tabuisiert wurden: Das positive Bewusstsein gegenüber dem eigenen Körper, dem weiblichen Zyklus und der Periode oder aber auch das Verständnis, dass das das angeborene und gefühlte Geschlecht durchaus Verschiebungen erfahren darf. Regenbogenfamilien, gleichgeschlechtliche Partnerschaften und ein offener Diskurs über Sexualität. Diese Vielfalt ist unter uns, doch fehlt es häufig noch an Wissen und offensichtlich an Akzeptanz.

Bücher helfen uns daher, Informationen zu erhalten und in einen gemeinsamen Austausch zu gehen. Sie unterstützen uns darin, den Wissensdurst unserer Kinder zu stillen und Jugendlichen etwas an die Hand geben zu können, wenn der eigene Körper Kopf steht. Doch weit vor diesen Themen ist ein Aspekt unverzichtbar. Die Vorstellung darüber, dass der eigene Körper schützenswert ist und Prävention kein Tabuthema sein darf. Kinder müssen frühzeitig auf sanfte aber ehrliche Weise erfahren, dass ihr ,Nein' auch von Erwachsenen als ,Nein' akzeptiert wird. Sie müssen im Ansatz verstehen, was Grenzüberschreitungen und sexualisierte Handlungen sind und wie sie sich Hilfe holen können.

Im Austausch mit unserer Buch-Community im Netz konnten wir in einer Umfrage ermitteln, dass der Bedarf an Bilderbüchern zu diesem Thema enorm ist. Eltern suchen eine Unterstützung, wenn es um diese schweren Themen geht. Und genau da setzt unser heutiges Bilderbuch an.

,Das komische Gefühl', das sich breit macht, irgendwo zwischen Bauch und Herz. Verwirrt, verknotet und einfach komisch. Und es ist gut, dass es dieses Gefühl gibt, denn genau wie Angst, so kann einen das ,komische Gefühl' bewahren. Im gleichnamigen Bilderbuch, das erst kürzlich von Hans-Christian Schmidt und Andreas Német im Klett Kinderbuch Verlag erschienen ist, geht es genau um dieses Empfinden. Das Buch ist aus Sicht des Gefühls geschrieben und es stellt sich den kleinen Zuhörerinnen und Zuhörern vor.

Beim Vorlesen wird schnell klar, das ,komische Gefühl' ist immer da, begleitet und schützt einen, zum Beispiel dann, wenn einem die Tante zur Begrüßung mal wieder einen ekeligen Schmatzer auf die Backe drücken möchte. Das mag vielleicht banal erscheinen, ist es aber nicht. Es überschreitet dann eine Grenze, wenn jede und jeder von uns eine andere Personen, nicht um Erlaubnis fragt, sondern Berührungen selbstverständlich ausführt. Den Kleinsten wird durch die anschaulichen und mit Alltagssituationen gespickten Illustrationen schnell klar, dass sich hier etwas nicht gut anfühlt und dass dieses Unwohlsein genau so in Ordnung ist. ,Wenn der Erwachsene kein Doofi ist', dann hört er auf und respektiert das ,Nein' des Kindes.

Weil „Nein“ einfach „Nein“ heißt

,Nein' zu aufdringlichen Fragen, ,Nein' zu unangenehmen Blicken und erst recht ein ,Nein' zu einer belastenden Berührung. „Nein. Ich will das nicht. Hör auf! Lass sein!“. Diese Sätze prägen sich ein. Genau diese Hilfestellung zeigt sich weiter hinten im Bilderbuch klar abgegrenzt auf gelben Seiten. Es wird konkreter: Kinder erfahren hier, wie sie sich in dieser Situation selbst stärken können und dass sie sich, ,wenn der Erwachsene doch ein Doofi ist', Hilfe suchen sollen. Es soll eine Person sein, der sie vertrauen. Auch hier geht das Buch ins Detail, denn nicht selten passieren diese Handlungen im vertrauten Umfeld von Kindern. Wem kann man sich eigentlich noch anvertrauen, wenn eine vertraute Person einem etwas Schlimmes angetan hat? Aus diesem Grund werden Kindern daher verschiedene Personen aufgezählt: Eltern, Großeltern, Freund oder Freundin, Erzieherin oder Erzieher und Lehrkräfte. Unter diesen Erwachsenen ist jemand, der einem helfen wird. Das Gefühl sagt einem ,Jetzt holen wir uns Hilfe.' Ein Bilderbuch, das von uns eine ausgesprochen große Leseempfehlung erhält.

,Klär mich auf' von Sexualpädagogin Katharina von Gathen und Illustratorin Anke Kuhl ist fast schon ein Klassiker unter den Kinderbüchern zum Thema Aufklärung (wenn auch ein ganz junger Klassiker). In diesem dicken Büchlein mit ungewöhnlichem, aber tollem handlichen Format, sind 101 echte Kinderfragen rund um den Körper, Sexualität und Aufklärung gesammelt worden. Fragen, die Katharina von Gathen in einem Briefkasten von Kindern selbst anonym zugesandt bekommen und daraus eine Sammlung zusammengestellt hat.

Fragen, die zeigen, was Kinder im Grundschulalter zu den Themen Körper und Aufklärung wissen wollen und wie neugierig sie auf ein aufregendes Thema sind, das in Familien oder Bildungseinrichtungen oftmals nicht ebenso im Alltag besprochen wird. Wie gut, das mit diesem Buch eine bunte Mischung an Fragen zusammengetragen wurde, die Anlass zum Gespräch zwischen Kindern und Erwachsenen geben können. Fragen, wie zum Beispiel „Warum wachsen Haare am Körper?“, „Wie fühlt sich Sex an?“, „Was ist ein Kaiserschnitt?“ oder „Können Tiere schwul sein?“.

Die Antworten auf diese und viele andere Fragen werden in diesem Buch absolut kindgerecht und verständlich, aber dennoch pfiffig und sehr offen beantwortet. Mit witzigen, cartoonartigen, manchmal provokativen Illustrationen unterstreicht Anke Kuhl die Fragen der einzelnen Kinder, die auch weniger leichte Themen wie Abtreibung oder Verlust von Ungeborenen ansprechen, aber oftmals auch völlig unbedarft, offen und mit einer großen Portion Humor Fragen zu den Themen Pubertät, Aufklärung, Sexualität, Schwangerschaft und Geburt stellen.

Ein wunderbar einfühlsames, ehrliches Aufklärungsbuch, das die kindliche Perspektive nicht aus dem Blick verliert und dadurch gerade für Kinder selbst so wertvoll ist. Für die eine früher, für den anderen später, aber irgendwann geht es für alle Kinder und Jugendliche in Richtung Pubertät und Erwachsensein. Und damit verbunden stehen viele Veränderungen, Fragen, Gefühle und auch persönliche Probleme an, die Jugendliche nicht (immer) mit Erwachsenen besprechen möchten.

Mit 'So überlebst du die Pubertät. Für jede*n' von Gina Loveless und Lauri Johnston (Illustrator) haben alle ein Aufklärungsbuch an der Hand, die mehr über ihren (verändernden) Körper wissen wollen, wie beispielsweise über Brüste, Behaarung, Stimme, Haut, Geschlechtsorgane oder Schweiss. Und alle, die neugierig sind mehr zu den Themen zu erfahren, die einen in der Pubertät umtreiben, wie zum Beispiel psychische Gesundheit, Selbstbewusstsein, Mobbing, Mediennutzung, Transgender, das Verlieben, Belästigung und Missbrauch. Eine große Vielzahl an Themen, die dabei sowohl ernsthaft-informativ als auch jugendlich-locker angesprochen werden. Und dabei ist nicht nur der Sprachstil, sondern auch die visuelle Darstellung divers und ansprechend – weder überladen noch langweilig, sondern frisch, altersgerecht, zeitlos und interessant. Dieses inklusive Aufklärungsbuch ist dadurch etwas für alle, die einen Ratgeber für eine besondere, aber manchmal auch etwas schwierige Zeit suchen: Die Jugendlichen in der Pubertät selbst, interessierte Kinder vor der Pubertät, aber ebenso die Eltern und andere Familienangehörige.

Mehr auf www.kinderbuchstabensuppe.de und in den sozialen Medien.

Die Bücher

„Ein komisches Gefühl“ von Hans-Christian Schmidt und Andreas Német

(Illustrationen). Erschienen 2022 im Klett Kinderbuch Verlag. 40 Seiten, ab vier Jahren.

„Klär mich auf. 101 echte Kinderfragen rund um ein aufregendes Thema“

von Katharina von der Gathen und Anke Kuhl (Illustration). Erschienen 2014 im Klett Kinderbuch Verlag. 216 Seiten, ab acht Jahren.

„So überlebst du die Pubertät“ von Gina Loveless, Lauri Johnston (Illustrationen), Anna Taube (übersetzt aus dem Amerikanischen). Erschienen 2022 im Loewe Verlag. 192 Seiten, ab zehn Jahren.

Rückblick

  1. Corona-Tagebuch: Manche haben den Dreh raus
  2. Wo kommt der Name Geßlein her?
  3. Corona-Tagebuch: Eine Begegnung im Nebel
  4. Fotoausstellung im Naturkunde-Museum Coburg
  5. Der ganz normale Wahnsinn in der Kita in Seubelsdorf
  6. Drei Michelauer als Volunteers in München
  7. Corona-Tagebuch: Von Mozart bis Rock im Park
  8. „Kochen ohne Grenzen“ im MUPÄZ in Kulmbach
  9. Stadtbau Bamberg will klimaneutral werden
  10. Corona-Tagebuch: Was der alten Frau bleibt
  11. Corona-Tagebuch: Denkwürdige Worte
  12. Till Mayer: Menschen der Ukraine eine Stimme geben
  13. Corona-Tagebuch: Aussichtsreiches Türmer-Leben
  14. R.I.O.!-Clubtour: Die Sieger kommen aus Hof
  15. Corona-Tagebuch: Die Sache mit Rinderrouladen
  16. Corona-Tagebuch: Fremdschämen mit Gegenlicht
  17. „Gemeinsam für Kinderrechte“ in den Kitas
  18. Corona-Tagebuch: Alles eine Frage der Sauberkeit
  19. Studium im Wintersemester in Bamberg
  20. Teilhabe für alle Menschen an der Bamberger Musikschule
  21. Corona-Tagebuch: Vorsätze, Lust und Laune
  22. Mit Theater und Nappydancers
  23. Corona-Tagebuch: Verwahrlosung rund um die Mohrrübe
  24. Kinderbuchstabensuppe: Noah, Schulzwerge und Uli
  25. Online-Treffpunkt für Feuerwehrleute auf Facebook
  26. Corona-Tagebuch: Kaffee, Stolpern und Nachtschicht
  27. Corona-Tagebuch: Fahne auf Halbmast
  28. SoLaWi läuft gut in Wolfsloch
  29. Corona-Tagebuch: Das Glück bei den Frauen
  30. Lichtenfels: Ausstellung über Deportation
  31. Andreas Motschmann über autofreien Sonntag in Bolivien
  32. Corona-Tagebuch: Die hohe Kunst der Diplomatie
  33. Corona-Tagebuch: Erinnerung an den Opa
  34. Dank App sorgenfrei als Diabetiker Sport treiben
  35. Lichtenfelser Tierheim am Rand seiner Kapazität
  36. Corona-Tagebuch: Eine Jacke als Nachricht
  37. Corona-Tagebuch: Kleiner Test in Sachen Wortschatz
  38. Frauenfussball in Roth: Niemand kann sie stoppen
  39. Corona-Tagebuch: Pünktlichkeit zählt immer
  40. Sprach-Kita-Förderung: Programm droht zu verstummen
  41. 130 Kilometer Oldtimer-Glück in der Fränkischen Schweiz
  42. Corona-Tagebuch: Wenn gute Erziehung auf der Strecke bleibt
  43. Tom Sauer: „Wir konnten viel erreichen“
  44. Vorsicht: Hier geht es ums Urinieren
  45. Corona-Tagebuch: die bemerkenswerte Antwort
  46. Corona-Tagebuch: Reue oder doch Verdrängung?
  47. Corona-Tagebuch: Die Liebe, Mozart und die Blattern
  48. VGN: Abenteuer-Rallyes in fünf Städten zu gewinnen
  49. Corona-Tagebuch: Die Sache mit der Vergesslichkeit
  50. 31.000 strömen zur Naturbühne in Trebgast

Schlagworte