BRK-Kreisgeschäftsführer Petrak schreibt einen offenen Brief

LICHTENFELS

BRK-Kreisgeschäftsführer Petrak schreibt einen offenen Brief

Der Kreisgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes, Thomas Petrak, kritisiert die Entwicklung in den Pflegeheimen während der Corona-Pandemie. Dazu hat er einen offenen Brief an die Bundestagsabgeordneten Andreas Schwarz (SPD) und Emmi Zeulner (CSU) geschrieben, der dem Obermain-Tagblatt vorliegt. Die Redaktion veröffentlicht ihn im Wortlaut.

„Mit großer Sorge sehen wir die gegenwärtige Entwicklung bei den Pflegeeinrichtungen, insbesondere bei den Pflegeheimen.

Durch die Impfungen konnte in Deutschland schon viel erreicht werden. Die Corona-Pandemie befindet sich in einer anderen Phase als gegenüber der kritischen Zeit im Herbst letzten Jahres.

Menschen in Pflegeheimen profitieren nicht

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erläutert bei seinen Besuchen im Lande – wie jüngst in Bad Kissingen – diese positive Entwicklung. Er wird dabei von den Medien wie folgt zitiert: ,Wir impfen Deutschland in die Freiheit zurück.‘ Und weiter: ,Für Geimpfte und Genesene wird es keine weiteren Beschränkungen und Ausgangssperren geben.‘ Allerdings müssen wir erleben, dass von den positiven Entwicklungen die Menschen, die in Pflegeheimen leben, nicht profitieren. Im Gegenteil: Sie werden weiterhin unter strenge Auflagen gestellt.

In den Vorgaben des Robert-Koch-Institutes, auf die sich die Gesundheitsbehörden regelmäßig berufen, finden sich keine Erleichterungen für die Menschen, die in Pflegeheimen wohnen.

Auch vollständig Geimpfte werden nicht von Quarantäne ausgenommen

Der Abhandlung ,Kontaktpersonen-Nachverfolgung bei SARS-CoV-2-Infektionen‘, Stand: 11. August 2021, die man im Internet auf der RKI-Seite nachlesen kann, ist zu entnehmen, dass vollständig gegen Covid-19 geimpfte Personen zu einem bestätigten SARS-CoV-2-Fall von Quarantäne-Maßnahmen ausgenommen sind. Allerdings gilt das nicht für Menschen, die in Pflegeheimen wohnen!

In den weiterführenden Informationen ,Organisatorische und personelle Maßnahmen für Einrichtungen des Gesundheitswesens sowie Alten- und Pflegeeinrichtungen während der Covid-19-Pandemie‘ heißt es konkret: ,Vollständig gegen Covid-19 geimpfte Personen sind nach Exposition zu einem bestätigten SARS-CoV-2-Fall von Quarantäne-Maßnahmen ausgenommen, … Dies gilt für alle Personen mit Ausnahme von … 2) geimpften Bewohnerinnen und Bewohner von stationären Pflegeeinrichtungen, da durch diese die Weitergabe von Infektionen auf ungeimpfte Bewohner und Bewohnerinnen, ungeimpftes Personal sowie ungeimpfte Besucherinnen und Besucher erfolgen kann …‘

Beim Lesen dieser Zeilen fehlen einem die Worte. Hier wird einer Bevölkerungsgruppe nur, weil sie in einem Pflegeheim wohnt, der mögliche Wegfall der Quarantäne bei vollständiger Impfung grundsätzlich versagt! Da fragen sich die alten Menschen zurecht, warum sie sich haben impfen lassen, wenn sie dann weiterhin so drangsaliert werden. Für alle anderen Bevölkerungsgruppen, ob sie nun auf engsten Raum im Hochhaus leben, zusammen feiern, eng in Büros zusammenarbeiten etc. gilt das nicht! So kann man mit alten Menschen nicht umgehen.

„Da werden die, die geimpft sind, weggesperrt, um die, die sich nicht haben impfen lassen, zu schützen.“
Thomas Petrak, BRK-Kreisgeschäftsführer

Die Begründung, warum der Wegfall von Quarantäne-Maßnahmen für geimpfte pflegebedürftige Heimbewohner und -bewohnerinnen nicht gelten soll, kann nur wie Hohn und Spott aufgenommen werden. Da werden die, die geimpft sind, weggesperrt, um die, die sich nicht haben impfen lassen, zu schützen.

Für die Bevölkerung gilt der Grundsatz: erst Vorrang der Freiheit bei Impfung, dann im Einzelfall Einschränkung. Bei den Heimbewohnern gilt jedoch: erst Vorrang der Quarantäne, dann Einzelfall-Erleichterung. Das kann man doch keinem vermitteln. Sind die Heimbewohner kein Teil der Bevölkerung mehr?

Bewohnerschaft und Angehörige am Gängelband

Schon während der gesamten Pandemie mussten unsere Beschäftigten und die Bewohnerschaft erleben, wie sie mehr und mehr zu Befehlsempfängern der staatlichen Instanzen degradiert werden. Es vergeht nicht ein Tag, an dem mit völlig unüberschaubaren und teilweise nicht nachvollziehbaren Regelungen zusätzliche Arbeiten von den Beschäftigten abverlangt werden. Die Bewohnerschaft und ihre Angehörigen sind an einem Gängelband vermeintlicher Schutzmaßnahmen, die sie nicht mehr nachvollziehen können. Man muss nur einmal versuchen, in dem Dickicht der Internet-Seite des Robert-Koch-Institutes durchzukommen, geschweige denn durchzublicken.

Pflegeheime sind die Wohnungen für die Menschen, die dort Pflege und Betreuung erfahren. Zunehmend werden aber die Einrichtungen zu Krankenhäusern umfunktioniert, weil die staatlichen Instanzen meinen, nur so dem Corona-Virus begegnen zu können. Sie vergessen dabei, dass Pflegeheime eben nicht zu Krankenhäusern umfunktioniert werden können, weil sie überhaupt nicht die Infrastruktur dafür haben.

Alle Beteiligten sind frustriert, weil sich nichts bessert

Aber statt nach neuen Wegen und Antworten zu suchen, die das Leben im Wohnumfeld in Einklang bringen, werden Bewohnerschaft, Personal und Angehörige mit Kontaktpersonennachverfolgungs-Management, sich ständig wandelnden Hygiene-/Schutzkonzepten, Dokumentationswucherei und dauernd sich ändernden Besucherregelungen in Dauerstress versetzt. Alle Beteiligten sind frustriert, weil sie das Gefühl haben, es bessert sich nichts im Gegensatz zur mehrheitlichen Lebenswelt.

Wie selbstverständlich werden weitere Pflichten auferlegt, wie jüngst mit den anstehenden Auffrischungsimpfungen. Auch hier müssen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sich um den ganzen aufwendigen ,Papierkram‘ rund um die Impfungen kümmern, damit das Impfen für die anderen Stellen erleichtert werden kann.

Den Alltag nicht mit weiteren Regelungen erschweren

Träger, Einrichtungsleitungen, die Beschäftigten, die Bewohnerschaft und die Angehörigen unterstehen einer derartigen Befehlskette, das nicht selten der Eindruck entsteht, hilflos einer staatlichen Übergriffigkeit ausgesetzt zu sein. Wir wollen nicht, dass Pflegeheime zu Kasernen werden! Die Menschen in den Einrichtungen kommen nicht zur Ruhe. Das muss sich dringend ändern!

Der Bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek hat jüngst verkündet, man brauche eine Revolution in der Pflege. Uns würde es ja schon reichen, wenn nicht mit weiteren Regelungen, verantwortungsabschiebenden sogenannten ,Empfehlungen‘, Ansprüchen und Erwartungshaltungen der Alltag erschwert werden würde.

Bitte teilen Sie uns mit, wie Sie die Zukunft der Pflegeheime sehen. Wir glauben, dass nur die gewählten Volksvertreterinnen und Volksvertreter den Draht zur Bevölkerung haben. Die anderen höhergestellten Instanzen haben sich nach unserer Ansicht schon längt davon entfernt. Vielen Dank für Ihre ebenso offene Antwort.“